Lokales

Den berühmtesten Kiosk der Bonner Republik an den Haken gehängt

Falk Kazmaier aus Oberlenningen schickt ungewöhnliche Dinge auf Reisen: Den bekanntesten Kiosk der Bonner Republik, an dem sich auch Altkanzler Helmut Kohl und andere bekannte Politiker regelmäßig mit Zeitungen aus aller Welt eingedeckt haben, sowie den Keller eines alten Bauernhauses aus Pfronstetten-Aichelau, der jetzt im Beurener Freilichtmuseum steht.

IRIS HÄFNER

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LENNINGEN Die Bilder sind aus Amerika bekannt, dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten: Die Menschen ziehen mitsamt ihren Häusern, Marke Leichtbau, um. Hierzulande ist dies hauptsächlich Baudenkmälern vorbehalten. Um den Keller, der zu einem rund 500 Jahre alten Bauernhaus aus Aichelau im Kreis Reutlingen gehört, ins Freilichtmuseum Beuren zu transportieren, war ein Schwertransporter nötig. Damit dem historischen Bauwerk auf seiner nächtlichen Reise nichts passieren konnte, war Hightech gefragt. Jedes einzelne der neun Räderpaare des Tiefladers wurde von einem Computer separat gesteuert, damit eine ebene Transportfläche gewährleistet war. Schlaglöcher oder Bodenunebenheiten bis zu 40 Zentimetern konnten so ausgeglichen werden.

Bevor der Keller jedoch überhaupt auf die Reise gehen konnte, war eine ausgeklügelte Planung und vorsichtiges Arbeiten gefragt. "Die Umsetzung des Kellers auf diese Weise fand in Deutschland erstmals statt", erzählt Falk Kazmaier, Geschäftsführer von Kazmaier & Team in Oberlenningen. Der Ingenieur stand vor dem Problem, dass der Keller keine allzu große Stabilität vorweisen konnte. Ursprünglich hatte das um 1510 gebaute Haus keinen Keller, erst später gruben ihn Bewohner aus. Das dürfte eine schweißtreibende Arbeit gewesen sein, da in Aichelau recht schnell felsiger Untergrund zum Vorschein kommt. Der Gewölbekeller entspricht deshalb nur etwa einem Viertel der Hausfläche und ist zwischen 1,60 und 1,80 Meter hoch.

Zunächst einmal sicherten die Arbeiter das alte Gemäuer von innen. In Handarbeit wurden abschnittsweise Löcher ausgegraben und später mit Beton gefüllt. Diese Sockel waren zudem mit Baustahlgewebe verstärkt und mit Gewinden versehen, an denen später die Stahlträger montiert werden konnten. Gerüste stabilisierten von innen das teilweise brüchige Mauerwerk. In ähnlicher Weise gingen die Arbeiter auch an der Außenwand vor. Abschnittsweise wurde der Boden abgegraben und die freigewordene Fläche mit Spritzbeton verstärkt. Als genügend Platz geschaffen war, brachten die Handwerker Stahlträger an. So verpackt wog der transportbereite Keller 88 Tonnen. Unbeschadet und ohne Zwischenfälle kam er im Freilichtmuseum Beuren an.

Dies war dem Kiosk im ehemaligen Bonner Regierungsviertel nicht vergönnt. Zum einen ist sein endgültiger Standort noch unbekannt und zum anderen hat sich die Transportfirma bei der Routenplanung vertan. Die nur etwa zehn Kilometer lange Fahrt war schon nach wenigen hundert Metern zu Ende eine Kurve war zu eng. Am nächsten Tag wurde das gute Stück mit einem Spezialkran um die Ecke gehoben und erreichte ohne weitere Zwischenfälle das Betriebsgelände der Spedition, die vorübergehende Heimat.

Falk Kazmaier hat auch hier die Planung für die Umsetzung des Gebäudes übernommen, wobei die Aufgabe weitaus einfacher zu lösen war, da das Denkmalamt nur Wert auf das Gebäude ohne Keller gelegt hat. Der Kiosk, erbaut im Jahr 1957, ist für viele das Symbol der Bonner Republik und typisch für die Nierentisch-Ära. Das "Büdchen" war beliebter Treffpunkt der Politiker. Traf man sich dort, wurde bei einem Kaffee oder einer Zigarette über Parteigrenzen hinweg miteinander gesprochen. Altkanzler Helmut Kohl kaufte hier seine Zeitungen, wobei er meist seinen Fahrer schickte, und der bekannte Fernsehjournalist Friedrich Nowottny verkaufte dort nach einer verlorenen Wette bei "Wetten, dass . . ." einen Tag lang Würstchen.

Viele Zuschauer und einige Fernsehteams waren deshalb Mitte Oktober vor Ort, um mit Wehmut den Abtransport des Kiosks live zu erleben, der einstmals vor dem ehemaligen Kanzleramt und dem Bundestagshaus stand. Er musste einem internationalen Kongresszentrum weichen, das auch für UN-Konferenzen genutzt werden soll. Geplant ist, dass der Kiosk bis in etwa zwei Jahren unweit seines bisherigen Standorts wieder aufgebaut wird. Etwa 100 000 Euro kostet diese Aktion den koreanischen Investor. Der muss sich großflächig noch mit weiteren historischen Bauten auseinandersetzen: einer 3,7 Hektar großen römischen Siedlung, die Archäologen dokumentieren. Entdeckt wurden unter anderem eine Therme, Tonbrennöfen, Tempel und Fachwerkreihenhäuser. Dabei dürfte es sich um eine kleine Vorstadt der Legionsfestung "Castra Bonnensia" mit etwa 2000 Einwohnern handeln. "Möglicherweise ergibt sich ein Folgeauftrag, sollten Funde ähnlich wie der Kiosk gesichert und an anderer Stelle wieder aufgebaut werden", so der Ingenieur.

Die Arbeitsfelder von Falk Kazmaier sind jedoch nicht nur auf die Alb und am Rhein beschränkt. In New York war er an der Planung eines Football-Stadions mit 60 000 Plätzen beteiligt. "Meine Aufgabe war es, die Tragweitspanne des Daches von 200 Metern zu berechnen. Allein das Dach wiegt 3600 Tonnen", zeigt der Ingenieur die Dimensionen auf. Nicht nur wegen dieser ungewöhnlichen Aufgabe wird ihm dieser Aufenthalt im Gedächtnis bleiben: Die Flugzeugattentate auf die Twin Towers sah er von seinem New Yorker Büro aus.

Regelmäßig fliegt der Oberlenninger auch in den Senegal. Dort wird ein Zementwerk ähnlich wie das in Schelklingen gebaut. Als freier Mitarbeiter eines Stuttgarter Planungsbüros übernimmt er immer mal wieder die Bauaufsicht für die Silos.

Hoch hinaus en miniature will der bodenständige Schwabe mit seinem Hobby: Wer Falk Kazmaier in seinem Büro besucht, dem fallen unweigerlich die zahlreichen Baukran-Modelle auf. Was für Laien ziemlich gleich aussieht, lässt den Fachmann ins Schwärmen kommen. So gibt es Nadelauslegerkrane, Turmdrehkrane mit Katzausleger oder Schnelleinsatzkrane. Die Leidenschaft für die filigranen Stahlkonstruktionen hat er seinem Opa zu verdanken, der dem Enkel einen kleinen Kran schenkte, wenn er für seine Baufirma das Original erwarb. Wie es sich anfühlt, in luftiger Höhe in der Kabine zu sitzen, konnte Falk Kazmaier während seiner Lehrzeit erleben. "Ist eine Last dran, kippt der Kran leicht nach vorne", beschreibt er das schwankende Höhenerlebnis.