Lokales

Den eisernen Umlauf der Zeit kannte schon der Dichter

Heinz Dangel stiftete altes Ziffernblatt vom Kirchturm des Mörikekirchleins in Ochsenwang

Bissingen. „Zu Cleversulzbach im Unterland / hundertdreizehn Jahr ich stand, / auf dem Kirchenturm ein guter Hahn / als Zierat und Wet­terfahn‘. / In Sturm und Wind und Regennacht / hab‘ ich allzeit das Dorf bewacht. . . .“. Heinz Dangel kennt sie auswendig, die Zeilen, die

richard umstadt

Eduard Mörike in seinem Pfarrhaus in Cleversulzbach im Unterland über den bei Sturm und Wetter ergrauten Turmhahn reimte. Just als die Kirchengemeinde beim diesjährigen Dorffest im Sommer zur Spende für den desolaten Ochsenwanger Leidensgenossen des eisernen Federviehs zu Cleversulzbach aufrief, kamen sie dem 85-jährigen wieder in den Sinn. Und noch etwas fiel dem ausgewiesenen „Mörikefan“ ein. Im Herbst 1976,

als der Kirchturm renoviert wurde, hatte Heinz Dangel nicht nur einen Zeiger und eines der neuen Ziffernblätter gestiftet. Er hatte auch, als für Reparaturen an dem 300 Jahre alten Gotteshaus das Geld klamm war, eines der alten Ziffernblätter mitsamt großem und kleinem Zeiger ersteigert. Spontan entschloss sich der lokalpolitisch und historisch interessierte Ochsenwanger beim Gemeindefest, diese eiserne Zeitanzeige, an der schon lange die Farbe abblätterte, wieder der Kirchengemeinde zu schenken.

Den richtigen Zeitpunkt dazu fand Heinz Dangel beim Kirchenkaffee im Pfarr- und Schulhaus. Kirchengemeinderat Werner Ostertag freute sich über die Spende. Das Ziffernblatt ist gemeinsam mit dem alten Kirchengitter des Altars im ersten Stock des Kirchturms ausgestellt und kann bei Bedarf besichtigt werden. Heinz Dangel jedenfalls kommt ins Sinnieren, wenn er sich vorstellt, dass schon Eduard Mörike, der von Januar 1832 bis September 1833 Pfarrverweser in dem Albdörflein war, die Zeit auf dem alten Ziffernblatt abgelesen haben könnte. Wie oft hat er damals wohl die Zeiger der Turmuhr verfolgt? Wie oft die Zeit genommen und an seine geliebte Braut, Luise Rau, gedacht? In diese anderthalb Jahre hoch droben im „Reihernest“, wie Mörike Ochsenwang nannte, fallen nicht nur die schönsten Liebesbriefe an seine Geliebte in Plattenhardt, sondern fällt auch sein Roman „Maler Nolten“.

Ganz behutsam zieht Heinz Dangel ein Bändlein aus dem braunen Zigarettenschachtel großen Lederetui. Es ist die Feldpostausgabe „Gedichte von Eduard Mörike“ vom Juni 1943. Der Ochsenwanger trug das Büchlein als junger Gebirgsjägerleutnant in der Uniformbrusttasche mit sich und suchte während des Russlandfeldzugs Trost in den Versen des berühmten Dichterpfarrers: „Herr! Schicke, was du willt. / Ein Liebes oder Leides; / ich bin vergnügt, dass beides / aus deinen Händen quillt. . . .“ Auch heute ist dem Mörike-Fan das Gedichtbändchen und sein gereimter Inhalt lieb und teuer und er bewahrt es auf wie einen Goldschatz.

Apropos Goldschatz: Seit dem Erntedankfest erstrahlt der Turmhahn auf dem Gotteshäusle gegenüber der Mörike-Gedenkstätte wieder in „Glitz und Glanz“, „stolziert, prachtiert und dreht“ sich nun wie eh und je und wacht stolz über seine Ochsenwanger, die sich einen solch güldenen Gockel leisten können.

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