Lokales

Den Finanzbürgermeister zieht es nach Afrika

Den Haushalt in trockene Tücher bringen und dann gleich Lebewohl sagen. Genau diese Punktlandung gelang Leinfelden-Echterdingens Finanz- und Sozialbürgermeister Gerhard Haag (CDU), als er gestern Abend den Verwaltungsausschuss des Gemeinderats verließ. Feierabend nach einer fast 40-jährigen Beamtenlaufbahn, davon die letzten 16 Jahre in Positionen, in denen er häufig im Licht der Öffentlichkeit stand.

HARALD FLÖSSER

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LEINF.-ECHTERDINGEN Auf den Fildern verwaltete Haag seit 1999 die Finanzen einer der wirtschaftlich potentesten Kommunen im Landkreis. Zuvor war der heute 57-Jährige zweiter Mann im Esslinger Landratsamt. Unter Landrat Hans-Peter Braun wirkte der promovierte Jurist sieben Jahre als Erster Landesbeamter.

Das war die große Kampfzeit der Müllverbrennung, erinnert sich Haag. Die Müllberge drohten dem Landkreis über den Kopf zu wachsen, deshalb sollte in Sirnau eine riesige Abfallverbrennungsanlage gebaut werden. Doch daraus wurde bekanntlich nichts. Der Kelch und die damit verbundenen Belastungen sind an den Esslingern vorübergegangen, weil der Landkreis in letzter Minute doch einen Rückzieher machte.

Wie es das Schicksal so wollte, stand Haag auch an seiner nächsten eruflichen Station im Streit um ein Großprojekt auf der Seite der Verlierer. Derselbe Ulrich Bauer, der als OB in Esslingen erfolgreich gegen die Müllverbrennungsanlage mobil gemacht hatte, boxte als Geschäftsführer der Projektgesellschaft den Bau der neuen Landesmesse auf Echterdinger Gemarkung durch. Heute kann Haag darüber lachen. Hat er doch längst seinen Frieden mit der Messe gemacht. Als Finanzbürgermeister hätte der dreifache Familienvater gerne die 35 Millionen Euro eingestrichen, mit denen das Land und die Landeshauptstadt der Filderkommune ihre Zustimmung zur Messe versüßt hätte zu einer Zeit, als Leinfelden-Echterdingen längst auf verlorenem Posten stand. Es klingt nicht verbittert, wenn Haag rückblickend sagt: Man muss kapieren, wenn die Schlacht verloren ist. Er hat sich arrangiert mit vielen Sonderbarkeiten, die das politische Geschäft in Leinfelden-Echterdingen ausmachen. Der erfolglose Kampf gegen die Messe hat tiefe Gräben durch die Stadt gezogen. Seither geht in der Großen Kreisstadt viel Energie im Parteiengezänk verloren.

Die Abwahl des Ersten Bürgermeisters Ignaz Vamos im vergangenen Sommer war eines der politischen Schauspiele, mit denen sich Leinfelden-Echterdingen langsam den Ruf als Stadt von Streithanseln erarbeitet. Möglicherweise wäre Gerhard Haag, der vor allem bei der SPD umstritten ist, bei einer zweiten Kandidatur wie Vamos unter die Räder gekommen. Den Entschluss zu seinem Ausstieg habe er schon lange vorher gefasst, sagt Haag. Die aktuelle politische Situation habe ihn in dieser Entscheidung nur bestärkt.

Haag ist froh, dass er Haushaltsbücher zurücklassen kann, von denen andere Kommunen nur träumen können. Die Stadt ist schuldenfrei und wird dieses Jahr allein aus der Gewerbesteuer etwa 35 Millionen Euro einnehmen, mit denen sich gut haushalten lässt. Zufrieden ist Haag auch deshalb, weil zum Ende seiner Amtszeit noch eine wichtige Weichenstellung erfolgte: Leinfelden-Echterdingen baut seine Spitzenposition als kinder- und familienfreundliche Stadt damit aus, indem es Eltern ermöglicht, ihre Kinder bei Tagesmüttern zum gleichen Preis betreuen zu lassen wie in Kindergärten.

Mit 57 Jahren hat Haag noch viel Zeit, seine Träume auszuleben. In der Führungsakademie des Landes hat er mit jungen Jahren seine Liebe zu fremden Ländern und Kulturen entdeckt. Drei Monate in Japan haben ihn so fasziniert, dass er seither keine Gelegenheit verstreichen ließ, im Ausland neue Erfahrungen zu sammeln. In Zusammenarbeit mit der evangelischen Landeskirche hat sich der Jurist schon in vielfältiger Weise in der Entwicklungshilfe engagiert. Über Ostern wird er wieder nach Äthiopien reisen, um in der Hauptstadt Addis Abeba mitzuhelfen beim Bau eines Hauses für 55 Straßenkinder. Im Augenblick verhandelt Haag mit verschiedenen Organisationen, die in der Entwicklungshilfe tätig sind, um seine Dienste anzubieten. Ich würde gerne für ein Jahr nach Afrika gehen, sagt der gebürtige Mettinger. Dort könnte er sich vorstellen, einer Organisation oder einer Stadt beim Aufbau einer funktionierenden Finanzverwaltung zu helfen. Verschiedene Angebote lägen ihm bereits vor, erzählt Haag. Doch bevor er sich in ein solches Abenteuer stürzt, will er endlich lernen, fließend englisch zu sprechen. Dazu möchte er vier Wochen in die USA reisen. Vielleicht kommen ihm da die Kontakte zugute, die er mit der Partnerstadt York pflegt.