Lokales

Den Kurs der Kirche mitbestimmen

Rund 80 000 Wahlberechtigte dürfen im Wahlkreis Kirchheim/Nürtingen zur Kirchenwahl

Am 1. Dezember werden die evangelischen Kirchengemeinderäte und die Württembergische Landessynode neu gewählt. Was Erstere machen, können sich viele noch vorstellen. Aber was bitte macht ein Synodaler? Er entscheidet über vieles, was auf den kirchlichen Alltag vor Ort erhebliche ­Auswirkungen hat.

Am 1. Dezember sind 80¿000 Wahlberechtigte im Wahlkreis Kirchheim/Nürtingen aufgerufen, die evangelischen Kirchengemeinderäte un
Am 1. Dezember sind 80¿000 Wahlberechtigte im Wahlkreis Kirchheim/Nürtingen aufgerufen, die evangelischen Kirchengemeinderäte und die Württembergische Landessynode neu zu wählen.Fotomontage: Jean-Luc Jacques

Kirchheim. Vor sechs Jahren lag die Wahlbeteiligung bei den Kirchenwahlen im Wahlkreis Kirchheim/Nürtingen bei bescheidenen 26,5 Prozent. Diesmal gibt es zwei Neuerungen: Zum einen wurde die allgemeine Briefwahl eingeführt. Jeder der 80 000 Wahlberechtigten im Wahlkreis erhält die Unterlagen unaufgefordert frei Haus geliefert. Kann oder will er am ersten Advent nicht zur Wahl gehen, wirft er seinen Umschlag vorab im Pfarrbüro ein. Zum andern wurde das Wahlalter auf 14  Jahre gesenkt. „Wer konfirmiert ist und Pate werden darf, darf auch wählen“, sagt Dekanin Renate Kath.

Anzeige

Warum sollen die Kirchenmitglieder zur Wahl gehen? „Weil es ihnen nicht egal sein kann, wer den Kurs der Kirche bestimmt, wo die Schwerpunkte liegen“, betont Renate Kath. Die Kirche habe nicht für alles Geld. Deshalb müsse sie entscheiden, was zuerst dran sei. „Man kann nicht zehn Projekte gleichzeitig treiben“, sagt die Dekanin.

Die Hälfte der kirchlichen Einnahmen geht an die Gemeinden vor Ort. Damit unterhalten diese unter anderem ihre Gebäude und bezahlen Löhne. Die andere Hälfte erhält die Landeskirche; aus diesem Topf werden auch die Pfarrergehälter bezahlt. Über diese Hälfte entscheidet, oft nach langen Debatten, die Landessynode. Welche kirchlichen Einrichtungen und Tagungsstätten werden weitergeführt? Welche aus Spargründen geschlossen? Wo wird für die Zukunft investiert? Welche Mittel erhält die evangelische Akademie Bad Boll? Was geschieht mit dem Kloster Denkendorf? Auch die 1,4 Millionen Euro, welche die Landeskirche aktuell für die Flüchtlingshilfe bereitstellt, sind ein Beschluss der Synode. Sie kontrolliert die Arbeit der kirchlichen Verwaltung, des Oberkirchenrats in Stuttgart. Sie hat die Gesetzgebungsvollmacht, entscheidet über Gottesdienst- und Gesangbücher sowie die Konfirmationsordnung.

Zur Synode gehören 30 Theologen und 60 Nichttheologen. „Das Kirchenvolk ist zu zwei Dritteln vertreten“, sagt Renate Kath. Ihr ist wichtig, dass die Synodalen trotz ihrer zeitlichen Belastung den Kontakt zur Basis halten. Wie hoch ist diese Belastung? „Neun Sitzungstage pro Jahr, vielleicht sechs Tage für die Ausschüsse“, informiert Kirchenpfleger Bernd Kemmner. Doch das sei nicht alles. Hinzu kommen das Aktenstudium und die Gesprächskreise.

Diese sind zwar keine Parteien, haben aber dennoch ihre jeweils eigene Prägung – von der eher der missionarischen Arbeit verbundenen „Lebendigen Gemeinde“ bis hin zur eher progressiven „Offenen Kirche“. „Evangelium und Kirche“ sieht sich vermittelnd in der Mitte, ist im Wahlkreis Kirchheim/Nürtingen ein Wahlbündnis mit der „Lebendigen Gemeinde“ eingegangen. Die jüngste Gründung, „Kirche für morgen“, versteht sich als Reforminitiative.

„Man wählt die Köpfe, die man kennt“, betont jedoch die Dekanin. Das sieht Bernd Kemmner ähnlich: „Wenn man jemanden kennt, ist der Gesprächskreis zweitrangig.“

Zugleich werden im Wahlkreis in 70 Kirchengemeinden die Kirchengemeinderäte gewählt. Doch es wird immer schwieriger, Kandidaten zu finden. Wer kann sich in solchen beruflich flexiblen und anstrengenden Zeiten schon für sechs

Jahre verpflichten? Eine Kirchengemeinde ab 1 500 Mitgliedern sollte neun Kirchengemeinderäte haben. Findet sie nicht genügend Bewerber, kann sie sich vom Oberkirchenrat eine Größenklasse niedriger einstufen lassen. Dann wären im oben genannten Beispiel nur noch sieben Kandidaten nötig.

„Das ist kein leichtes Amt“, gibt Renate Kath zu bedenken. Es gehe darum, Projekte anderer mitzutragen, Veränderungsprozesse zu steuern. „Ich habe Hochachtung vor allen, die das neben dem Beruf machen.“

Die Wahlzentrale wechselt bei jeder Kirchenwahl zwischen Kirchheim und Nürtingen, diesmal ist Kirchheim dran. Geht die Synodalwahl nicht extrem knapp aus, stehen noch am Abend des ersten Advents die neuen Synodalen fest. Platz ist nur für einen von drei Theologen und für drei der fünf Nichttheologen.