Lokales

"Den Umgang mit Tod und Sterben neu kommunizieren"

KIRCHHEIM "Wie werden Sie Ihre letzte Reise antreten? Haben Sie ihren Koffer schon gepackt, das letzte Hemd hineingelegt? Wie stellen Sie sich Ihren letzten Platz auf Erden vor? Haben Sie schon mit Ihren Angehörigen darüber gesprochen?" Mit



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RENATE SCHATTEL

diesen Fragen möchte die Ausstellung "Aus dem Leben Totenhemd + Grabmale als Lebenszeichen" aus Anlass des zehnjährigen Bestehens der Arbeitsgemeinschaft Hospiz im Untergeschoss des Kirchheimer Kornhauses konfrontieren.



Eberhard Haussmann, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Hospiz, begrüßte die zahlreich erschienenen Gäste und Mitarbeiter zur Ausstellungseröffnung und machte die Intention des Gezeigten klar: "Wir wollen ein Tabu brechen!" Den Umgang mit Tod und Sterben neu zu kommunizieren, dazu solle die Ausstellung mit ihren künstlerischen Darbietungen anregen.



Dass das Thema Tod und Sterben in unserer Gesellschaft tabuisiert wird, daran ließ die Kirchheimer Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker in ihrem Grußwort keinen Zweifel. Sterben und Tod passten nicht in eine Gesellschaft, die von Anti-Aging, ewiger Jugend und Schönheit geprägt sei. Wenn einen dann, so Angelika Matt-Heidecker, erbarmungslos die Endlichkeit einhole, bleibe meist nur die Hilflosigkeit. "Unsere Gesellschaft muss wieder lernen, den Tod als etwas Natürliches zu akzeptieren", ist sie sich bewusst. Die Ausstellung "Aus dem Leben Totenhemd + Grabmale als Lebenszeichen" könne dazu neue Denkanstöße geben. Sie stehe in einer ganzen Reihe von Veranstaltungen anlässlich des zehnjährigen Bestehens der Arbeitsgemeinschaft Hospiz. Rund 50 ehrenamtliche Begleiterinnen und Begleiter nehmen sich der Menschen an, die sich in einer Ausnahmensituation befinden, in der größten, die das Leben bietet. Die Oberbürgermeisterin sprach den Menschen im Hospizdienst ihre größte Hochachtung für die Arbeit aus, Sterbende und Angehörige einfühlsam zu begleiten. Und sie wies, "ohne einen Künstler, oder eine Künstlerin zurückzustellen", auf die Exponate der Kernzeitgruppe der Freihofgrundschule in der Ausstellung hin, die in ihrer Farbenvielfalt die unendliche Fülle des Lebens beinhalteten. Angelika Matt-Heidecker ist überzeugt, dass die Ausstellung den Besuchern den Umgang mit der Endlichkeit des eigenen Lebens oder der ihnen Nahestehender erleichtere.



Hospizmitglied Dr. Christoph Schubert-Weller hielt den Einführungsvortrag. "Die hier ausgestellten und installierten Lebenszeichen sind erste Boten einer künftigen künstlerischen Sterbe- und Bestattungskultur". Er deutete zu einigen dieser Lebenszeichen symbolisch-assoziative Zusammenhänge aus, wie zum Totenhemd. "Wir beginnen unser Leben im Mutterleib eingehüllt in eine Haut, die Embryonalhaut", erklärte Schubert-Weller. Manche Kinder würden mit dieser Haut geboren, der "Glückshaut". In manchen Gegenden heiße die Embryonalhaut auch "Geburtshemdlein". Das menschliche Leben sei ohne Verhüllung gar nicht denkbar und am Ende werde der Leib ein letztes Mal verhüllt. Im Mittelalter war es Brauch, die Toten in ein Leintuch einzunähen. Das Leichentuch erinnerte dann ein wenig an die Embryonalhaut. "Wir kommen umhüllt auf diese Welt, wir leben in Hüllen und wir verlassen diese Welt wiederum in Hüllen was ist verhüllt?", fragte der Hospizbegleiter. Verhüllt sei ein Geheimnis, das Leben selbst. Die Geste des Verhüllens als Symbol solle dem Leben Aufmerksamkeit und Ehre geben. Auch der Körper des Menschen selbst sei eine Hülle. Die Endsilbe "nam" im Wort Leichnam bedeute nichts anderes als Hemd, Hülle. Der Körper verhülle die Seele und achte sie so.



Das Symbol Grabmal bedeute, dass der Stein als Sinnbild des Unvergänglichen gesetzt werde, so Schubert-Weller. Im Volksglauben wurde dem Grabstein magische Kraft zugesprochen. Staub und Moos von Heiligengräbern dienten zu Heilzwecken. Der Stein halte den Toten im Grabe fest, auch für die Erinnerung.



Christoph Schubert-Weller erläuterte zudem die Bedeutung der Schmetterlinge als wundervolles Symbol für die Leichtigkeit des Seins. "Schmetterlinge erinnern uns daran, dass unsere Seele Flügel hat". Das griechische Wort für Seele, psyche, bedeute zugleich Schmetterling. Die Verwandlung von der Raupe zum Schmetterling sei ein Sinnbild der Auferstehung.



Das Hören sei eher der Zeit zugeordnet, in der Ordnung des Nacheinander. Zeitwahrnehmung geschehe durch die Wahrnehmung des Nacheinanders, wie es das Ticken der Uhr symbolisiert, zeigte Christoph Schubert-Weller in seinem Vortrag auf.



Eberhard Haussmann bat zum Abschluss die Künstlerinnen und Künstler, die die Ausstellung mitgestaltet hatten, nach vorne. Angela Hildebrandt kreierte die Klanginstallationen, Afra Banach entwarf die Totenhemden. Monika Majer und Jochen Herzog erarbeiteten eine Skulptur und ein Grabmal, die Kinder der Kernzeitbetreuung bastelten Schmetterlinge und ein Tuch, die Hospizgruppe stellte einen Koffer auf. Gemeinsam entstand eine Ausstellungskonzeption, die anspricht, neugierig macht, aber auch ehrfürchtig. Die Vernissage wurde musikalisch vom SingOutChor Kirchheim gestaltet.



Der ansprechende Katalog zur Ausstellung, von Rainer Hoffelner gestaltet, kann in der Ausstellung erworben oder unter info@hospiz-kirchheim.de bestellt werden. Bis zum 10. Oktober besteht nun die Gelegenheit, die Installationen, Skulpturen, Gedanken und Gegenstände zum Sterben und Tod auf sich wirken zu lassen.

"Totenhemd + Grabmale als Lebenszeichen" präsentiert die Hospiz-Ausstellung im Kornhaus.

Foto: Jean-Luc Jacques