Lokales

Den Weg zurück in die Schule ebnen

ESF-Modell „Schulverweigerung – Die 2. Chance“ geht in Verlängerung

Seit fast eineinhalb Jahren läuft das Modellprogramm „Schulverweigerung – Die 2. Chance“ im Landkreis Esslingen mit großem Erfolg. Kindern und Jugendlichen, die wiederholt oder dauerhaft im Unterricht fehlen, soll durch eine enge Begleitung der Weg zurück in die Schule geebnet werden. Jetzt wurde die erste Projektphase bis August 2008 verlängert, und auch die Finanzierung einer zweiten Phase bis 2013 aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds ist sehr wahrscheinlich.

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ulrike rapp-hirrlinger

Kreis Esslingen. „Das gibt uns eine gute Perspektive und Planungssicherheit“, freut sich Peter Dannenhauer, der das Projekt für den Trägerverbund im Landkreis Esslingen koordiniert. Neben dem Wächterheim in Kirchheim, dessen Geschäftsführer Peter Dannenhauer ist, sind die Jugendhilfeeinrichtungen der Kirchheimer Paulinenpflege und das von der Stiftung Jugendhilfe aktiv getragene Theodor-Rothschild-Haus in Esslingen mit im Boot, wenn es darum geht, jungen Menschen eine zweite Chance zum Erreichen eines Schulabschlusses zu geben.

Dazu hat der Trägerverbund, der im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend das Projekt verantwortet, zwei Koordinierungsstellen in Kirchheim und in Esslingen eingerichtet.

„Wir profitieren gegenseitig von unseren Kontakten und den Kenntnissen der örtlichen Situation“, lobt Peter Dannenhauer das Trägermodell. Inzwischen wurde ein enges Netz an Kontakten zu verschiedenen Hilfsangeboten geknüpft, von denen dann passgenaue Unterstützung für Schulverweigerer kommen kann.

Mehr als 50 Jugendliche zwischen sieben und 18 Jahren wurden im Projekt bisher betreut – zwei Drittel erfolgreich, so schätzen die Mitarbeiterinnen. Maximal ein Jahr individuelle Begleitung sieht das Projekt vor. „Der Bedarf ist groß“, weiß Projektleiterin Bettina Zagel. „Eltern und Kinder sind oft in großer Not mit dem Problem der Schulverweigerung. Die Betreuten kommen aus allen Schularten, bereits in der Grundschule taucht das Problem auf.“

Weil die Kapazität von 23 auf 35 Jugendliche aufgestockt wurde, haben Natalie Jandl und Marijela Ferrante jüngst Verstärkung durch Bernhard Kugler bekommen. Meist wenden sich Schulen oder der Soziale Dienst, aber auch Eltern, an die Projektmitarbeiterinnen. Diese suchen dann den Kontakt mit den betroffenen Jugendlichen und ihren Familien, denn ohne deren Einverständnis läuft nichts. „Der Jugendliche muss die Unterstützung wollen“, sagt Natalie Jandl. Auch alle anderen Beteiligten wie Schule, Sozialer Dienst oder auch Polizei werden eingebunden. „Es muss von allen Seiten die gleiche Botschaft an den Schüler kommen, nämlich dass die Schule Priorität hat“, betont Natalie Jandl.

Gemeinsam wird überlegt, wo die Probleme liegen und wie sie gelöst werden können. Denn Marijela Ferrante weiß: „Die Schule allein ist nie die Ursache, meist geht es vor allem um soziale Konflikte in der Familie oder in der Clique.“ Die Bandbreite der Ursachen für Schulverweigerung ist groß: So können ein Konflikt mit einer Lehrerin oder die Lücken in Mathe meist relativ problemlos bewältigt werden.

Schwieriger wird es, wenn gravierende psychische Probleme oder familiäre Belastungen vorliegen. „Wir möchten für jeden eine maßgeschneiderte Lösung finden“, erklärt Peter Dannenhauer. Dazu werden geeignete Hilfsangebote gesucht und die Hilfe organisiert. Das kann Nachhilfe ebenso sein wie klärende Gespräche, klare Regeln, die aufgestellt werden, Erziehungsberatung oder psychologische Betreuung.

Verbindlich werden die Schritte festgelegt, die dazu führen sollen, dass die Jugendlichen wieder in der Schule Fuß fassen. Dazu ist intensive Beziehungsarbeit nötig. „Das Tempo bestimmt der Schüler“, betont Natalie Jandl. Wichtig sei es, die Eigenverantwortung der Schüler zu stärken. Denn schließlich gehe es nicht nur um Krisenintervention, sondern um dauerhafte Stabilisierung, erklärt Marijela Ferrante. „Wir müssen den Jugendlichen die Mittel geben, ihre Probleme zu bewältigen. Denn keiner fühlt sich mit Schulverweigerung wohl“, ergänzt ihre Kollegin.

Dass auch schwierige Fälle nicht aussichtslos sind, zeigt die Jugendliche, die bereits von mehreren Schulen geflogen war, bevor sie bei Natalie Jandl landete. „Falsche Freunde“ seien hauptsächlich die Ursache für die Schulverweigerung gewesen, erzählt diese. Gemeinsam mit der Schülerin machte sich Natalie Jandl auf die Suche nach einer neuen Schule. Dort wurde überlegt, unter welchen Bedingungen der Neustart gelingen kann, und mit der Schülerin eine Bewährungsfrist vereinbart. „Wir arbeiten eng und vertrauensvoll mit den Schulen zusammen“, erzählt Natalie Jandl. Gleichzeitig unterstützte sie die Familie der Schülerin: „Wir haben detaillierte Regeln für den Alltag abgesprochen, etwa, wann Hausaufgaben gemacht werden, welche Pflichten in der Familie übernommen werden und wann sie heimkommen muss. Außerdem haben wir verbindlich die Konsequenzen geklärt.“ Dass die Schülerin inzwischen schulisch wieder fest im Sattel sitzt, freut Natalie Jandl besonders.

Je früher die Probleme angegangen werden, umso größer sind die Chancen auf Erfolg. Damit Pädagogen relativ frühzeitig erkennen, wenn ein Schüler gefährdet ist, engagieren sich die Projektmitarbeiter dank guter Kontakte zum Amt für Schule und Bildung verstärkt auch in der Information und Fortbildung von Lehrern.

Der Deutsche Verein für öffentliche und private Fürsorge begleitet das Programm fachwissenschaftlich und hat hierfür eine Zentrale Regiestelle eingerichtet. Von dieser Schaltstelle aus werden die bundesweit insgesamt knapp 70 Projektstandorte koordiniert. Die Kontaktstelle für Kirchheim und Nürtingen ist besetzt mit Natalie Jandl und Bernhard Kugler im Wächterheim, Schlierbacher Straße 43, 73230 Kirchheim, Telefon 0 70 21/97 36 23, E-Mail: 2.Chance@waechterheim.de.