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"Den Zusammenprall der Kulturen gibt es bei uns so nicht"

KIRCHHEIM Der türkisch-islamische Kulturverein hatte Muslime und Christen der Stadt am Sonntag zu einer Begegnung in das türkisch-islamische Kulturzentrum in der Lohmühlgasse eingeladen. Wie wichtig solche Begegnungen in einer Zeit der Irritationen zwischen der

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GUNDHARD RACKI

christlichen und der muslimischen Kultur sind, wurde daran sichtbar, dass über einhundert Angehörige der beiden großen Religionen gekommen waren. Es war bereits die achte wechselseitige Einladung in einer Reihe von Veranstaltungen, die seit 1990 Christen und Muslime regelmäßig zusammenbringt.

Imam Yüksel, Vorbeter der Moschee in der Lohmühlgasse, betonte, dass die Muslime in Deutschland, auch die seiner Gemeinde, nichts mehr wünschten, als ein friedliches Zusammenleben mit den Angehörigen anderer Religionsgemeinschaften. Die Friedfertigkeit der Muslime in Deutschland habe sich auch darin gezeigt, dass sie sich trotz der als Schmähung ihrer Religion empfundenen Darstellungen des Propheten auch in deutschen Zeitungen nicht zu gewalttätigen und unbesonnenen Aktionen hätten hinreißen lassen.

Er wünsche sich, dass seine Kultur in Zukunft nicht eine Kultur neben der Mehrheitskultur bleibe, sondern dass eine Kultur entstehe, die die Vorzüge des Islam und des Christentums vereinten.

Pastoralreferent Jochim betonte als Vertreter der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen den muslimischen Besuchern gegenüber, dass die christlichen Kirchen in Deutschland die Verletzung religiöser Gefühle ablehnten, aber auch die Gewalttätigkeit von Menschen, die vorgäben, im Namen einer Religion zu handeln, ohne zu wissen, dass auch in ihrer Religion Friedfertigkeit ein zentrales Element sei. "Den Zusammenprall der Kulturen gibt es bei uns nicht", stellte Reinhold Jochim fest. In Kirchheim würden vielmehr Christen und Muslime schon seit Jahren unspektakulär aufeinander zugehen und auch in schwierigen Situationen im Gespräch blieben.

Das Thema dieses Treffen war die Bedeutung Abrahams für die drei monotheistischen Religionen der Juden, Christen und Muslime. Von allen drei Religionen wird Abraham als Vorbild im Glauben verehrt, und von Juden und Muslimen als ihr Stammvater. Abraham hat sich dem "Einen Gott" zugewandt, zu dem später Mose, Jesus und Mohammed gebetet haben. Pfarrerin Lotze aus Stuttgart sprach über Abraham im Alten Testament und zeigte auf, wie Abraham Gott vertraute und an seine Versprechen glaubte. Abraham sei vom Land seiner Väter weggegangen, als Gott ihm versprach, ihn in ein neues Land zu führen, führte sie aus und verwies auf die Parallelen zwischen Abraham, der aus dem Lande Ur, im heutigen Südirak, aufbrach, und den Flüchtlingen von heute, die ihr Ziel auch nicht kennen und nicht wissen, wie die Menschen auf ihrer Wanderung mit ihnen umgehen werden.

Imam Yüksel, gab eine Darstellung des "Ibrahim", wie Abraham von den Muslimen genannt wird, aus der Sicht seiner Religion. Ibrahim gehöre wie Noah, Mose, Jesus und Mohammed zu den "Großen Propheten".

In den anschließenden Gesprächen wurde deutlich, dass beide Seiten eine Tradition suchen, die ein weltoffenes, durch die Aufklärung geprägtes Christentum und einen ebenso weltoffenen, sich auf seinen Ursprung besinnenden Islam miteinander verbinden kann.

Ein Jahrtausend Kriege zwischen Christentum und Islam und die gegenwärtigen Spannungen hätten den Blick dafür getrübt, dass beide Religionen mit dem Judentum einen gemeinsamen Ursprung hätten. Zwar sei bekannt, dass diese drei Religionen einen monotheistischen Gottesglauben verträten, wenig geläufig sei jedoch, was für eine Einstellung zum Leben darin beschlossen sei, bemerkte ein Teilnehmer. Dabei brauche man nur den im Islam erhobenen Anspruch, der Islam sei die Religion Abrahams, des "Vaters des Glaubens", ernst zu nehmen, um eine, das konkrete Leben prägende innere Zusammengehörigkeit der drei Abraham-Religionen zu erkennen. Islam, also Hingabe, weise auf die Grundgeste abrahamitischer Religiosität hin: "Abraham fiel auf sein Angesicht nieder". Eine Geste, die heute noch von jedem Muslim bei seinen fünf Tagesgebeten nachvollzogen werde.

Angesprochen wurde auch das Judentum. Das Judentum sei die Religion Moses, der zwar in der Geschichte vom brennenden Dornbusch seine abrahamitische Grundeinstellung zum Leben zum Ausdruck bringe, der aber am Sinai furchtlos zu Gott aufsteigt, um Auge in Auge mit ihm zu reden. Ein anderer Gesprächsteilnehmer ergänzte, dass im Christentum diese Religiosität durch Jesus weitergeführt würde, dem sich das ursprünglich dunkle Antlitz Gottes aufhelle zum Abba, dem fürsorglichen Vater eines jeden Menschen. Der Islam werde zur blinden Unterwerfung und führe zu einem Rückfall in gewaltorientiertes Stammesdenken, wenn er nicht offen sei für das Ringen mit Allah, war die Ansicht eines Besuchers.

In jedem der kleinen Gesprächskreise kamen Muslime und Christen auf den Karikaturenstreit zu sprechen. Die Muslime machten deutlich, dass es nicht primär um die bildliche Darstellung des Propheten gehe, sondern um die Art und Weise, wie er in den Karikaturen dargestellt wurde. Ein muslimischer Teilnehmer meinte, im Koran werde die bildliche Darstellung von Mensch und Tier nicht ausdrücklich verboten, dagegen finde sich im Hadith, das ist das Buch der Worte und Handlungen des Propheten, ein solches Verbot dergestalt, dass Maler oder Bildhauer, die Lebewesen darstellten, am Tag des Jüngsten Gerichts aufgefordert würden, diesen Wesen Leben einzuhauchen; und da sie dies nicht könnten, würden sie zur Hölle verdammt.

In frühislamischer Zeit hielt man sich nicht völlig an dieses Verbot, es setzte sich erst im 8. Jahrhundert durch. Eine Ausnahme bilde die persische und auch türkische Miniaturenmalerei, und in dieser fänden sich auch Darstellungen des Propheten, wobei dessen Gesicht aber weiß gelassen worden sei. Bei den Schiiten, also bei der im Iran vorherrschenden Richtung des Islam, seien gemalte Darstellungen des Vetters des Propheten, Ali, und seiner Nachkommen üblich.

Pfarrer Gölz dankte der türkisch-islamischen Gemeinde für ihre Gastfreundschaft und lud alle zum nächsten christlich-islamischen Gesprächskreis ein, der am Freitag, 24. Februar, um 19 Uhr, im Gemeindehaus der Christuskirche beginnt. An diesem Abend sollen Muslime Christen nach ihrem Glauben fragen.