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Denn sie wissen nicht, wer sie sind

War die Werbung misslungen? Oder interessieren "Toleranz, Islam und der Dialog der Kulturen" nicht? Jedenfalls sprach der Publizist, Buchautor, Rechtsanwalt, Nahostkenner und langjährige Auslandskorrespondent der ARD bei den Wernauer Arbeits- und Begegnungsstätten (ArBeg) vor nur zehn Gästen. Er und das Thema hätte anderes verdient.

PETER DIETRICH

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WERNAU Plakative Parolen sind nicht seine Angelegenheit. Forderungen könnten vom rechten politischen Rand leicht missbraucht werden, weiß Marcel Pott, und hält deshalb eine "differenzierte Sprache" für notwendig. So erlebten die Zuhörer einen sehr nachdenklichen Redner der trotzdem zu Potte kam, wo andere feige gekniffen hätten. Er begann mit einem kurzen geschichtlichen Rückblick vom schlimmen Gebaren der Kreuzritter in Jerusalem bis zu den Osmanen vor Wien: Klischees und Vorurteile gebe es seit Jahrhunderten auf beiden Seiten.

"Eine Werteordnung können wir nur verteidigen, wenn wir sie definiert haben", betonte Pott. Genau hier liege das aktuelle Problem: "Wir wissen nicht, wer wir sind, weder formal noch inhaltlich." Die Zeit, als die kulturelle Identität über Religion und Nation definiert wurde, sei in Westeuropa vorbei, in der Postmoderne habe Beliebigkeit um sich gegriffen: "Wenn wir von einem konservativen muslimischen Vater aus Ostanatolien verlangen, dass er sich unserer Werteordnung unterwirft, welche Werte meinen wir dann? Das kann keiner genau sagen."

Dies führte zu Potts zentraler Forderung: "Wir müssen uns die Mühe machen, unsere Grundwerte klar abzugrenzen." Dazu gehören für ihn auch Dinge wie Höflichkeit, Respekt vor dem Alter und dem Recht des Anderen. Niemand könne behaupten, dass davon etwas für eine Gesellschaft schädlich sei. "Der Islam hat viele Gesichter", unterstrich Pott und kritisierte einen verengten Blick nur auf die Dschihadisten. Leider wüssten die Leute zu wenig und die Massenmedien täten zu wenig. Der Islam sei nicht nur ein religiöses Bekenntnis, sondern auch ein soziales System. Wenn Khomeini sogar Vorgaben formuliert habe, die sich auf die Körperhygiene beziehen, sei das mit dem Verständnis von Religion nach der Aufklärung nicht in Verbindung zu bringen. "Es hilft nichts, so zu tun, als müsse man nur miteinander reden, schon käme man einander näher", warnte Pott vor allzu naiven Ansätzen.

"Wir wollen Muslime als Individuen akzeptieren, aber diese müssen akzeptieren, dass liberale Grundrechte auf keinen Fall missachtet werden dürfen", unterstrich Pott. Wer meine, laut seiner Religion dürfe er seine Frau schlagen, dem müssten die Hände gebunden werden. Veränderungen hätten auch bei uns lange gedauert: Noch vor wenigen Jahrzehnten, nach dem alten Familienrecht, sei auch eine deutsche Frau dem Ehemann ausgeliefert gewesen. Deshalb müsse heute jede Frau das gleiche Recht haben. Jeder dürfe seine Religion leben, aber nur so lange, wie sie nicht mit den Grundideen eines liberalen Staates kollidiere. Pott unterschied jedoch zwischen dem Umgang mit Muslimen in Deutschland und der zwischenstaatlichen Ebene: "Es ist nicht unsere Aufgabe, anderen vorzuschreiben, wie sie ihren Staat zu organisieren haben."

Auch wenn er eigentlich ein Widerspruch sei, bräuchten wir einen staatlich kontrollierten Islamunterricht. Ebenso richtig sei Schäubles Einberufung einer Islamkonferenz, denn sie zwinge die islamischen Verbände, Farbe zu bekennen. Bisher drückten sie sich bei der "negativen Religionsfreiheit", also dem Recht eines Anhängers, sich öffentlich von seiner bisherigen Religion abzuwenden.

Die Suche nach den Grundwerten unserer Gesellschaft gab Pott den Zuhörern als Hausaufgabe mit. Mit einem klaren Hinweis: "Dass es den Deutschen gelungen ist, nach 1949 mit Unterstützung der Alliierten eine funktionierende Demokratie aufzubauen, darauf können wir stolz sein." Auch aufgrund der international anerkannten deutschen Gerichtsbarkeit steht für den Juristen Pott fest: "Wir haben keinen Grund, unser Licht unter den Scheffel zu stellen."