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Der „Adalbert Stifter der Kriminalliteratur“

Der in Stuttgart lebende Erfolgsautor Heinrich Steinfest präsentierte seinen neuesten Roman „Gewitter über Pluto“

Kirchheim. Von Margot Schieferle schon bei der Begrüßung euphorisch gefeiert, stand Heinrich Steinfest bei seiner Lesung in der Buchhandlung am Schweinemarkt in Kirchheim

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WOLF-DIETER TRuPPAT

unter gehörigem Erfolgsdruck. Verunsichert wurde er dadurch nicht. Souverän konnte er belegen, dass er nicht nur brillant schreiben und sehr gut lesen, sondern auch höchst interessant erzählen kann. Dass es in seinen Büchern zuweilen tatsächlich sehr skurril zugeht, machten seine gut gewählten Kostproben unmissverständlich deutlich.

Charaktere sind ihm dabei wichtiger als seine natürlich ebenfalls recht ungewöhnlich verlaufenden Plots. Virtuos gehäkelte Handlungsketten, die doch immer wieder zusammengefädelt werden und Personen mit zuweilen sehr schrägen Weltanschauungen fühlen sich bei ihm offensichtlich gut aufgehoben. Seine Personen heben ihn aus dem unüberschaubaren Meer „normaler“ und vorwiegend auf Finalspannung angelegter Romane hervor.

Seiner für Krimis eher ungewöhnliche Detailbesessenheit verdankt Heinrich Steinfest das ihm von „Literaturpapst“ Denis Scheck wohlwollend verliehene Prädikat: „Adalbert Stifter der Kriminalliteratur“.

Uneingeschränkt freuen wollte sich Heinrich Steinfest nicht über dieses „Kompliment“. Sein österreichischer „Kollege“, der zu den bedeutendsten Schriftstellern des Biedermeier zählt, wurde schließlich immer wieder dafür kritisiert, dass sich sein Werk im Darstellen von Natur und Landschaft erschöpfe. Etwas geschmeichelt fühlte sich Heinrich Steinfest durch diesen Vergleich aber doch. Auch wenn es in Kriminalromanen darauf ankomme, die Spannung zu erhalten und immer wieder zu steigern, könne es nicht angehen, ein literarisches Werk auf einen reinen Kriminalfall zu reduzieren, denn sonst fehle etwas.

Gut eingelebt zwischen Heinrich Steinfests Buchdeckeln hat sich beispielsweise ein etwas sonderbarer Starermittler namens Cheng. Der einarmige Chinese geht im Auftrag von Heinrich Steinfest inzwischen schon zum vierten Mal mit seinem Hund gemeinsam auf Verbrecherjagd beziehungsweise an die Lösung eines komplizierten Kriminalfalls.

Ihm zur Seite steht dabei kein alerter Polizeihund, der Spuren suchen oder Drogen finden kann. Er hat auch keinen kampferprobter Pitbull, der Feinden das Fürchten lehren und sie in die Flucht schlagen kann, sondern ein Tier, das wegen seiner altersbedingten Inkontinenz schon lange Zeit Windeln tragen muss.

Im australischen Albury zur Welt gekommen und in Wien aufgewachsen ist Heinrich Steinfest nach unkonventionellen Lehr- und Wanderjahren inzwischen in Stuttgart angekommen. Die Landeshauptstadt ist dem nestbeschmutzenden Österreicher zur Heimat geworden. Aufenthalte in Austria sind für ihn wie Urlaub, der seinem Sohn zeigt, „dass es dort noch viel mehr Menschen gibt, die so reden wie sein Vater“.

Wien nimmt dabei nicht nur im wahren Leben Heinrich Steinfests eine wichtige Rolle ein. Die Stadt wird in seinen Büchern immer wieder mit Hohn und Spott geradezu überschüttet. Zu Stuttgart, wo er inzwischen schon elf Jahre lebt, habe er noch etwas zu viel Distanz, um genauso böse Kritik zu üben. Dennoch lässt er eine seiner Romanfiguren davon überzeugt sein, dass jede Nudelsuppe mehr Esprit habe als ein Stuttgarter . Ein Anfang ist also schon einmal gemacht.

Sein Verhältnis zur Landeshauptstadt schlug sich schon intensiv in seinen für die Stuttgarter Zeitung geschriebenen Glossen „Steinfests Stuttgarturen“ nieder.

Heinrich Steinfest eignet sich aber vor allem für weniger vergängliche Medien als Zeitungen und Magazine. Das belegte der sprachgewaltige einstige Stipendiat der Kunststiftung Baden-Württemberg schon längst. Bis Ende der 90er-Jahre war er als freischaffender Künstler tätig und versuchte sich mit experimenteller Theaterarbeit. Dass er inzwischen als Schriftsteller ungemein erfolgreich ist, belegt eine lange Liste von Büchern und dazu gehörenden Preisen. Neben der Nominierung für den Deutschen Buchpreis im Jahr 2006 kann er auch schon vier Erfolge beim jährlich vergebenen „Deutschen Krimi Preis“ vorweisen.

In der Kirchheimer Buchhandlung Schieferle stellte sich der vor fantastischen Einfällen nur so sprudelnde Erzähler einem begeisterten Publikum vor und gewährte Einblicke in sein neuestes Werk. Ein Blick in den Waschzettel von „Gewitter über Pluto“ lässt schon erahnen, wohin die Reise geht – oder auch doch nicht.

Ein Buch, das damit beginnt, dass ein gefragter Pornostar am Set beschließt, sein Leben radikal zu verändern, um künftig Glück und Befriedigung aus einem Strickwarenladen zu gewinnen, verspricht tatsächlich Außergewöhnliches.

Dass der Laden auf den ungewöhnlichen Namen „Plutos Liebe“ getauft wird, der einstige Pornostar erst in ein Gewitter und mitten im Gewitter an die Frau seines Lebens - aber auch in einen Mordfall gerät, verrät noch sehr wenig über ein aberwitziges Buch, in dem die Leser nie vor Überraschungen sicher sein können.

Wenn dann auch noch Außerirdische die Szene betreten und das ohnehin schon ungewöhnliche Personal ergänzen, ist erahnbar, dass hier tatsächlich ein Krimi vorgelegt wird, der aus dem Rahmen des Üblichen fällt.

Heinrich Steinfest begeisterte seine alte und seine im Handstreich für sich eingenommene neue Fangemeinde gleichermaßen. Er überzeugte nicht nur als brillanter Leser und bescheidener Autor, sondern vor allem auch durch die Achtung, tiefe Verbundenheit und das unerschütterliche Verständnis, das er den von ihm zwar frei erfundenen, ihn doch auch oft anstrengenden Romanfiguren entgegenbringt. Sofort wird klar, dass er sie alle liebt und gleichzeitig auch unter ihrer Unberechenbarkeit leidet.

Wie ein Vater, der seine Kinder nach bestem Wissen und Gewissen erzogen hat, die sich dann aber ganz anders entwickeln, als er das eigentlich wollte, sieht er die von ihm erfundenen Personen als reale Figuren an. Sie haben ihr eigenes Leben und tun plötzlich Dinge, die er nie wollte, aber auch nicht verhindern kann.

Bei aller Skurrilität geht es bei Heinrich Steinfest doch auch immer wieder sehr geordnet und überraschenderweise sehr realistisch zu. Die Außerirdischen sind bei ihm daher keine glibbrigen gallertartigen Science-Fiction-Monster, sondern ganz normale Agenten von einem anderen Planeten, die genauso in Stuttgart-Botnang leben und wohnen wie Steinfests andere „normale“ Protagonisten auch.