Lokales

"Der Alte Spital" bot viel

Zum 1. Advent machte der Schwäbische Heimatbund Mitgliedern und Freunden in und um Kirchheim ein spätherbstliches Geschenk. Mit der Bahn ging es in die alte Reichsstadt Biberach.

KIRCHHEIM Durch das Ulmer Tor ging es mitten hinein in die Stadt. Dort war das erste Ziel "der Alte Spital" so sagt man dort. Der spätmittelalterliche Baubestand war einst das alte soziale Zentrum der alten Reichsstadt. Sie ist 1806 württembergisch geworden. Zuvor war sie auch drei Jahre badisch gewesen. Zuvor allerdings Jahrhunderte lang freie und stolze sowie wohlhabende Reichsstadt. Der erste württembergische König ließ freilich flugs alle Reichsadler herausmeißeln aus den Torwappen: unter den drei Hirschstangen wurde Biberach zum bloßen Oberamt. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich die Stadt wieder zum Industrie- und Wirtschaftsmittelpunkt des Oberlandes emporgearbeitet.

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Die Stadt war immer weltoffen. Ihre Barchentwaren wurden im Mittelalter europaweit vertrieben. Die Goldschmiedefamilie Dinglinger belieferte Dresdens Grünes Gewölbe mit exklusivsten Goldschätzen. Ein Bauernsohn aus der nächsten Umgebung, der 1905 verstorbene Anton Braith, gelangte als gefeierter Tiermaler im München des ausgehenden 19. Jahrhunderts zu Ruhm und Ehren. Er brachte seinen Malerfreund Christian Mali, mütterlicherseits ein Weilheimer, einen ebenso gefragten Landschaftsmaler, dazu den gemeinsamen Nachlass nebst bereits vorausbezahltem Denkmal seiner Vaterstadt Biberach zu vermachen. Dies erfuhren die 25 Teilnehmer im Museum der Stadt, früher bescheiden als Braith-Mali-Museum bezeichnet, inzwischen ein modernes Ensemble voller Schätze.

Ein Saal mit Bildern des Expressionisten Ernst Ludwig Kirchner, ein weiterer mit den bescheiden wirkenden ausdrucksstarken Bildern von Jakob Bräckle, ebenfalls Bauernsohn aus der Stadt, dann Johann Baptist Pflug als Bilderchronist des 19. Jahrhunderts. Der Höhepunkt: die originalen vier Räume der Salon-Ateliers von Braith und Mali im "altdeutschen" Stilempfinden der Zeit um 1900. 1906 bereits aus München transferiert, im Museum eingebaut, weitgehend so belassen, wie die Künstler sie hinterlassen haben.

Eine Stadtführung beschloss den Nachmittag. Die alte gotisch-barocke Martinskirche wird seit 1648 als Simultankirche in erprobter praxisnaher Ökumene genutzt. Die beiden großen Konfessionen feiern ihre Gottesdienste unter einem Dach. Freilich nach sorgsam abgestimmten Regeln. Der evangelische Mesner etwa reinigt das nördliche Mittelschiff, der katholische wird im südlichen tätig.

Abends am Marktplatz blieb die Gruppe erstaunt vor dem modernen Eseldenkmal stehen. Es ist hintersinnig aus menschlichen Schwächen gestaltet und heutige Eseleien auf die Schippe nehmend wie weiland der große Literat, auf dem Gebiet der Reichsstadt geboren, Christoph Martin Wieland, in seinen schelmischen "Abderiten" seiner Gesellschaft später den Spiegel vorgehalten hatte. Hier in Biberach brachte er erstmals Shakespeare auf eine deutschsprachige Bühne. Selbst Napoleon reichte dem Sohn der Stadt später die Hand in Weimar.

So war im Advend der Besuch von Biberach ein lohnendes Ziel. Die Stadt bot im aufgehenden Vollmond über Türmen und Giebeln noch die Stimmung des Weihnachtsmarktes: mit echtem Getier samt Esel in einer lebensgroßen Weihnachtskrippe. Der Maler Braith hätte wohl zum Skizzenbuch gegriffen.

hc