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Der Ausbau zur Festung verschlang einst 60 000 Gulden

KIRCHHEIM "Warum wurde eigentlich die Stadt Kirchheim zu einer Festung ausgebaut? Wie war das denn damals?" Michael Osdoba, der bei "Staatliche Schlösser und

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UTE FREIER

Gärten Baden-Württemberg" im Führungsbereich tätig ist, ließ die Zeit des Festungsbaus im 16. Jahrhundert wiederaufleben, ehe er die rund 30 Teilnehmer in sonst nicht zugängliche Räume der einstigen Festungsanlage führte.

"Ich baue mir Landesfestungen, beschränke mich auf wenige und baue diese dafür gut aus", so ähnlich könnten die Überlegungen des württembergischen Herzogs Ulrich um 1538 ausgesehen haben, meinte Osdoba. Herzog Ulrich (1487-1550) musste damals für die Sicherheit seines Landes sorgen. Nach 15 Jahren im unfreiwilligen Exil hatte er 1534 das Herzogtum zurückerobert und es als Lehen von den Habsburgern wieder zugesprochen bekommen. Zum Schutz des Herzogtums gegen die katholischen Habsburger und die Freien Reichsstädte ließ er sieben Festungen errichten, die seine Residenz Stuttgart vor allem gegen Osten und Süden absicherten: Hohenasperg, Hohenneuffen, Hohenurach, Hohentübingen, Hohentwiel und die beiden Stadtfestungen Schorndorf und Kirchheim.

Kirchheim wurde vermutlich gewählt, weil es strategisch günstig an einer Wegkreuzung lag. "Die Wahl dieses Standorts erwies sich im Nachhinein als Fehlentscheidung, denn die Festung wurde nie belagert und kam nie zum Einsatz", zieht Osdoba heute Bilanz. Die bereits bestehende doppelte Stadtmauer wurde durch den Bau des Schlosses ergänzt. Das Schloss war vollständig von einem Wassergraben umgeben, der um drei bis vier Meter tiefer war als heute und über den zwei Zugbrücken führten. Auf diese Weise war das Schloss nochmals eine Festung innerhalb der Stadtfestung. Sollten sich die Stadtbewohner gegen den Herzog erheben, konnte das Schloss gegen die Stadt verteidigt werden, fiel die Stadt, konnten die Bürger mit ihren Habseligkeiten hinter die Schlossmauern flüchten. Das wurde ihnen zugestanden als Gegenleistung dafür, dass sie sich sowohl finanziell als auch durch Fronarbeit beteiligen mussten am Festungsbau, der 60 000 Gulden verschlang.

"Hier sehen Sie die beiden württembergischen Herzöge, die den Festungsausbau betrieben, Herzog Ulrich und sein Sohn, Herzog Christoph", machte Osdoba auf die Porträts der Herrscher im Treppenaufgang des Schlosses aufmerksam, ehe es in den "Untergrund" ging. Einblicke "in ansonsten verschlossene Räume der ehemaligen Stadtfestung Kirchheim" hatte die Ankündigung zu dieser Sonderführung versprochen. Und so "wandelten" die Teilnehmer an der Führung auch nicht über gepflegte Parkettböden durch lichtdurchflutete Gemächer, sondern zwängten sich steile Treppen hinunter in dunkles, muffiges Gemäuer, wo es von der Decke tropfte und der Boden glitschig war. Schon beim Aufschließen der schweren Türen drang Kälte heraus, die mit jeder Treppenstufe zunahm.

Erste Station des Rundgangs war der einstige Vorratskeller. Hier wurden Lebensmittel eingelagert, etwa Getreide, Speck, Hülsenfrüchte und mehr als 10 000 Hektoliter Wein. Der Burgvogt hatte dafür zu sorgen, dass immer genügend Nahrungsmittel vorrätig waren, damit in Kriegszeiten die Stadtbewohner und die im Schloss stationierten Soldaten versorgt werden konnten. In Friedenszeiten hielten sich im Schloss nur etwa ein Dutzend Wachleute zur Sicherung des Schlosses und der Stadttore auf, doch in Kriegszeiten konnte die Besetzung anwachsen auf 1500 Mann. Sie verteidigten das Schloss von der Mauer und den Rundtürmen aus, den so genannten Rondellen.

Im Rondell, in das Osdoba die Gruppe führte, ist es kalt und feucht. Nur spärliches Licht fällt ein durch die kleinen Schießscharten, aus denen man in zwei Richtungen den Graben entlang spähen kann. "Durch diese Schießscharten schossen die Soldaten mit Hakenbüchsen", erläuterte Osboda, "der beißende Pulverdampf konnte durch die runden Maueröffnungen über den Schießscharten abziehen." Die Verteidiger waren hinter den dicken Mauern sicher, doch nur so lange es den Angreifern nicht gelang, die Schwachstelle eines Rondells zu ihren Gunsten auszunutzen. "Es gab zwischen den Schießscharten immer einen "toten Winkel", den die Festungsbesatzung nicht einsehen konnte", erklärte Osdoba. "Und was machen Sie als Feind? Sie schicken eine Heerschaft in den Graben, nehmen in Kauf, dass viele dabei umkommen und hoffen, dass einige es schaffen, im toten Winkel an das Rondell heranzukommen, um die Mauer zu unterminieren."

Diese Möglichkeit wollte Herzog Christoph (1515-1568), der Nachfolger von Herzog Ulrich, ausschließen. Aus Italien ließ er Festungsbaumeister kommen, die Kenntnisse besaßen über modernere, damals in Italien bereits übliche Bastionen. Und so wurde zum Zweck, den "toten Winkel" zu beseitigen, an einen der Rundtürme ein Eck angebaut, die heutige Marstallbastion. "Herzog Christoph ließ weitere Veränderungen vornehmen", berichtete Osdoba beim Gang durch den Schlossgraben, "denn es gab keinen Platz, um die inzwischen üblichen Kanonen aufzustellen." Folglich ließ er zwischen dem Schloss und der Marstallbastion den etwa drei Meter breiten Zwinger überwölben und die äußere Mauer erhöhen, was an den unterschiedlichen Farben der Mauersteine bis heute zu sehen ist. In der nun mehrere Meter breiten Mauer entstanden Kasematten mit Schieß-scharten, und auf der Mauer bot sich eine Fläche, auf der Kanonen positioniert werden konnten.

"Sieben Geschütze, worunter vier Pfund Stück mit je acht Zentnern Gewicht, die übrigen mit zwei Zentnern, Pulver 422 Pfund, Lunten 1920 Stück", las Osdoba aus einer Bestandsliste zur Waffenausrüstung aus dem 17. Jahrhundert vor. Unterschiedlich schwere Kugeln wurden aufgezählt, zweipfündige, einpfündige, halbpfündige, solche für Doppelhaken und Musketen, außerdem Degen und Piken, Arbeitsgeräte wie Schaufeln, Pickel und Äxte. Doch von alledem ist in den feuchten, nur etwa anderthalb Meter breiten Gängen in der Marstallbastion natürlich nichts mehr zu sehen. Aber gut vorstellbar sind noch heute die Enge und die ungünstigen Arbeitsplatzbedingungen.

TermineDie Sonderführung wird an folgenden Sonntagen wiederholt: 19. Juni, 7. August, 25. September, 23. Oktober, jeweils um 14.30 Uhr, Treffpunkt ist an der Schlosskasse. Anmeldung ist erforderlich bei der Schlossverwaltung Ludwigsburg, Telefon 0 71 41/18 20 04.