Lokales

Der blau-gelbe Riese aus dem Stadtwald

Eine knapp 27 Meter hohe Fichte vom Trachtenverein ziert als Maibaum den Kirchheimer Marktplatz

Sie ist 45 Jahre alt, stammt aus der Familie der Kieferngewächse, trägt einen blauen und einen gelben Streifen und ist das derzeit markanteste Gewächs der Stadt: die Fichte, die seit Samstag als Maibaum am Kirchheimer Marktplatz steht.

MICHAEL KRAFT

Kirchheim. Es ist 11.15 Uhr am Samstag, als die vielen hundert Menschen auf dem Kirchheimer Marktplatz applaudieren. Nach einer letzten Kraftanstrengung von rund zwei Dutzend Männern in kurzen Lederhosen, grünen Westen und weißen, hochgekrempelten Hemdsärmeln und einem letzten Kommando von Helmut Schuster, dem Ehrenvorsitzenden des Trachtenvereins Kirchheim, rutscht der vier Handbreit dicke Baumstamm mit einem satten, schleifenden Geräusch in den Schacht am Marktplatz. Zwei Minuten später steht der Maibaum. Und das soll auch einen Monat lang so bleiben. Im vorigen Jahr hatten heftige Windböen dem Wipfel nach acht Tagen den Garaus gemacht.

„Unser Maibaum heuer ist ein Neuer“, reimt Ernst Hummel, der Vorsitzende des Trachtenvereins, der souverän und mit Humor die Zeremonie begleitet und erklärt. Nach dem Sturmschaden im vergangenen Jahr haben die Trachtenträger mit einer Fichte aus dem Kirchheimer Stadtwald Ersatz gefunden. Der grüne Wipfel erinnert noch an den ursprünglichen Baum, die vielen Meter darunter haben die Frauen und Männer vom Trachtenverein geschält, entastet und in den Kirchheimer Stadtfarben gelb und blau bemalt.

Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer. Ein paar Schwalben dagegen machen einen respektablen Maibaum: Mit „Schwalben“, langen Doppelstangen aus Aluminium mit Haltegriffen und einer kurzen, gezackten Kette am Ende, wuchten die Männer vom Trachtenverein den tonnenschweren Baum nach und nach in die Senkrechte.

Nach dem Aufstellen wird der Baum geschmückt: mit den Wappen Kirchheims, Baden-Württembergs und Bayerns, denn die Ursprünge des Trachtenvereins liegen in Bayern. Dazu kommen Fahnen Ungarns und Frankreichs – dort hat Kirchheim Partnerstädte – und Europas. Dann wird um den Baum herum Programm geboten: Die Gruppen des Trachtenvereins zeigen alte Volkstänze, die „Goiselschnalzer“ lassen ihre Peitschen knallen, zum Abschluss gibt´s einen zünftigen Schuhplattler.

Beim Blick auf die Menge auf dem Marktplatz freut sich Ernst Hummel über das nach wie vor große Interesse der Kirchheimer an dem, was der Trachtenverein jedes Jahr am 1. Mai zelebriert: „Wir machen das seit 43 Jahren. Und immer noch kommen jedes Jahr so viele Menschen.“ Mit einer kleinen, geschmückten Birke am Vereinsheim in der Notzinger Straße fing der Trachtenverein an, erinnert sich Ernst Hummels Frau Angelika. Zwei Jahre lang begrüßten die Kirchheimer Trachtenträger den Mai auf diese Weise. Heute ziehen sie mit Musik der Kirchheimer Jugendkapelle und des Spielmannszuges der Feuerwehr und mit einem Pferdefuhrwerk durch die Dettinger Straße zum Marktplatz und stellen ihren Maibaum vor den Marktbrunnen auf. In Sichtweite des Rathauses dürfte er in den nächsten Wochen wieder zum Motiv für unzählige Fotografen und Filmer werden. Auch Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker hat großes Interesse daran, dass der Baum den ganzen Monat über standhaft bleibt, wie sie bei seinem Aufstellen am Samstag verrät: „Ich freue mich darauf, die nächsten vier Wochen beim Blick aus meinem Dienstzimmer auf den Maibaum schauen zu können.“

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