Lokales

Der Chef schweigt

Verhandlung gegen Kopf der „Navi-Bande“

Am 9. Mai dieses Jahres hat eine Jugendkammer am Stuttgarter Landgericht vier junge Männer aus Litauen wegen Bandendiebstahls zu Strafen bis zu dreieinhalb Jahren verdonnert. Das Quartett hatte in Kirchheim und Umgebung für rund 70 000 Euro Navigationsgeräte aus Autos gestohlen. Jetzt sitzt der mutmaßliche 18-jährige Kopf der Bande in Stuttgart auf der Anklagebank.

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Bernd Winckler

Stuttgart/Kirchheim. Im ersten Verfahren hatten die damals geständigen 19- bis 23-jährigen Diebe angegeben, dass sie von einem Chef aus Wilna in Litauen als Führungskraft angeheuert wurden, im gesamten Kreis Esslingen bis nach Reutlingen aus geparkten Fahrzeugen ausschließlich die mobilen Navigationsgeräte zu stehlen und nach Litauen zu bringen. Nach diesem Bandenboss fahndete die Esslinger Polizei monatelang. Schließlich wurde der 18-jährige Schüler am 24. April dieses Jahres, noch während der Prozess gegen seine Komplizen lief, an der deutsch-polnischen Grenze festgenommen, als er gerade auf dem Weg in seine Heimat war.

Er muss sich jetzt vor der Zweiten Großen Strafkammer am Stuttgarter Landgericht wegen mindestens 23 schwerer Bandendiebstähle plus vier weiterer schwerer Diebstähle verantworten. Laut Anklage war er dabei oder hat er seine „Soldaten“ angewiesen, von August bis November vergangenen Jahres zunächst in Kirchheim geparkte Fahrzeuge aufzubrechen, später dann in Wendlingen, Wernau, Reutlingen und Nürtingen, um daraus installierte mobile Navigationsgeräte zu stehlen. Unter dem Strich rechnet der Staatsanwalt gegen ihn einen Beuteschaden in Höhe von 70 000 Euro aus, während der Sachschaden bei den Fahrzeugen durch das gewaltsame Öffnen bei etwa 100 000 Euro liegt, wie ein Kirchheimer Polizist im Zeugenstand bestätigt. Dabei hatten die Diebe den sogenannten „Polen-Schlüssel“ benutzt, eine lange Schraube, mit der man die Türschlösser der Fahrzeuge schnell und lautlos öffnen konnte.

Auf den 18-jährigen Litauer kam man, als bekannt wurde, dass die Diebesbande sich in einer Zweizimmerwohnung in Kirchheim eingemietet hatte und von dort aus die nächtlichen Touren organisierte. Der Vermieter hatte sich über die große Menge von Diebesgut in einem der Zimmer gewundert und die Polizei benachrichtigt. Die „Ermittlungsgruppe Kompass“, wie die Sonderkommission in Kirchheim hieß, überwachte daraufhin zunächst die Wohnung und dann mittels Zivilstreifen auch zahlreiche Parkplätze in den gefährdeten Bezirken. Allerdings zunächst ohne Erfolg, wie die Beamten jetzt berichten.

Doch die Handschellen klickten noch, bevor die Bande einen Teil der Beute mit einem Kleintransporter, für den man eigens einen Fahrer eingestellt hatte, nach Litauen bringen konnte. Einen großen Teil der Beute konnte die Polizei sicherstellen – Navigationsgeräte, teilweise im Einzelwert bis zu 3000 Euro. Der letzte Diebstahl ereignete sich in der Nacht zum 9. November 2007 in Kirchheim – aus einem VW-Sharan wurde das Navigationsgerät im Wert von 2000 Euro entwendet. Am Auto entstand ein Schaden in Höhe von 3500 Euro.

Der 18-Jährige selbst macht jetzt vor der Stuttgarter Strafkammer von seinem Recht Gebrauch, zu schweigen. Damit dürften die Juristen gezwungen sein, seine ehemaligen bereits abgeurteilten Komplizen in den Zeugenstand zu rufen. Sie hatten ihn in ihrem Verfahren als Bandenboss bezeichnet. Am kommenden Montag wird die Verhandlung fortgesetzt.