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Der dicke Paul, die liebliche Frau Maier und die Jagd auf das "b"

KIRCHHEIM Aus dem Lausbub ist ein Professor geworden, wobei auf Anhieb nicht zu erkennen ist, welche der beiden Spezies letztendlich die Oberhand behalten wird. Die sympathischen Lachfältchen sprechen für



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BARBARA IBSCH

den Lausbub, der berufliche Weg hingegen ist von wissenschaftlichem Ernst geprägt. Beides scheint Professor Dr. Rolf Walter gut unter einen Hut zu bringen. Die Resonanz aus dem Kreis seiner Studenten bestätigt dies, ist zugleich aber auch für den Titel seines Büchleins verantwortlich, das einer autobiografischen Spätlese aus Kirchheimer Jugendtagen gleich kommt: "Herr Professor, Sie sind ein Lausbub!"



Dass dies zumindest auf die Sechzigerjahre in "Raichles Viertel" zutrifft, ist einem Großteil der knapp hundert Seiten zu entnehmen, auf denen die Bubenstreiche in der Kirchheimer Innenstadt nachzulesen sind. Den "Rest" hat der Professor in Form von kleinen Lebensetappen geschrieben mit lausbübischem Hang.



Aus Rolf Walter hätte eigentlich ein Metzger werden sollen, um einmal den elterlichen Betrieb in der Schuhstraße übernehmen zu können. Vater Gottlob Walter musste aber enttäuscht erkennen, dass seine Leidenschaft für diesen Beruf keineswegs auf den Sohn vererbt worden war, auch wenn dieser nach dem Spielen auf der Gass' abends stets brav in der Metzgerei mitgeholfen hatte, den Hackklotz zu reinigen und andere notwendige Arbeiten zu verrichten. Rolf wandte sich, sehr zur Freude von Mutter Else Walter geborene Luz, den Büchern zu, besuchte das Wirtschaftsgymnasium, absolvierte eine Banklehre und begann danach in Nürnberg das Studium. Wirtschaftswissenschaften und Wirtschaftspädagogik bildeten den Einstieg mit der Vorstellung, im Berufsschulbereich dies einmal umzusetzen. Als dann im Hauptstudium Wirtschaftsgeschichte den Schwerpunkt setzte, war sich Rolf Walter sicher, auf dem richtigen Weg zu sein. Das hat auch der grundliberale Vater so empfunden und ihm vorbehaltlose Unterstützung zugesagt.



Als der Ordinarius in Nürnberg Rolf Walter eine Assistentenstelle antrug, war damit der Weg vorgezeichnet zu promovieren. Als nach dem Wechsel am Lehrstuhl der Nachfolger ebenfalls den jungen Mann aus Kirchheim ermunterte, der Wissenschaft treu zu bleiben, bedeutete dies wiederum zwangsläufig die Habilitation und damit die Lehrberechtigung an Hochschulen. Damit war Rolf Walter frei für Angebote und Bewerbungen. Ersteres hatte weitreichende Folgen: 1991 wurde er an die Universität Jena berufen und damit tat sich ihm die Chance auf, den einzigen Lehrstuhl für Wirtschafts- und Sozialgeschichte in Thüringen komplett neu aufzubauen nach dem Ende von Marxismus und Leninismus. In diese "ungeheuer spannende Zeit" fiel auch der Aufbau von Auslandsbeziehungen der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät an der Landesuniversität Jena. "Außenminister" ist Rolf Walter noch immer, um den Kontakt zu mittlerweile 45 Universitäten in vierzehn europäischen Ländern zu pflegen, damit jährlich rund 80 bis 100 Studenten im Austausch ein bis zwei Semester im Ausland verbringen können.



Wie wichtig es ist, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen, hat der Professor selbst erfahren. Anfang der Achtzigerjahre hielt er sich zu Forschungszwecken in Venezuela auf und wurde später für sein dortiges Engagement mit dem Orden Francisco de Miranda erster Klasse am Band geehrt. Keine Rede also von Lausbubenstreichen.



Gut überlegt war auch der Umzug mit Frau und Kind auf einen Bauernhof in der Nähe von Jena, obwohl dieser Schritt die Kontakte zu Kirchheim fast abbrechen ließ. Wissenschaftliche Bücher entstanden, der Ordinarius nutzte aber auch die Gelegenheit, seine Reden zu festlichen und sonstigen Anlässen mit Anekdoten aus der Kirchheimer Zeit zu würzen. "Herr Professor, Sie sind ja ein Lausbub!", schätzte ein Student die Situation richtig ein und setzte damit einiges in Bewegung: Der Herr Professor widersprach nicht, frönte gezielt seiner Lieblingsentspannung Schreiben und wurde von Tochter Anne mit Illustrationen zu den ihr aus Kirchheimer Zeit erzählten Geschichten überrascht. Aus der Idee, gemeinsam etwas daraus zu machen, ist besagte autobiografische Spätlese entstanden, mit der Rolf Walter auch wieder an den Ort seiner Kindheit zurückgekehrt ist. Zumindest als Pendler zwischen Jena und Kirchheim als zweitem Wohnsitz, was dem Umstand zu verdanken ist, dass seine Frau in ihren Beruf als Grundschullehrerin zurückwollte, das aber nicht in Thüringen, sondern nur in Baden-Württemberg durfte. Ohmden ist daraus geworden mit Wohnort Kirchheim.



In "Raichles Viereck", wo die "Bande", zu der Rolf Walter und seine Freunde zählten, ihre Streiche spielte, hat sich zwar einiges verändert, Atmosphäre ist aber immer noch vorhanden, bescheinigt der heute 51-jährige "Lausbub" seinem Viertel um die Flachsstraße. Auch wenn es so viele Kinder wie damals nicht mehr gibt und auch die meisten Handwerksbetriebe und Läden aus damaliger Zeit anderen Nutzungen gewichen sind.



"Wir haben als Kinder jeden Tag etwas anderes erlebt oder inszeniert." Nachzulesen ist dies in authentischen Geschichten wie beispielsweise über den dicken Paul, den durchdrehenden Goofy, den verlockenden Aufzug und die liebliche Frau Maier oder die beliebte Jagd auf das "b", wenn der benachbarte Fischhändler auf der Tafel frischen Rotbarsch angeschrieben hatte. "Ich glaube nicht, dass ich viel übertrieben habe", ist sich Rolf Walter sicher. Entstanden ist auf jeden Fall eine Kirchheimer Mentalitäts- und Sozialgeschichte, eine lebendige Erinnerungskultur, die der Autor gerne aufrecht erhalten möchte. Die auf dem Titel verewigte "Bande" will im Oktober zusammenkommen, um das Bild in derselben Pose nach 42 Jahren neu entstehen zu lassen. Dann werden mit Sicherheit alte Geschichten ausgetauscht und vielleicht entsteht daraus eine Fortsetzung der Kirchheimer Lausbubengeschichten.



"Herr Professor, Sie sind ein Lausbub!" Eine autobiografische Spätlese von Rolf Walter. 96 Seiten, zum Preis von 12 Euro erschienen im Glaux Verlag Christine Jäger KG, Jena.

ISBN: 3-931743-76-4

Professor Dr. Rolf Walter am "Tatort" vor seinem Elternhaus in der Kirchheimer Schuhstraße.

Foto: Jean-Luc Jacques