Lokales

Der Dornröschenschlaf soll ein Ende haben

Der Ortskern von Beuren wird aus dem Dornröschenschlaf erweckt. Nach dem Willen von Bürgermeister Erich Hartmann soll er in Zukunft das Bindeglied zwischen den beiden Touristikhighlights Panorama Therme und Freilichtmuseum sein. Mit einem großen Fest am 9. und 10. September wird die Ortsmitte offiziell eingeweiht.

IRIS HÄFNER

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BEUREN Die aufstrebende Kurgemeinde hat in jüngster Vergangenheit viel geleistet. Dies lässt sich allein schon an den Zahlen ablesen. Rund 8,5 Millionen Euro investierte Beuren in die Ortsmitte und erhielt aus unterschiedlichen Fördertöpfen rund 3,2 Millionen Euro Zuschüsse. "Das war die maximale Belastung", gibt Beurens Bürgermeister Erich Hartmann zu.

Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Das altehrwürdige Rathaus wurde saniert und durch einen großzügigen Anbau erweitert, ein Regenüberlaufbecken ist gebaut sowie sämtliche Tiefbauarbeiten erledigt. Im Moment legen Arbeiter am Straßenbelag letzte Hand an und verlegen Pflastersteine. "Wir wollten einen Ortskern schaffen, der einer Kurgemeinde zur Ehre gereicht sowie Basis und Anstoß für weitere Sanierungen ist", so Erich Hartmann. Beuren kann mit einer einmaligen Baustruktur aus dem 15. und 16. Jahrhundert aufwarten, wie sie kein zweites Mal in Baden-Württemberg zu finden ist. Viele der rund 70 denkmalgeschützten Häuser führen ein unscheinbares Schattendasein, unter Putz versteckt schlummert manches Schatzkästlein, das nur darauf wartet, in neuer Schönheit zu erstrahlen. "Was die Besucher im Freilichtmuseum sehen, können sie im Ort live erleben", so der Schultes beim Pressegespräch. Deshalb soll es irgendwann einen Denkmalpfad geben.

Eines dieser alten Gebäude ist das Rathaus aus dem Jahr 1556, das sich nun in neuem-alten Glanz präsentiert. 1545 hatte Beuren etwa 600 Einwohner, Balzholz 45. Heute wohnen 3400 Menschen in der Kurgemeinde. Von der angebauten Freibank und der Gemeindewaage sowie einem weiteren Anbau an der Südseite befreit ist das Rathaus in seinem Originalzustand. An den neuen Anstrich des Fachwerkgebälks in Ocker mussten sich die Beurener jedoch erst gewöhnen. Durch das Rathaus floss ursprünglich in einem Bachgewölbe der Erlenbach hindurch mittlerweile ist dort das Trauzimmer untergebracht. Im Dachgeschoss des historischen Gebäudes finden nun die Sitzungen des Gemeinderats statt. Den schönen Raum dominieren ein markanter Ratstisch und zahlreiche Dachbalken. Vom Platz des Schultes lässt sich auch die Rathausglocke per Seil läuten. Dies geschieht außer zu Demonstrationszwecken wenn ein Beurener Erdenbürger das Licht der Welt erblickt hat. Im Erdgeschoss ist das Bürgerforum untergebracht, das seine Feuerprobe bei der Fußball-WM mit Bravour bestanden hat. Alle Spiele wurden dort gezeigt und laut Schultes war die Stimmung "nahezu grandios".

Die Verwaltung ist in einem modernen Neubau untergebracht. Ein gläsernes Treppenhaus verbindet altes und neues Gebäude und setzt sie voneinander ab. Ziel der Architekten war es, den Neubau optisch nicht größer wirken zu lassen als den Fachwerkbau. Zudem musste um jeden Zentimeter gekämpft werden, um den engen Bauplatz optimal ausnutzen zu können. "Das war wie ein Puzzlespiel", beschrieb Architekt Weinbrenner.

Voraussetzung für die rege Bautätigkeit in der Beurener Ortsmitte war der Bau des Tunnels. Fast 10 000 Fahrzeuge quälten sich durch die enge Ortsdurchfahrt, darunter auch viele Schwerlaster. Dass nach der Fertigstellung der Umgehungsstraße gleich mit der Sanierung begonnen werden konnte, liegt an der guten Vorarbeit der Planungsgruppe, die seit rund 20 Jahren besteht. "Dank des Kurortentwicklungsplans konnten wir gleich loslegen", so Erich Hartmann. "Die Planungsgruppe ein außergewöhnliches Instrumentarium hat nicht fachspezifisch gearbeitet, sondern alles im Blick gehabt", erklärte Professor Eberhard Weinbrenner, der die Koordinierung inne hatte. Dabei musste sich die Gemeinde lange Zeit den Vorwurf gefallen lassen, eine Utopie zu verfolgen. "Wir haben ein stückweit schon im Niemandsland geplant", gibt Erich Hartmann zu.

Wegen der großen Enge im Ortskern mussten die Bürger viel Lärm und Dreck ertragen. "Manchmal war die Baggerschaufel etwa 30 Zentimeter vom Esszimmer weg", beschrieb der Schultes die schwierige Baumaßnahme. Als das Land mit dem Tunnelbau im Februar 2005 fertig war, hat die Gemeinde kurze Zeit später erst so richtig losgelegt. "Das hat die Nerven schon strapaziert", hat Hartmann Verständnis für die Nöte seiner Bürger.

Da der Bach seit dem Mittelalter aus Platzgründen verdolt ist, sahen die Planer keinen Notwendigkeit, das Gewässer oberirdisch fließen zu lassen. "Wir sind Karstgebiet. Bei Starkregen kommt viel Wasser, bei Trockenheit fließt dagegen nur ein klägliches Rinnsal, das vermutlich zur Müllhalde verkommen würde", begründet Hartmann die Entscheidung, den Erlenbach auch weiterhin unterirdisch fließen zu lassen. An manchen Stellen der Straße war daher keine zehn Zentimeter mehr Platz im Erdreich, als sämtliche Leitungen verlegt waren. Ab dem Rathaus musste sich zudem schweres Gerät durch massiven Fels fräsen, denn sprengen war wegen der dichten Bebauung nicht möglich. Insgesamt 2000 Kubikmeter Gesteinsmehl kam am Ende zusammen.

Eine Aufbruchstimmung ist zwischenzeitlich in der Ortsmitte erkennbar. Zum Festwochenende wird die Gaststätte "Storchennest" wieder eröffnet und ein Gemüseladen will sich ansiedeln. Zum vollkommenen Glück fehlt den Beurenern jedoch noch ein Gesundheitshotel, denn dies ist die Voraussetzung für den angestrebten "Bad"-Titel. Ein Interessent ist zwar mittlerweile gefunden, dieser sucht jedoch noch einen Mitinvestor.

Wer die neue Ortsmitte samt Rathaus selbst in Augenschein nehmen möchte, hat am 9. und 10. September Gelegenheit dazu. Das Fest anlässlich der Einweihung beginnt am Samstag um 14 Uhr, am Sonntag um 11 Uhr. Ein buntes Programm und viele kulinarische Genüsse erwartet die Besucher. Testen können die Gäste auch zwei edle Tropfen der Weingärnter-Genossenschaft Hohenneuffen-Teck, die auch die Trauben aus Beuren verarbeitet. Sowohl ein Rotwein, als auch ein Weißwein erhielt ein besonderes Etikett. Den roten "Beurener Ratsherr" schmückt ein Foto mit dem renovierten Rathaus und der augenzwinkernden Aufschrift "Der Ratsherren Trunk ist ernste Pflicht, denn trockene Lampen leuchten nicht".