Lokales

Der erste Besuch ihrer einstigen Heimat kostete viel Kraft

Im Alter von 83 Jahren ist Margit Bernstein geborene Oppenheimer in Israel nach schwerer Krankheit gestorben. In Stuttgart zur Welt gekommen, lebte sie zuletzt in einem Seniorenheim in Haifa, in das sie 1999 gemeinsam mit ihrem in Kirchheim aufgewachsenen Mann, Philip Bernstein, gezogen war.

WOLF-DIETER TRUPPAT

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KIRCHHEIM/HAIFA Philip Bernsteins Hoffnung, noch einmal nach Deutschland kommen und in Kirchheim die vielen vertrauten Orte seiner Jugendjahre besuchen zu können, hatte sich nicht mehr erfüllt. Er starb am 22. November 2000, wenige Wochen, nachdem Brigitte und Martin Kneher das befreundete Ehepaar Bernstein noch einmal in Israel besucht hatten.

Die erste Kontaktaufnahme war dabei außerordentlich schwer gewesen. "Möglicherweise enttäuscht Sie dieser Brief, aber ich glaube, dass es schade ist um jede Mühe, die Sie sich in dieser Angelegenheit machen", hatte Margit Bernstein Brigitte Kneher am 29. September 1984 geschrieben und ihr damit nicht unbedingt Mut gemacht, ihre mit ungeheurem Engagement angepackten Forschungen über das Schicksal ehemaliger Kirchheimer Mitbürger jüdischen Glaubens fortzuführen. Dass sich aus dieser ersten vorsichtigen Kontaktaufnahme eine tiefe persönliche Freundschaft entwickeln würde, war nicht zu ahnen.

Dass es tatsächlich gelingen konnte, Menschen, die unsägliches Leid erlebten, die Hand zu reichen und eine Brücke zu ihrer einstigen Heimat zu bauen, ist längst Geschichte. Vergessen ist es nicht. 20 Jahre sind vergangen, seit ehemalige Kirchheimer Bürger jüdischen Glaubens der von Beklommenheit auf beiden Seiten begleiteten Einladung in ihre einstige Heimatstadt folgen konnten.

Margit und Philipp Bernstein, die in Israel eine neue Heimat gefunden hatten, war die Rückkehr ganz besonders schwer gefallen. Gemeinsam mit Fritz Vollweiler, der mit seiner Frau Renee aus Argentinien anreiste wie auch Ruth Frankenthal und Sohn Peter aus der Familie Zeller-Vollweiler und Beatrice Polley-Hirsch und Ruth Miller-Hirsch, die in den Vereinigten Staaten Zuflucht gefunden hatten und von dort gemeinsam mit Sohn Barry beziehungsweise Ehemann Shaldon nach Kirchheim gekommen waren, hatten sie 1986 den ungemein schweren Schritt gewagt, der Einladung nach Kirchheim zu folgen.

Brigitte Kneher, die im Rahmen der von ihr verfassten "Chronik der jüdischen Bürger Kirchheims seit 1896" die Tür öffnete für erste Kontakte, hatte Margit und Phillip Bernstein bei sich zu Hause aufgenommen. Eine daraus gewachsene tiefe persönliche Freundschaft hat die einst mit viel diplomatischem Geschick angebahnten offiziellen Kontakte vertieft und zu einem engen Austausch und verschiedenen weiteren persönlichen Treffen in Kirchheim und Haifa geführt.

Die letzte private Begegnung von Brigitte und Martin Kneher mit Philip Bernstein und seiner Frau Margit, die 26 Monate im Konzentrationslager in Auschwitz überlebt aber nie überwunden hat, erfolgte 2000 in Haifa. Margit Oppenheimer, die sich einst "freiwillig" für die von Nazi-Arzt Dr. Mengele angebotene Arbeit in Rüstungsbetrieben gemeldet hatte, konnte der systematischen Vernichtung durch Arbeit entkommen und sich in Norddeutschland in Sicherheit bringen.

In Stuttgart fand das Wiedersehen mit dem in Kirchheim aufgewachsenen Philip Bernstein statt, bevor sie gemeinsam per Schiff ausreisten unter unsäglichen Bedingungen wie sie Leon Uris in seinem Buch "Exodus" eindrücklich nachzeichnet. Obwohl ihnen die Einreise untersagt war, konnte sie bei Nacht und Nebel doch noch von Bord und in Israel ein neues Leben beginnen.

Ein Leben in einem Kibbuz war Margit Bernstein wegen der lagerähnlichen Lebensbedingungen nach den traumatischen Erlebnissen in den Konzentrationslagern Auschwitz und Dachau nicht möglich gewesen. Während ihre Tochter viel Ähnlichkeit mit ihr hat und sehr zurückhaltend und verschlossen ist, hat ihr Sohn einen anderen Namen angenommen und ein vom Schicksal seiner Eltern losgelöstes neues Leben begonnen. Er lebt und arbeitet in einem Kibbuz in Galilea, wo er einer arabischen Familie Arbeit und Unterkunft bieten und unter schwierigen äußeren Bedingungen ein gelebtes friedliches Miteinander praktizieren kann.

Bis zu ihrem Tod hat Margit Bernstein auch mit Brigitte Kneher nie über die furchtbare Zeit in den Todeslagern von Auschwitz und Dachau sprechen können. Die ihr anvertrauten persönlichen Aufzeichnungen und Dokumente Margit Bernsteins aus dieser Zeit will Brigitte Kneher nun dem Holocaust-Museum in Berlin überantworten.