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Der Feldhase steht nicht auf der Roten Liste

KIRCHHEIM Um 21 Uhr brechen Helmut Müller, Jagdpächter im Talwald, Christof Zink, ebenfalls Pächter im Talwald, und Bernd Budde, Initiator der Aktion Niederwildzensus Baden-Württemberg im Raum Kirchheim, zur Feldhasenzählung in Kirchheim auf, um zirka 200 Hektar Feld zu befahren. Die Zählfläche teilt

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DOMINIQUE KELLER

sich in sechs Routen auf und erstreckt sich über die Hahnweide bis hin zu Feldern oberhalb der Pferdeklinik in Kirchheim.

Unter Wildzensus sind regelmäßig durchgeführte Bestandsermittlungen bei bestimmten Niederwildarten zu verstehen, die innerhalb von Referenzrevieren in Stichprobenflächen stattfinden. Die Dauerbeobachtungsflächen sind unter Berücksichtigung der naturräumlichen Gegebenheiten über Baden-Württemberg verteilt. Die Biotopstruktur, der Witterungsverlauf und eine Auswahl anderer Umweltfaktoren werden ebenfalls erfasst.

Dieses langfristig ausgelegte Monitoring liefert wichtige Daten zur Populationsdynamik, zur Siedlungsdichte der Arten in verschiedenen Lebensräumen und zum Einfluss verschiedener Umweltfaktoren. Das sind die Grundlagen zur Beurteilung der Bestandsituation, zur Auswahl geeigneter Hilfsmaßnahmen sowie für die Erfolgskontrolle von Maßnahmen zur Bestandsstützung.

Die Feldhasendichte wird jährlich im Frühjahr und im Herbst durch die Scheinwerferzählung bestimmt. Die Beobachtungshäufigkeit von Füchsen und anderen Raubsäugern wird hierbei mit erfasst.

Besonders wichtig sind derartige Untersuchungen bei Arten, die nur noch in geringer Dichte vorkommen oder bei Arten mit rückläufigen Beständen. Die Aufnahme dieser Arten in die Rote Liste steht dann zur Diskussion, und die Frage nach der weiteren Bejagbarkeit wird gestellt. Aber auch die Einbeziehung häufiger Raubtiere, insbesondere des Fuchses, ist wichtig, nicht nur wegen ihrer Bedeutung als Krankheitsüberträger, sondern auch zum Studium der Räuber-Beute-Beziehung.

Nachts werden im Scheinwerferlicht selbst die gerade einmal nicht aktiven Hasen gesehen, da sie sich in der Regel außerhalb der Sasse befinden. Mit Hilfe eines Handsuchscheinwerfers, der rechtwinklig zur Fahrtrichtung eingesetzt wird, werden repräsentative Probeflächen eines Reviers, entlang von vorher festgelegten Fahrstrecken, abgeleuchtet. "Ohne Unterstützung der Jäger wäre es aber gar nicht möglich gewesen", berichtet Bernd Budde, denn sie opfern ihre Freizeit und unterstützen das Projekt, sowohl durch eigenen Arbeitseinsatz, als auch finanziell.

Bei den Hasenzählungen geht es um mehr, als nur einen Einblick in lokale Besatzverhältnisse zu gewinnen. Der Feldhase ist eine Charakterart der Feldflur, somit auch ein guter Bioindikator für die ökologischen Verhältnisse in diesem Lebensraum. Änderungen in der Art und Intensiät der Bodennutzung, Klimaänderungen, Witterungsverhältnisse, Änderungen in der Häufigkeit von Beutegreifern, all das verursacht auch unmittelbar Änderungen in der Hasendichte.

Diese Zählung wurde von der Wildforschungsstelle des Landes Baden-Württemberg im Jahr 1997 begonnen. Kirchheim nimmt erst seit den letzten Jahren daran teil.

Die Strecke ist in verschiedene Routen aufgeteilt. Nach jeder abgesuchten Route wird angehalten und die Zeit notiert, damit die Zählergebnisse später auch ordnungsgemäß in eine bundesweite Datenbank einfließen können.

Die Wildforschungsstelle richtet ausgewählte Jagdreviere oder andere Probeflächen zunächst ein. Das beinhaltet die Festlegung der Bezugsflächen für Bestandsermittlungen, die Auswahl geeigneter Zählstrecken für die Scheinwerferzählung, die Bestimmung der einsehbaren Flächen und die Eintragung dieser Flächen in Karten. Die Jagdrevierinhaber oder von ihnen beauftragte andere Mitarbeiter werden in die Zählmethodik eingewiesen.

Die Bestandsermittlungen werden jeweils im Frühjahr und im Herbst durchgeführt. Aus den hierbei erhaltenen Zählergebnissen lässt sich der realisierte Jahreszuwachs berechnen. Unter Berücksichtigung von Erfahrungswerten zur natürlichen Herbst-Wintersterblichkeit kann eine Bejagungsplanung durchgeführt werden. Allgemein führt eine, an die jährlichen Zuwachsverhältnisse angepasste Bejagung zur Optimierung der jagdlichen Nutzung und kann damit langfristig zur Steigerung der Streckenergebnisse beitragen. Der Erfolg von Hegemaßnahmen kann anhand der Bestandsermittlungen überprüft werden.

Zu Beginn werden in Kirchheim zwei Rehe erspäht, die direkt neben der Autobahn grasen. Insgesamt werden an diesem Abend 24 Feldhasen, zwei Rehe und ein Fuchs entdeckt. Im Vergleich dazu wurden im Herbst auf der gleichen Strecke 29 Hasen, acht Rehe und vier Füchse gesehen. "Dies liegt daran, dass der Winter sehr hart war", so Bernd Budde. Eine Sensation habe die Zählung im Rosensteinpark im Schlossgarten in Stuttgart ergeben. Da wurden auf 100 Hektar im Durchschnitt 91,6 Hasen gezählt. Im Vergleich dazu wurden auf der Schwäbischen Alb auf 100 Hektar im Durchschnitt 9,1 Hasen gesichtet. "Dies könnte daran liegen, dass die Hasen im Rostensteinpark kaum natürliche Feinde haben", erklärt Bernd Budde.

Ein bisher ungeklärtes Phänomen ist, dass der Stammbesatz der Feldhasen immer gleich bleibt, egal ob er gejagt wurde oder nicht.

Im Rahmen anderer Erhebungen konnte festgestellt werden, dass der Hase in Baden-Württemberg nach wie vor flächendeckend verbreitet ist. "Leute behaupten, dass der Hase auf der Roten Liste ist, doch dies ist falsch. Die Jäger schonen den Hasen schon seit mehreren Jahren. Eine Komplexität von Hunden, Katzen, eine Zunahme von Füchsen, Greifvögeln, der Landwirtschaft und des Freizeitangebots können dazu führen, dass die Zahl der Feldhasen weniger wird", berichtet Bernd Budde. Noch werden selbst die Hochlagen der Mittelgebirge von ihm besiedelt. In Baden-Württemberg ist der Hase zwar vielerorts in geringeren Dichten vorhanden als vor Jahrzehnten, aber nach wie vor flächendeckend verbreitet und noch kein Kandidat für die "Rote Liste", der bestandsbe-drohten Arten. Der Feldhase wird erhalten bleiben. Aber es sollte etwas für ihn getan werden. So sollten Spaziergänger zum Bespiel ihre Wanderwege einhalten. Ebenso sollten Sportler auf Wegen ihren Aktivitäten nachgehen und die Natur schützen.