Lokales

Der Filialleiter brannte mit der Kasse durch

Wie ein Lauffeuer ging es vor einem halben Jahr durch Nürtingen: Der Filialleiter eines in der Innenstadt angesiedelten Geschäfts einer bekannten Supermarktkette sei samt Kasse spurlos verschwunden. Mit dem Filialleiter fehlten 47 900 Euro. Jetzt wurde der Fall am Nürtinger Amtsgericht aufgerollt.

GÜNTER SCHMITT

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NÜRTINGEN Der Griff nach dem fremden Geld war für den heute 38 Jahre alten Mann die erste Straftat. Geboren und aufgewachsen ist der italienische Staatsbürger im Schwäbischen. Dem Abschluss der Hauptschule schloss sich eine Verkäuferlehre an. Aber es war nicht der Beruf, den er sich vorstellte. Er wollte mehr erreichen und vor allem mehr Geld verdienen. Nach einem Zwischenspiel in der Gastronomie am Bodensee begab er sich mit 19 nach Italien. Nach 16 Jahren in Italien, wo er hauptsächlich in der Hotellerie sein Geld verdiente, kehrte er 2003 nach Deutschland zurück. Seinen Lebensweg kennzeichnete weiter ein ständiger Wechsel des Arbeitsplatzes. Er kellnerte, war Verkäufer, arbeitete für eine Bank und nahm Anfang 2006 die Arbeit bei jener Supermarktkette auf, bei der seine Karriere ein jähes Ende nehmen sollte. Dabei war er mittlerweile verheiratet und Vater einer Tochter.

Das Geld hat ihm nie gereicht. Schon als Lehrling hatte er seine freie Zeit am liebsten in Spielhallen verbracht und den Automaten sein knappes Einkommen geopfert. Wenn er bei der Verhandlung auf seine Spielleidenschaft zu sprechen kam, hätte man meinen können, die Erfahrungen eines Drogensüchtigen zu hören. Schulden begleiteten sein ganzes Erwachsenenleben.

Bei seinem Einkommen als Filialleiter von 2 300 Euro brutto im Monat überkam ihn das Gefühl, es werde ihm finanziell der Atem abgeschnürt. Als er neben den täglichen Ausgaben die Abzahlungen nicht mehr leisten konnte und die Banken Druck auszuüben begannen, kam ihm immer öfter der Gedanke, sich mit einem Griff in die Kasse das Grundkapital für die Besuche von Spielkasinos zu beschaffen, wo er "typischer Spielergedanke", wie er sagte mit einem Schlag seine Schulden loszuwerden hoffte. Am 6. September vergangenen Jahres nahm er abends ein Taxi und ließ sich, in der Tasche die Schlüssel fürs Geschäft und für den Tresor, nach Nürtingen fahren. Er wusste, im Kassenschrank der Filiale, deren Leiter er war, befanden sich 47 900 Euro.

Er leerte den Tresor und setzte sich nach Österreich ab, wo er ein Spielkasino nach dem anderen besuchte. Zuerst sei alles gut gelaufen, erinnerte er sich vor Gericht, dann aber sei er in eine Pechsträhne geraten. In einem Spielkasino in Wien verlor er den letzten Euro. Angesichts der Zukunftsaussichten mit Polizeigewahrsam, Gerichtsverhandlung und Gefängnis überlegte er sich im Hotel, ob er nicht Selbstmord begehen solle. Doch er stellte sich stattdessen der Polizei und erzählte seine ganze Geschichte. Die österreichischen Beamten setzten sich mit ihren deutschen Kollegen in Verbindung, und der Spieler kam nach Stammheim in Untersuchungshaft.

Nach fünf Monaten wurde er in Nürtingen in Handschellen dem Gericht vorgeführt. Der Staatsanwalt hielt ihm zugute, dass er sich freiwillig gestellt und alles gestanden hatte, dass er nicht vorbestraft ist und seine Familie weiterhin zu ihm hält. Der Strafantrag lautete auf zwei Jahre Haft auf Bewährung. Die Verteidigerin führte zusätzlich ins Feld, dass der 38-Jährige die Tat bereut und sich aus der Haft um Schuldenberatung und eine Therapie bemüht hat. Das Schöffengericht unter Vorsitz der Richterin Stephanie Bartels erkannte auf ein Jahr und zehn Monate Haft, ausgesetzt zur Bewährung auf drei Jahre, und die Beistellung eines Bewährungshelfers. Der Haftbefehl wurde aufgehoben. Der Angeklagte nahm das Urteil sofort an.