Lokales

Der große "Seher"schnuppert erstmals Verwaltungsluft

BISSINGEN Novembernebel hängt in den Blättern und Zweigen der Sträucher. Nasskalt und grau. Wie aus weiter Ferne hallt der Ruf einer Krähe herüber. Unverständliches murmelt das Bächlein wenige Schritte vor dem Atelier hinter dem alten Bauernhaus. Ein Mann mit einer Schutzbrille, dick vermummt gegen die Herbstkälte, die sich in die

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RICHARD UMSTADT

Glieder schleichen will, arbeitet mit einer elektrischen Schleifscheibe an einer Marmorstele. Weißer Staub überzieht seine Kleidung und pudert den Boden. In einer Ecke hinter der Tür der Künstlerwerkstatt steht von alldem unbeeindruckt, wie in sich gekehrt eine Frau aus Zedernholz mit geschlossenen Augen, die Arme mit den offenen Handflächen weit in die Höhe gereckt, lauschend: Der "Gesang der Stille" das jüngste "Kind" des Bissinger Bildhauers Winfried Tränkner.

Die Idee zu der rund 2,90 Meter großen Skulptur hatte der 47-jährige Künstler bereits 1999. Damals, noch in seinem Ohmdener Atelier, zeichnete er die in stiller Anbetung Versunkene und gab ihr einen indianischen Namen "Gesang der Stille". In Holz wollte er sie hauen und nicht in Sandstein, wie den "Seher". Der Zufall wollte es, dass der Orkan "Lothar" zu jener Zeit im Park der Ottens-Villa in Kirchheim mehrere Bäume "fällte". Aus dem rund drei Meter großen Stammstück eines dieser Giganten schuf Winfried Tränkner im Laufe der letzten beiden Jahre die "Indianerin".

Sie wird zum ersten Mal öffentlich gezeigt bei der Ausstellungspremiere im neuen Bissinger Rathaus Anfang Dezember. Dort wird neben dem "Gesang der Stille" auch das Pendant, der "Seher", und fünf bis sechs weitere, verschieden große Skulpturen zu sehen sein, darunter die Bronzekatze von der Ochsenwanger Hüle, die Stele aus griechischem Marmor von der Insel Thassos und ein Meditationsstein aus Travertin. Im Übrigen schmückt die abstrakte Steinskulptur "Einklang" und eine bronzene Sonnenscheibe bereits den Innenraum des modernen Verwaltungsgebäudes. Darüber hinaus will Winfried Tränkner anhand von rund 30 Fotos einen Werksquerschnitt der letzten 22 Jahre zeigen.

Damals kam der junge Künstler frisch von der Freien Kunstschule Nürtingen. "Ich habe den Kampf aufgenommen und mir nichts vorgemacht. Es war mir von Anfang an klar, dass es zehn Jahre oder mehr dauern kann, bis ich einigermaßen auf die Füße komme", vermutete Winfried Tränkner in einem Interview mit unserer Zeitung 1986.

Inzwischen plätscherte viel Wasser den Gießnaubach hinunter. Die Vorausschau des heute renommierten Bissinger Bildhauers bewahrheitete sich. Winfried Tränkners Arbeiten sind in vielen Städten und Gemeinden in der näheren und weiteren Umgebung zu sehen. Sein letzter großer Auftrag führte ihn in den Kreis Freudenstadt nach Oberilfingen, aber auch in der Kirchheimer Volksbank, vor dem Esslinger Landratsamt, in Nabern, Ochsenwang, Oberensingen, Holzhausen und Sparwiesen sind seine Arbeiten zu bewundern. Sein Name zieht Kreise. Auch ein Fernsehteam blickte dem kreativen Bissinger in seinem Atelier am Bach über die Schulter. Dennoch ist er sich und seinem Anspruch treu geblieben: "Ich bin unabhängig und will meine Kunst nicht nach dem jeweiligen Zeitgeschmack richten."

Winfried Tränkner zählt nicht zu jenen Künstlern, die ihren Stil dem in der Kunstbranche gängigen Mainstream anpassen. Die Sprache seiner Figuren ist klar und einfach. "Je mehr ich mich entwickle, desto stärker reduzieren sich die Figuren in ihrer Bewegung." Dies zeigt etwa ein Vergleich zwischen seiner sehr fein ausdifferenzierten Sandsteinskulptur "Mutter Erde" und dem fast archaisch anmutenden "Gesang der Stille". Diese ursprüngliche und unverfälschte Art spricht den Betrachter an. Tränkners Werke sind authentisch. Er ist keiner, der abhebt, sondern bodenständig, bescheiden und geradlinig seinen oft steinigen Weg geht. Dabei entwickelte er eine besondere Sensibilität für das "Unsichtbare". Scheinbar belanglose Dinge am Wegesrand, die er, von anderen unbeachtet, aufgreift und zu kleinen Kunstwerken verwandelt. Eine spiralförmig verdrehte Wurzel, ein Stein, zwei Federn, ein Grasbüschel, eine Astgabel. Teile eines größeren Ganzen, die sich dem sehenden Auge und erkennenden Geist anbieten. Winfried Tränkner haucht ihnen Leben ein.

Probelauf Die Gemeinde Bissingen hat vor, in mehr oder weniger regelmäßiger Folge Ausstellungen im neuen Verwaltungsgebäude zu veranstalten. Die Ausstellung von Werken des heimischen Künstlers Winfried Tränk-ner bildet dazu den Auftakt. Gleichzeitig sieht Bürgermeister Wolfgang Kümmerle darin auch einen Probelauf, denn dieses Gebiet ist Neuland für die Verwaltung. Sie will zunächst Erfahrungen sammeln, vor allem was den personellen und kostenmäßigen Aufwand einer Ausstellung anbelangt.

Das Gemeindesäckel lässt keine großen Sprünge zu. "Das Budget muss mit dem Gemeinderat diskutiert werden", sagt der Bürgermeister und weist darauf hin, dass die Kunstförderung zu den freiwilligen Aufgaben einer Kommune zählt. Dennoch könne er sich im Sinne der Nachwuchsförderung vorstellen, jungen Künstlern im Wechsel mit Freizeitschaffenden aus Bissingen und Umgebung ein Forum im neuen Rathaus zu bieten. "Wir müssen das aber zuerst ausloten", sagt Wolfgang Kümmerle und deutet damit an, dass die Bilder noch nicht ihren endgültigen Platz gefunden haben.

INFO Zur ersten Ausstellung im neuen Rathaus der Seegemeinde lud die Gemeinde den ortsansässigen Bissinger Künstler Winfried Tränkner ein. Der Bildhauer wird einen Querschnitt seines Wirkens zeigen. Die Ausstellung ist am Sonntag, 5. Dezember, von 15.30 bis 18.30 Uhr geöffnet. Der Bildhauer wird in dieser Zeit anwesend sein. Seine Arbeiten sind bis einschließlich Dienstag, 21. Dezember, zu sehen.

Auch am zweiten Advent, Sonntag, 5. Dezember, ist das Rathaus von 15 bis 19 Uhr geöffnet.