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Der grüne Daumen hat ihn bis heute nicht losgelassen

LENNINGEN Bei wie so vielen seiner Generation, liegt ein bewegtes Leben hinter Kurt Schmidt, der morgen in Unterlenningen seinen 90. Geburtstag feiert. In Büsdorf bei Halle an der Saale geboren, verschlug es

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IRIS HÄFNER

ihn der Liebe wegen ins Lenninger Tal. "Mir hat die Landschaft hier schon immer besser gefallen. In meiner alten Heimat ist alles topfeben", erzählt der rüstige Jubilar, der bei schönem Wetter immer noch auf den Bühl wandert.

Aufgewachsen ist Kurt Schmidt in einem Gartenbaubetrieb. Angepflanzt wurden sämtliche Kohlarten, Radieschen, Salat oder Tomaten, die bis nach Leipzig geliefert wurden. Schon damals wurde Wert auf einwandfreie und saubere Ware gelegt, was gründliches Arbeiten voraussetzte. Es war selbstverständlich, dass der Sohn nach der Schulzeit im Jahr 1929 in den elterlichen Betrieb eintrat. Sechs Jahre später wurde er jedoch zum Arbeitsdienst eingezogen und von 1936 bis 1938 leistete er seinen Wehrdienst ab. Die Freiheit von der Truppe währte jedoch nur kurz. Schon im August 1939 bekam er seinen Stellungbefehl, erreicht hat ihn diese Nachricht völlig unvorbereitet nachmittags auf dem Feld. Noch am selben Tag erreichte er in Soldatenuniform Halle und wenige Tage später musste er vom ersten Tag an, den Polenfeldzug miterleben. Als dieser abgeschlossen war, kam er nach einigen Stationen in eine Flak-Kaserne bei Ludwigsburg. In dieser Zeit hat er seine Frau Charlotte kennen gelernt, die dort bei einem Arzt in Stellung war. Ungetrübt war dieses Glück jedoch nicht allzu lange, denn auch den Frankreichfeldzug hatte Kurt Schmidt vom ersten Tag an durchzustehen.

Eine Woche Urlaub musste genügen, als es im Jahr 1941 zur Kriegstrauung in Halle kam, da die Einheit von Kurt Schmidt zu dieser Zeit schon wieder verlegt und in der Nähe von Halle stationiert war. Wegen der beginnenden Luftangriffe auf die Leuna-Werke, zog es Charlotte Schmidt nach kurzer Zeit in die Heimat, zu ihrer Mutter nach Unterlenningen zurück und für Kurt Schmidt begann ein weiterer, gefährlicher Abschnitt: Zum dritten Mal erlebte er von Beginn an einen Feldzug mit, diesmal in Richtung Russland. Bis zum bitteren Ende hielt er durch und gelangte dann in polnische Gefangenschaft. Bis zum Sommer 1949 musste er in einem Kohlebergwerk in Oberschlesien arbeiten.

Zur Taufe des 1942 geborenen Sohnes konnte er wenigstens nach Unterlenningen kommen, ansonsten blieben sich Vater und Sohn über Jahre hinweg fremd. "Das Schlimmste war die Gefangenschaft. Ich war die Arbeit auf dem Feld in freier Natur gewohnt, nun musste ich in engen Schächten 500 Meter unter der Erde arbeiten das war eine schwere Zeit", erinnert sich der Jubilar. Das erste Jahr der Gefangenschaft sei die schlimmste Zeit gewesen. Nachdem das Rote Kreuz jedoch das Lager inspiziert hatte, wurde es nicht nur mit dem Essen besser. Da auch Polen in dem Bergwerk arbeiteten, kam es zu Kontakten unter den beiden Nationalitäten und trotz aller Feindschaft und der Kriegsschrecken setzte sich Menschlichkeit durch. Ein Pole bot Kurt Schmidt an, seine Frau in Deutschland anzuschreiben und so kam es dank dieses "polnischen Briefkastens" zum regelmäßigen schriftlichen Kontakt der beiden Eheleute.

Als Kurt Schmidt völlig überraschend in Unterlenningen auftauchte, war die Freude dementsprechend groß. Nach Zug- und Autofahrt stand er gegen 23 Uhr vor dem Haus seiner Schwiegermutter. Da sich das junge Ehepaar im ersten Stock eingerichtet hatte "bin ich über die Miste hochgestiegen und habe an das Schlafzimmerfenster geklopft", erinnert sich der Jubilar verschmitzt. Kurze Zeit später ist das ganze Haus zusammengekommen. Der Holzkoffer, den Kurt Schmidt mitbrachte, steht heute noch im Keller.

Nur kurze Zeit später hat er schon bei der Firma Scheufele gearbeitet. "Es galt ja, eine Familie zu versorgen", war dieser Schritt für Kurt Schmidt selbstverständlich, ebenso die Tatsache, nach der Arbeit in der Fabrik noch in der Landwirtschaft mit Hand anzulegen.

Wegen dem Bau der Mauer gestaltete sich der Kontakte zur alten Heimat wie bei so vielen Familien schwierig. Nur mit Mühe kam er beispielsweise rechtzeitig zur Beerdigung seines Vaters. Vor zehn Jahren war er zuletzt in Sachsen-Anhalt, um zu sehen, wie die Felder bestellt sind.

Der grüne Daumen hat ihn bis heute nicht losgelassen. Das Beet für Kresse ist schon hergerichtet. Nur wer rastet, der rostet nach diesem Motto scheint der rüstige Jubilar zu leben. Gartenarbeit dient also auch der Gesundheit und neben der regelmäßigen Touren auf den Bühl will er nach der Winterpause wieder Fahrrad fahren.

Seinen Geburtstag feiert Kurt Schmidt im Kreise seiner Familie, zu der neben dem Sohn, auch eine Tochter und fünf Enkelkinder gehören.