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Der herzogliche Landbaumeister wurde im Torfmoor fündig

KIRCHHEIM In dieser Woche jährte sich der Geburtstag des herzoglichen Landbaumeisters Heinrich Schickhardt zum 450. Mal. Dieses Genie der Architektur, der Städtebaukunst und des Ingenieurwesens

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WERNER FRASCH

wurde häufig der "schwäbische Leonardo" genannt. Seine Spuren hat der an der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert in Süddeutschland am meisten beschäftige Baumeister auch in Kirchheim und Umgebung hinterlassen.

In seinem Geburtsort Herrenberg gehörte Heinrich Schickhardt nach seiner Heirat mit Barbara Grüninger, der Tochter des Vogts und Bürgermeisters, zur wohlhabenden Schicht der Stadt. Sein Vermögen war bald recht ansehnlich und bestand aus zahlreichen Gebäuden und Grundstücken nicht nur in der Gäugemeinde, sondern auch in Stuttgart und anderen Orten.

Besitzerstolz

Nach seinen eigenen Worten hatte ihn Gott mit "ligentte Gietlein und Fahrnis" gesegnet, die er voller Besitzerstolz kartografisch erfasste und in einem Verzeichnis auflistete. Er konnte es sich daher sogar leisten, eine Anstellung beim Kaiser abzulehnen. Auch wollte er das Hab und Gut in der württembergischen Heimat nicht wegen eines Umzugs an den kaiserlichen Hof unbeaufsichtigt zurücklassen.

Heinrich Schickhardt trat in den Dienst des Herzogs Friedrich I. von Württemberg. Dieser regierte von 1593 bis 1608. Vorher hatte er die Herrschaft der linksrheinisch gelegenen Grafschaft Mömpelgard inne, wo er auch gewissermaßen unter französischem Einfluss aufgewachsen war. Dort faszinierte ihn der frühe Absolutismus als Regierungsstil, der später auch für ihn zum Leitbild für die Fortentwicklung Württembergs durch eine rege Bautätigkeit und die Förderung des Merkantilismus wurde.

Friedrich ernannte Heinrich Schickhardt bald zu seinem Landbaumeister und übertrug ihm damit die Verantwortung für das gesamte herzogliche Bauwesen. Der Herzog und sein Baumeister unternahmen gemeinsame Reisen, unter anderem nach Italien, Frankreich, Ungarn und England. Die Erkenntnisse dieser Erkundungsfahrten wurden bei zahlreichen Bauprojekten im heimischen Württemberg verwertet.

Heinrich Schickhardt plante und baute nicht nur Schlösser, Festungsanlagen, Kirchen und andere Gebäude, sondern auch technische Anlagen wie Mühlen, Keltern sowie Wasserbauwerke und befasste sich mit der Mechanisierung der Münzprägung durch den Einsatz der Wasserkraft.

Es ging bei diesen Projekten meist um mehr als lediglich um den Bau von zeitgemäßen, repräsentativen Gebäuden für einen Herrscher des frühen Absolutismus. Vor allem die zerrütteten Staatsfinanzen des Herzogtums Württemberg mussten in Ordnung gebracht werden. Deshalb wurden Gewerbe, Landwirtschaft und Weinbau gefördert sowie Bodenschätze ausgebeutet. In Urach entstand eine Tuchbleiche und der Flachsanbau wurde propagiert, um die Leineweberei geradezu industriell betreiben zu können.

Der Herzog selbst hielt es dagegen mehr mit der Alchimie und der Goldmacherkunst. Erfolgreicher war dagegen die Aufforstung der Wälder zur Steigerung der Holzerträge als nahezu der einzigen Energiequelle. Auch die Anlage von Fischteichen und die Eisenerz- und Silbergewinnung im Schwarzwald brachten Geld in die herzogliche Kasse. In der Nähe der Grube Christophstal wurde auch die Siedlung "Friedrichs Freudenstadt" angelegt. Diese städtebauliche Meisterleistung bei der auch religiöse Motive eine Rolle gespielt haben diente dazu, Bergleuten und hugenottischen Glaubensflüchtlingen eine Heimat zu geben.

Neuartige Roßmühle

Heinrich Schickhardt war in unterschiedlicher Mission auch in Kirchheim und einigen Orten in der Umgebung im Einsatz, um einerseits herzogliche Gebäude zu begutachten und instand zu setzen und andererseits Möglichkeiten für die Beschaffung von Einnahmen zu erkunden. Mühlen waren die Kraftwerke der Zeit um 1600. Mit diesen technischen Einrichtungen befasste sich der Baumeister immer wieder, da er auf diesem Gebiet besondere Fachkenntnisse besaß. Daher interessierte er sich auch für die neuartige Roßmühle in Kirchheim, die nicht durch Wasser, sondern durch Pferde betrieben wurde und daher nicht von der Wasserkraft abhängig war.

Heinrich Schickhardt machte Vorschläge für die Beseitigung von Mängeln. Der Bauzustand und Bauarbeiten wurden bei einer Besichtigung der Kirchheimer Obervogtamtsbehausung und im Marstallhof sowie in der Kelter im Jahr 1624 in Augenschein genommen. Einige Jahre vorher war Heinrich Schickhardt am Neidlinger Wasserschloss tätig. Der Ort und mit ihm das baulich heruntergekommene Schloss kam erst 1597 nach langen Auseinandersetzungen zu Württemberg. Das bisherige reichsunmittelbare Rittergut wurde eine eigene Vogtei und bedurfte somit einer standesgemäßen Wohnung für den Vogt im vierflügligen Schloss. Dort betrieb im Übrigen anfänglich durchaus zur Freude von Herzog Friedrich I. ein Goldmacher seine dunklen Geschäfte. Die Betrügereien ließen sich nicht auf Dauer verbergen, sodass der vom Herzog Umworbene 1606 in Stuttgart am Galgen sein Leben beendete.

Aus wirtschaftlichen Gründen sollte um 1600 die Lauter bei Gutenberg so ausgebaut werden, dass größere Baumstämme darauf besser geflößt werden konnten. Wenige Jahre vorher hatte dort der aus Tirol stammende Wolf Grassel Schleusen angelegt, durch welche Hölzer auf dem Wasserweg transportiert wurden. Das war wegen der geringen Wassertiefe allerdings nur mit etwa zwei Meter langen Stücken möglich. Sie wurden an einen Köhler zur Herstellung von Holzkohle geliefert.

Zum Ausbau des Wasserlaufs kam es allerdings nicht, sodass größere Holzstämme aus dem Gutenberger Wald nach wie vor auf dem mühsamen Landweg befördert werden mussten. Einnahmen versprach man sich auch von der Forellenzucht in einem See, der bei Gutenberg angelegt und durch Wasser der Lauter gespeist wurde.

Angesichts des immer stärker spürbaren Holzmangels, der durch die vernachlässigte Forstwirtschaft und einen steigenden Bedarf an Bau- und Brennholz ausgelöst wurde, mussten Wege gefunden werden, Holz zu sparen. Die "Holz-SpahrKunst" stand daher hoch im Kurs und die Suche nach Energiealternativen wurde auch von Heinrich Schickhardt mit Nachdruck betrieben. Im Stuttgarter Kriegsberg förderte man einige Jahre lang Steinkohle und verwendete diesen Brennstoff für Feuerungszwecke. Brennbares Material erhoffte man sich auch vom Torfabbau.

Großen Morast entdeckt

Zur Erschließung von Torflagern wurden an mehreren Stellen im Land Probebohrungen vorgenommen in der Hoffnung, auf ein nennenswertes Vorkommen dieses Brennstoffs zu stoßen. Diese mehr oder weniger unsystematische Suche war im Stuttgarter, Böblinger und Sindelfinger Forst ohne Erfolg. Fündig wurden die Torfsucher dagegen bei Schopfloch. Sie entdeckten dort einen "großen Morast" mit einer Fläche von mehr als hundert Morgen. Mit einem eisernen Bohrer wurde erforscht, wie tief die Torfschicht ist.

Erfreut konnte Heinrich Schickhardt in seinem Gutachten festhalten, dass "herlich gudt Dorff" gefunden worden sei. Der Herzog persönlich kam auf den Gedanken, damit zur "Ersparung des Holz" das Wasser im neu erbauten "Wunderbad Boll" zu erwärmen. Auch für diese Einrichtung stammten die Pläne von Heinrich Schickhardt.

Gegen die Feuerung mit Torf hatte allerdings der Boller Badmeister Bedenken. Er befürchtete, dass "die Badleit wegen Schwefelgeruchs mechten vertriben werden". Heinrich Schickhardt sah aber den wahren Grund für diese Weigerung darin, dass der Badmeister für sich einen Einnahmeverlust befürchtete, wenn nicht mit dem von ihm gelieferten Holz geheizt würde.

Die Hoffnung Heinrich Schickhardts, dass der Brennstoff Torf zu einem späteren Zeitpunkt doch noch verwendet würde, ging in Erfüllung. Nachdem das Moor durch einen Graben entwässert und trockengelegt wurde, baute man von Ende des 18. bis Mitte des 19. Jahrhunderts unter Aufsicht der Obrigkeit Torf ab und verwendete ihn als Brennmaterial. Auch private Unternehmer nutzten das Torfmoor bis um 1900. Die Kosten überstiegen mit der Zeit jedoch die Einnahmen erheblich, sodass die Torfgewinnung aus wirtschaftlichen Gründen eingestellt wurde.

Die noch vorhandene Fläche des Torfmoors wurde 1931 vom Schwäbischen Albverein erworben und unter Naturschutz gestellt. Aus dem ursprünglich halben Hektar sind zwischenzeitlich 35 Hektar Naturschutzgebiet geworden, das durch die vor einigen Jahren eingerichtete Wiedervernässung eines fernen Tages wieder in den ursprünglichen Zustand eines Hochmoores zurückgeführt werden könnte.