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Der Kastanienbaum leidet unter der Anziehungskraft

OWEN Wenn ein harmloses Vergnügen zu grobem Unfug ausartet, müssen meistens Unschuldige darunter leiden. In Owen handelt es

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ANDREAS VOLZ

sich bei dem wehrlosen Opfer um einen Kastanienbaum. Seine Früchte sollten eigentlich der Fortpflanzung dienen. Stattdessen sorgt sein ungünstiger Standort dafür, dass ihm gerade wegen dieser Früchte der Garaus droht.

Der Reihe nach: Seit es Kastanien und Kinder gibt, dürfte es zu den wichtigsten herbstlichen Vergnügungen der nachwachsenden Menschheit gehören, die braunen Früchte aufzusammeln zu welchen Zwecken auch immer. Genauso wichtig und spaßfördernd ist es, dem Fall der stachligen Fruchthüllen dezent nachzuhelfen. Zu diesem Zweck experimentieren die Kinder freudig mit den Gesetzen der Ballistik und der Gravitation.

Das heißt im Klartext, dass die Jugend gerne Wurfgeschosse aller Art in die Wipfel befördert, auf dass sich möglichst viele Kastanienfrüchte von ihren Zweigen lösen und zu Boden fallen mögen wie weiland Newtons Äpfel. Wenn alles gut geht und weder Werkzeug noch Früchte bei ihrer Rückkehr zur Erde Schaden an Menschen oder an parkenden Autos verursachen, handelt es sich in der Tat um ein harmloses Vergnügen, das sich günstigstenfalls sogar in die Rubrik "Jugend forscht" einordnen lässt.

Bei Bällen vor allem bei weichen ist die Gefahr für Leib, Leben oder Güter eher gering. Bei dicken Ästen erhöht sie sich deutlich, und bei größeren Pflastersteinen wäre es schon wieder verwunderlich, wenn auf Dauer nichts passiert. Dass auf dem Owener Schulhof mitunter tatsächlich Pflastersteine fliegen, demonstrierte Bürgermeister Siegfried Roser dem Gemeinderat in der jüngsten Sitzung anhand eines beeindruckenden Beweisstücks.

Es besteht also Handlungsbedarf, bevor es zu ganz gravierenden Schäden kommt. Die Überlegung, den Baum einfach zu fällen, war schon weit fortgeschritten und wäre demnächst in die Tat umgesetzt worden. Nun hat sich Widerstand geregt: Sowohl das Lehrerkollegium als auch die übrigen Anrainer würden es sehr bedauern, "dass man einen so schönen Baum entfernen muss, weil Kinder und Jugendliche sich nicht an Regeln halten können". Das hat Schulleiterin Christa Eckel dem Gemeinderat schriftlich mitgeteilt.

Die Gremiumsmitglieder waren zwar überwiegend derselben Meinung. Aber einige von ihnen sprachen sich trotzdem dafür aus, den Kastanienbaum durch einen anderen Laubbaum zu ersetzen, der weniger Anziehungskraft auf die junge Generation ausübt. "Sonst kriegen wir da keine Ruhe rein", lautete die Begründung. Problematisch seien indessen weniger die Grundschulkinder, als vielmehr ältere Jugendliche, die sich außerhalb der Unterrichtszeiten auf dem Gelände aufhalten und zudem Glasscherben und Zigarettenkippen auf dem Schulhof hinterlassen.

Vor einigen Jahren gab es einmal eine Vereinbarung, in der sich die Jugendlichen verpflichteten, gewisse Regeln einzuhalten. "Das hat mit dieser einen Gruppe funktioniert", zollte Bürgermeister Roser in öffentlicher Sitzung jenen Jugendlichen Respekt. Inzwischen habe aber eine andere, neue Gruppe den Platz in Beschlag genommen, die sich nicht so sehr an Regeln von außen gebunden fühlt.

Um den stattlichen Kastanienbaum dennoch vor der Motorsäge zu retten, brachte Siegfried Roser einen weiteren, alten Vorschlag ein: "Wir bekommen erst Ruhe auf dem Schulhof, wenn wir ihn wirklich einzäunen und eine außerschulische Nutzung durch unbelehrbare Jugendliche unterbinden." Einen Seitenhieb auf manche Erziehungsberechtigte wollte sich Owens Bürgermeister dabei nicht verkneifen: "Eltern sind mehrheitlich auch unbelehrbar: Wenn was passiert, sind es ihre Kinder nie gewesen."

Die Gemeinderäte einigten sich schließlich darauf, zunächst einmal konkrete Vorschläge zur Einzäunung des Geländes abzuwarten und zu prüfen. Für den Kastanienbaum gibt es folglich noch Hoffnung: Immerhin hat er vorerst eine mehrmonatige Galgenfrist erhalten.