Lokales

Der Kormoran steht auf der Abschussliste

Für Fischer Fritz Brauneisen ist die Sache klar: Beziffern kann er die Verluste durch Kormorane nicht, aber der Jungfischbestand ist kolossal reduziert. Der Kormoran nimmt alles, was sich unter Wasser bewegt, bis zu 1,5 Pfund.

HANS-JOACHIM HIRRLINGER

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KREIS ESSLINGEN Als Vorsitzender des Fischereivereins Plochingen-Reichenbach vertritt er 65 aktive Hobby-Fischer, und für die ist der Kormoran im Gegensatz zum einheimischen Graureiher ein standortfremder Räuber. Seine Fischer, sagt Brauneisen, stünden voll hinter den Abschüssen, "aber es ist noch zu wenig". Der Fischer-Vorsitzende klingt resigniert, wenn er sagt: "Aber gegen die Naturschützer können wir uns nicht durchsetzen."

Gerade hat das Landratsamt Esslingen eine Abschussverfügung für Kormorane für das Filsgebiet oberhalb Reichenbachs bis zur Kreisgrenze erlassen. Jäger dürfen die Vögel beidseits des Flusslaufs auf jeweils 100 Metern Breite zwischen dem 15. September und dem 15. März schießen. Die Genehmigung beschränkt sich auf zehn Kormorane pro Jagdsaison und höchstens zwei pro Tag. Sie wurde auf Antrag der Interessengemeinschaft Filsfischer erlassen, die das Fischgewässer gepachtet hat.

Die rechtliche Grundlage für eine Abschussgenehmigung, die verwaltungstechnisch Allgemeinverfügung heißt, lieferte 2004 die Kormoranverfügung der Landesregierung. Danach kann das Landratsamt als untere Naturschutzbehörde solche Abschüsse zulassen, wenn dadurch erhebliche fischereiwirtschaftliche Schäden vermieden und die heimische Tierwelt geschützt werden können. Weitere Genehmigungen erstrecken sich auf den Neckar zwischen Wendlingen und A 8 sowie bei Neckartailfingen.

Naturschützer sehen das Problem ganz anders. Gerhard Jakob aus Neckartenzlingen gilt im Naturschutzbund (Nabu) als Kormoran-Spezialist. Für ihn ist klar: "Die Jagd auf Kormorane bringt nichts. Der Landrat weiß das, aber er kriegt Druck von oben. Die Fischer stellen ein großes Wählerpotenzial. Deshalb wird ihnen nachgegeben."

Jakob sieht mehrere Ursachen, weshalb die Jagd auf die vor 100 Jahren fast ausgerotteten Vögel nichts bringt: In Bayern würden seit Jahren annähernd 100 Prozent des Winterbestandes geschossen, aber ein Jahr später seien genauso viele Kormorane neu zugezogen. Jakob begründet das mit dem Nahrungsangebot, das nur eine bestimmte Zahl der Vögel anlocke. "Die Population wird durch das Nahrungsangebot begrenzt." Für ihn heißt das: "Wenn ich nicht schieße, werden genauso viele Fische gefressen." Zweitens fehlt für ihn jeder Nachweis des durch Kormorane verursachten Schadens. Im Kreis Esslingen gebe es keinen fischereiwirtschaftlichen Betrieb, also auch keinen entsprechenden Schaden. Die Jagd auf Kormorane sei "reiner Nonsens" und Augenwischerei.

Bernd Bitterlich, der Vorsitzende der Gruppe Plochingen-Reichenbach, kann sich erklären, weshalb die Filsfischer auf die Abschussgenehmigung drängten: Der Kormoran bedient sich gerne im fast glatten Flussbett der Fils. Dort kann er leicht auf Äschen und Forellen zugreifen, die keine Verstecke finden. Doch gerade Forellen werden gerne von den Anglern in der Fils ausgesetzt, die sich um ihre Angel-Erträge betrogen fühlen. Die Alternative: Fischbesatz nur in strukturreichen Gewässern, die den Tieren auch Verstecke bieten, nicht in so dürftigen Flussläufen wie diesem Abschnitt der Fils. Für den Nabu-Bundesverband ist es sowieso paradox, einerseits durch Fischbesatz ein künstliches Überangebot an Nahrung zu schaffen und andererseits den Abschuss von Vögeln zu fordern, die dadurch angezogen werden. Der Nabu-Landesverband fordert zur "friedlichen Koexistenz von Fischen, Kormoranen und Anglern" auf: Statt die schwarz gefiederten, etwa gänsegroßen Vögel zum Sündenbock zu stempeln, sollten die Fischer besser für Verstecke für Fische sorgen. Die Totholzburg am Knielinger See bei Karlsruhe gilt als Vorbild.

Kormorane (Phalacrocorax carbo sinensis) sind Schwimmtaucher, die Fische mit ihrem hakig gebogenen Schnabel im Tauchen ergreifen. Ihr Appetit auf Fisch ist groß, aber nicht so groß, wie Fischer vermuten: Statt 500 bis 700 Gramm pro Tag brauchen sie nur 350 Gramm, die in Brutzeiten allerdings auf 500 Gramm steigen können. Kormorane sind wie Pelikane Ruderfüßler. Der Vogel wurde in Mitteleuropa so drastisch bejagt, dass er noch bis in die 70er-Jahre als nahezu ausgerottet galt. Im Landkreis Esslingen wurden in den vergangenen Jahren zwischen 200 und 400 Kormorane gezählt, die hier überwintern. Dauerhaft haben sich nur etwa zehn Prozent in Brutgebieten wie den Wernauer Baggerseen niedergelassen.