Lokales

"Der kranke Heiland"

"Wenn du krank bist, nimmt es der Heiland so, als ob er es wäre, weil du dadurch in eine Gleiche mit ihm kommst" so barock aber ausdrucksstark schreibt Johann Christoph Blumhardt, an dessen 200. Geburtstag wir in diesen Wochen denken, einem Rat suchenden Menschen: Das war sein seelsorgerliches Prinzip hinhören, miteinander beten und "es dem Heiland anbefehlen". Und so hat Blumhardt der Ältere (wie wir ihn auch nennen) seine Gemeinde in Möttlingen im Nord-Schwarzwald und dann im Kurhaus in Bad Boll begleitet und bewegt. Viele Menschen wurden durch seinen Glauben ermutigt, in ihren Schwächen gestärkt, in Krankheit geheilt.

Eine unkomplizierte Frömmigkeit, die die psychischen und emotionalen Nöte seiner Zeit ernst nimmt, die sich aus dem einfachen Glauben speist, dass "ich bei ihm etwas gelte", und die tiefe Überzeugung, dass Gott sich mit den Armen und Geplagten identifiziert sie aber auch aus der Dunkelheit befreien will, um sein Reich inmitten dieser Welt zu bauen das hat Blumhardt geprägt und ihn in seiner jahrzehntelangen Arbeit als Seelsorger und Prediger zu einem Segen für die damalige Kirche, für unser Land und später vor allem durch seinen Sohn (Christoph Friedrich Blumhardt) auch weltweit werden lassen.

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Unzählige, nach Rat und Trost fragende Menschen, besuchten das Boller Kurhaus bis in die Anfangsjahrzehnte des 20. Jahrhunderts: So etwa der junge Hermann Hesse, der von seinen verzweifelten Eltern geschickt wurde und "selige Wochen in Boll" verbracht hatte oder Elisabeth von Ardenne, die historische Gestalt der berühmten "Effi Briest" aus Fontanes gleichnamigem Roman. Aber natürlich auch einfache Menschen, die mit ihren Sorgen kamen bis hin zu den Arbeitern, die sich durch Christoph Blumhardts Beitritt zur Sozialdemokratischen Partei und durch seine Wahl in den königlichen Landtag von Württemberg angesprochen und gewürdigt fühlten.

Vonseiten der Kirchenleitung, in Presse und Öffentlichkeit wurde dieser Schritt von Blumhardt (dem Jüngeren) nicht nur nicht verstanden: Vielmehr warf man ihm "Christusschwärmerei" vor. "Ja, weil eben Christentum anstelle Christi getreten ist, muss ein wirklicher Nachfolger Christi Schwärmer sein. Der tausendfache Dank aber der Proletarier, dass ich mit Christus unter ihnen aufgetreten bin, ist mir mehr als alles Ansehen bei kühlen, vornehmen Christen . . . Das Bewusstsein, von Gott geführt zu werden, ist aber meine Stärke".

Beide Blumhardts waren durch ein enges Band verbunden: "Quartiermeister Gottes" wollten sie sein in einer Welt, die in ihren Strukturen und in ihren politischen Entscheidungen, in ihren Lebensentwürfen für einzelne Menschen und in deren religiösen Bindungen Ängste, Hoffnungslosigkeit und Engstirnigkeit hervorriefen. "Dass Jesus siegt" mit diesem Signal haben sie nicht nur für damals eine Erneuerung von Frömmigkeit und Weltverantwortung in Gang gesetzt. Insofern sind die beiden Blumhardts bis in unsere Zeit Vorbilder des Glaubens: Am Grab des jüngeren Blumhardt wurde 1919 auf dem Boller Bad-Friedhof von einem Arbeiterführer gesagt: "Mit Recht hieß er Christoph denn er hat Christus zu uns getragen". Christian Buchholz Schuldekan