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"Der Leidensdruck der Ärzte hat einen kritischen Punkt überschritten"

Seit Monaten schlagen Krankenhausärzte und ihre niedergelassenen Kollegen Alarm. Die anstehende Gesundheitsreform müsste den Medizinern zufolge grundlegende strukturelle Veränderungen beinhalten. Anke Kirsammer hat mit dem Vorsitzenden der Ärzteschaft Nürtingen, Dr. Hanns-Joachim Schmidt, dessen Stellvertreter Dr. Thomas Löffler, Rechnungsführer Dr. Frank Staffa sowie Dr. Silvia Oberhauser gesprochen.

Wegbrechende Einnahmen durch immer weniger sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze auf der einen Seite, steigende Ausgaben durch den demografischen Wandel und den medizinischen Fortschritt auf der anderen Seite. Trotz gleich bleibender Beiträge werden die Patienten durch Praxisgebühr, Zuzahlungen zu Medikamenten und die Bezahlung von nichtverschreibungspflichtigen Arzneimitteln immer mehr zur Kasse gebeten. Müssen nicht alle, also auch die Ärzte, den Gürtel enger schnallen?

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Dr. Silvia Oberhauser: Seit Jahren schon wird mit jeder neuen Stufe der Gesundheitsreform kräftig am Gürtel der Ärzte gezogen, ohne dass dadurch die Gesamtausgaben im Gesundheitswesen in den Griff zu bekommen wären. Dies ist nicht verwunderlich, da die Kosten für die gesamte ambulante ärztliche Versorgung nur rund ein Sechstel der Gesamtausgaben im Gesundheitswesen darstellen. Auf sinkende Umsätze mussten niedergelassene Ärzte daher verstärkt mit Senkung der Praxiskosten reagieren. Das ging in erster Linie zu Lasten der Arbeitsplätze von Arzthelferinnen und Auszubildenden. In einer Zeit der Massenarbeitslosigkeit absolut kontraproduktiv.

Wo soll denn das Geld für die steigenden Ausgaben herkommen?

Dr. Hanns-Joachim Schmidt: Entweder wir reduzieren die Ansprüche der Versicherten oder wir erhöhen die Beiträge ich sehe keine vernünftige Alternative.Dr. Silvia Oberhauser: Steigende Ausgaben sind eine Seite, die andere wohl deutlich relevantere sind wegbrechende Einnahmen durch immer späteren Eintritt ins Arbeitsleben, großzügige Vorruhestandsregelungen, sinkende Beschäftigungszahlen, Wegfall von 13. Monatsgehältern oder Weihnachtsgeldern. Auch dort, wo es Unternehmen wieder deutlich besser geht, schlägt sich dies nicht in neu geschaffenen Arbeitsplätzen nieder. All diesen Problemen nur mit ungezielten Sparmaßnahmen begegnen zu wollen, ist lächerlich.

Was halten Sie von dem Weg, auch Besserverdiener zu verpflichten, in die gesetzliche Krankenversicherung einzuzahlen?

Dr. Thomas Löffler: Die Systematik der privaten Krankenversicherung lässt sich nicht ohne weiteres mit der gesetzlichen Krankenversicherung vermischen. In der privaten Krankenversicherung wurden beispielsweise Altersrückstellungen gebildet, die im System der gesetzlichen Krankenkassen leider gänzlich fehlen.Dr. Frank Staffa: Ich kann mir durchaus vorstellen, die Beitragszahlungen nicht mehr nur am Lohn festzumachen, sondern alle Einkünfte hinzuzuziehen. Das wäre dann wie mit der Steuer, nur bitte ohne Schlupflöcher. Die Private Krankenversicherung aufzulösen, wäre ein herber Schlag für die niedergelassenen Praxen. Denn von den Einnahmen der GKV können sich die meisten Kollegen nicht mehr über Wasser halten. Im Prinzip finanzieren die privat Versicherten schon seit längerem das marode System indirekt mit.

Durch Gemeinschaftspraxen oder Ärztehäuser ließen sich vom Personal über die Miete bis zu teuren Geräten Synergieeffekte nutzen. Warum gibt es nach wie vor so viele ärztliche Einzelpraxen?

Dr. Frank Staffa: Der Sparzwang der letzten Jahre hat uns eine wahre Entlassungswelle von Arzthelferinnen eingebracht. Wir niedergelassenen Ärzte sind nur noch im Bereich der unternehmerischen Risiken ein freier Beruf. Hier liegt die gesamte Verantwortung in unseren Händen. Und wenn wir im Bereich Personal, Miete und Geräte Einsparungen auf verträgliche Weise erzielen können, dann werden wir es tun oder haben es bereits getan.

In Deutschland wird immer mehr Geld für Arzneimittel ausgegeben. Welche Alternative zur angekündigten Bonus-Malus-Regelung, die Ärzte belohnt, wenn sie wenig Medikamente verschreiben und sie bestraft, wenn sie zu viel verordnen, gäbe es, um die Kosten in einem bezahlbaren Rahmen zu halten?

Dr. Frank Staffa: Grundsätzlich sollten wir einmal festhalten, dass es in der Natur einer Versicherung liegt, Risiken zu versichern beziehungsweise abzudecken. Das heißt im Gesundheitswesen, dass nicht die Ärzte das Morbiditätsrisiko tragen müssen. Das wäre so, wie wenn nicht die Gebäudebrandversicherung den Brandschaden bezahlt, sondern der Feuerwehrmann, der zum Löschen anrückt, mit seinem Lohn dafür einstehen soll. Wenn nicht genügend Löschwasser von der Versicherung bezahlt werden kann, dann müssen die Rahmenbedingungen, unter denen gelöscht werden soll, eben klar vorgegeben werden. Auf uns übertragen: Es muss klar vorgegeben werden, was noch alles im Leistungskatalog vertreten ist und mit welchen Medikamenten behandelt werden darf. Eine Positivliste also. Diese Medikamente müssen dann aber von den Kassen auch im notwendigen Ausmaß übernommen werden.

Die elektronische Gesundheitskarte wird derzeit in acht Regionen in Deutschland getestet. Sie soll unter anderem helfen, Doppeluntersuchungen zu vermeiden und Bürokratie abzubauen eine Forderung, die ja auch von Ärzteseite immer wieder laut wird. Warum sehen Sie der flächendeckenden Einführung der Karte so kritisch entgegen?

Dr. Hanns-Joachim Schmidt: Eins wird die elektronische Gesundheitskarte ganz sicher nicht bewirken: den Abbau der Bürokratie. Sie wird im Gegenteil den bürokratischen Aufwand für Patienten und Praxen ins Unermessliche steigern. Und was Doppeluntersuchungen angeht: Wenn die ambulante Ärzteschaft je die doppelte Menge an Ultraschall-, Röntgen- und Laboruntersuchungen abrechnen würde die Gesamtauszahlung durch die Krankenkassen bliebe die gleiche. Und bitte: Welche Frau lässt sich denn im Quartal viermal von verschiedenen Frauenärzten untersuchen, wer lässt sich denn doppelt operieren? Wir Ärzte haben ein Schweigerecht und eine Schweigepflicht. Das ist die Grundlage einer vertrauensvollen Zusammenarbeit zwischen Arzt und Patient. Behandlungsdaten von unseren Patienten wollen wir nicht an die große Glocke gehängt haben.

Akademiker vieler anderer Fachrichtungen hangeln sich nach dem Studium von einem Praktikum zum nächsten. Ärzte haben dagegen einen sicheren Job. Etwas provokativ gefragt: Jammern Mediziner nicht auf hohem Niveau?

Dr. Silvia Oberhauser: Ich finde es sehr schade, wenn die Proteste der Ärztinnen und Ärzte der letzten Wochen immer wieder darauf reduziert werden, nach dem Motto: "Wieso jammern die denn und wollen mehr Geld, die sind doch alle so reich." Im Krankenhausbereich stehen die Honorarforderungen der Kollegen mit Recht an erster Stelle. Im Bereich der Niedergelassenen muss darüber sicher auch diskutiert werden. An erster Stelle steht aber unsere Sorge um die Zerschlagung eines der besten Gesundheitswesen der Welt zu Gunsten von staatlichem Dirigismus, bürokratischer Beamtenmedizin und menschenferner Gleichmacherei. Glauben sie mir, vielen meiner Kollegen geht es wie mir, wir halten das Spannungsfeld zwischen dem, was unsere Patienten brauchen und womit wir sie abspeisen sollen, oft kaum mehr aus. Sie und wir möchten gute moderne medizinische Versorgung und persönliche, individuelle menschliche Betreuung, sollen stattdessen aber bürokratisieren, selektieren, egalisieren und rationieren über die Grenzen dessen, was ethisch vertretbar ist, hinaus. Was auf unsere Patienten zukommt, wird kein Zuckerschlecken werden, besonders nicht für die chronisch Kranken. Für sie hat der Verteilungskampf schon viel mehr begonnen als für uns. Es wird von ihnen nur noch nicht vollständig wahrgenommen.

Dr. Thomas Löffler: Die Ärzte sind dabei, ihre Konsequenzen zu suchen: Berufseinsteiger verlassen das Land, die Assistenzärzte das Krankenhaus und die niedergelassenen Ärzte das System. Jeder, der eine Möglichkeit für sich sieht, sucht nach Alternativen. Sie können dies auch in Kirchheim beobachten: Wir haben in den letzten Jahren einen Kollegen an den medizinischen Dienst der Krankenversicherung verloren, ein Kollege arbeitet auf Kreuzfahrtschiffen, mehrere haben vorzeitig den Beruf aufgegeben und sind zum Teil in der Entwicklungshilfe tätig. Frei werdende Arztsitze werden nicht besetzt oder erst nach langer Suche und teilweiser Vakanz von einem Jahr, wie beispielsweise in Schlierbach.

Müssen sich die Patienten auf weitere Ärztestreiks gefasst machen?

Dr. Frank Staffa: Die Stimmung innerhalb der Ärzteschaft ist so geladen, wie ich es in den letzten 15 Jahren nicht erlebt habe. Der Arzt im Allgemeinen ist ein eher unpolitischer Einzelkämpfer, der meist keine Zeit zu Protesten hat. Dass nun aber eine ungeahnte Einigkeit unter den deutschen Ärzten herrscht, verdeutlicht am besten, wie sehr es im System knistert. Ich denke, Deutschland muss sich auf weitere Protestaktionen gefasst machen. Der Leidensdruck innerhalb der Ärzteschaft hat einen kritischen Punkt überschritten.