Lokales

Der letzte Schuster im Lenninger Tal blieb bei seinen Leisten

LENNINGEN Der junge Schuhmacher Erwin Künschner stellte sich am 15. Februar 1949 auf eigene Füße. Er eröffnete im Oberlenninger Burgtobelweg eine Schuhmacher-Werkstatt. Fünf Schuster gab es damals im

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ERIKA HILLEGAART

Dorf. Seit einigen Jahren ist er der einzige Schuster im ganzen Lenninger Tal, einschließlich Schopfloch. Dieser Tage jedoch inserierte der 78-jährige Handwerker im Mitteilungsblatt: "Krankheitsbedingt darf ich Sie leider bitten, Ihre Schuhe abzuholen".

Jeder im Ort kennt den tüchtigen Schuhmacher. Die Kunden aus weitem Umkreis schätzen seine handwerklich gute Arbeit, seine soliden Preise, seine Geduld und seine Freundlichkeit. Jahrzehntelang brachten die Leute ihr Schuhwerk mit durchgelaufenen Sohlen, schiefen Absätzen oder geplatzten Nähten in seine kleine Werkstatt hinter der alten oberen Mühlenscheuer. Schulranzen, Koffer und Ledertaschen reparierte er so mustergültig wie Stiefel, Halbschuhe oder Sandalen. Zufrieden konnte man das Reparierte, das stets auf Hochglanz poliert worden war, wie neu nach Hause tragen.

Aber schon seit einigen Wochen hängt ein Schild an seiner Ladentüre "Keine Schuhannahme mehr möglich". In der Werkstatt freilich lagern zwischen Näh- und Poliermaschinen in den Regalen und auf dem Arbeitstisch immer noch große und kleine Schuhe aus Lack und Leder, mit Schnürhaken, Schnallen oder Spangen. Der erfahrene Handwerksmeister wusste stets, wo der Schuh drückt. Er dehnte neue Schuhe an der richtigen Stelle, passte ungleichen Füßen die richtigen Einlagen an, wusste bei orthopädischen Problemen Rat. Lang und nachdenklich schaute er stets bei Billigstware und entschied, ob sie reparaturwürdig sei. Früher habe er natürlich selbst Schuhe hergestellt, erzählt der gebürtige Oberlenninger. Pfennigganz sei heut' noch manches Paar, habe ihm schon mancher Kunde bestätigt. Wehmütig schaut Erwin Künschner auf das oberste Regal, wo die verschiedenen Holzleisten stehen. Auch wenn er sie heute nicht mehr zur Hand hat, so ist der Oberlenninger Schuster stets bei seinen Leisten geblieben in sprichwörtlich gutem Sinn.

Stets regen ZulaufIm Jahr 1942 kam Erwin Künschner zu Obermeister Georg Haas nach Kirchheim in die Lehre. Dort hatte er gelernt, alle Schuharten herzustellen. Es gab damals "koin Schuh zom Kaufa". Kriegsbedingt wurde seine Lehrzeit verkürzt. Erwin Künschner kam im Allgäu zum Arbeitsdienst. Seine Heimkehr nach Oberlenningen weiß er auf den Tag genau. Es war der 5. Mai 1945. Die Werkstätte seines Lehrmeister war wie so vieles stillgelegt. Sechs Wochen arbeitete er in Böhringen bei einem Bauern, damit die Familie in jenen Hungerzeiten etwas zum Essen hatte. Im elterlichen Haus hatte einst der Onkel seines Vaters schon geschustert. Den Vater selber zog es jedoch als Schiffskoch in die Ferne. Nach der Währungsreform hatte der junge Schuhmacher "die Nase im Wind", er baute die Scheuer im elterlichen Wohnhaus zu einer Werkstatt um. Vom ersten Tag an, dem 15. Februar 1949 bis heute hatte sein Geschäft regen Zulauf. "Doch so isch der Welt Lauf", sinniert Erwin Künschner über das nahende Schließen seiner Werkstatt. Der Schuhmacher bleibt beim Erzählen beim Wort "laufen". Er möchte noch "aufs Laufende" kommen, will die restlichen Schuhberge flicken, freilich ohne Termindruck. Seine Frau Hedwig geborene Ehni war ihm eine treue Lebens- und Arbeitsgefährtin. Jetzt ist sie nach schwerer Krankheit im Pflegeheim. Der Sohn reist als Top-Manager in alle Welt und die Enkeltochter macht Karriere bei einem Weltunternehmen. Seine "Stückle" seine Streuobstwiesen hat er abgegeben.

Von Hans Sachs, dem Nürnberger "Schuster und Poeten dazu", hängt ein Plakat bei der Werkstatt-Tür. Einer der Knittelverse des berühmten Mannes kann auch für den Oberlenninger Zunftgenossen gelten: "Führ maßvoll ehrenwerten Wandel. Treib fleißig dein Gewerb und Handel." Ein Poet wie der Meistersinger ist Erwin Künschner keiner, doch ein Menschenkenner ist er allemal. Wie Schuster Martin in Leo Tolstois gleichnamiger Erzählung hatte er all die Jahre immer Zeit für Kinder. Er erkannte an den Schuhen die Gangart der Leute, sah den Bubenschuhen an, wer gern Fußball kickt oder beim Bobbycarfahren Schuhe mit Kappen braucht. Auf eitel-modische Stöckelschuhe machte er rutschfeste Sohlen. Die passenden Sohlenprofile empfahl er den Zeitgenossen, damit sie sich bei weiten Wanderwegen auf Schusters Rappen verlassen können.

Bis heute weiß Erwin Künschner, wer es eilig hat mit der Reparatur oder wer Zeit hat und gern öfters mal in seine Werkstatt bei ihm reinschaut. Wie groß mag das Fußvolk sein, dem der tüchtige Mann in über einem halben Jahrhundert das Schuhzeug gerichtet hat in seiner Werkstatt? Dieser kleine Raum ist ein besonderer Ort, an dem es nach Leim und Leder und Schuhwichse riecht. Dort werden bei manch älteren Leuten Kindheitserinnerungen wach, als noch Nägel und Eisele die Schuhsohlen schonen sollten.

In diesen Tagen ohne Hausfrau bringt ihm morgens sein Nachbar, ein gut schwäbischer Italiener, das Frühstück. Mit des Nachbarn Geburtsland verbindet ihn auch seine Liebe zu Italien. Dorthin ist das Ehepaar Künschner bis vor wenigen Jahren mit dem Wohnwagen in den Urlaub gefahren, immer im September. Stets wollte er dem Rummel um seinen Geburtstag entgehen. Am 9. September ist Erwin Künschner geboren einen Kalendertag nach dem Poeten und Geschichtenerzähler, der das schönste Märchen von einem Schuster geschrieben hat. In Eduard Mörikes "Stuttgarter Hutzelmännlein" bekommt der Schustergeselle Seppe zwei Paar Glücksschuhe, denn "du sorgst immerdar für anderer Leute Fußwerk . . . Und der Geselle war willens zu wandern, zog südwärts und sah mit großen Freuden die Alb als eine wundersame blaue Mauer ausgestreckt Das Glück des Seppe lag auf der Straße."

Auf der Straße, so wirbt der Zentralverband des Deutschen Schuhmacher-Handwerks, liegen auch heutzutage Berufschancen für junge Leute. "Noch immer ist die Spitzenleistung der Schuh nach Maß. Dabei kann jeder, der das kreative Meisterhandwerk erlernt, zum Designer werden. Denn wer wollte nicht gern gut zu Fuß sein?" Erwin Künschner schrieb in seiner Anzeige: "Herzlichen Dank für Ihre Jahrzehnte lange Treue". Hat nicht die oft zitierte "junge Dame Lenningen" allen Grund, bevor sie auf leisen Sohlen in den Zug der Zukunft einsteigt, sich bei ihrem großväterlichen Handwerksmeister zu bedanken?