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Der Lichtblick kommt durch "Dinge, die man bei uns nicht mehr braucht"

Mit einem Krankenhausaufenthalt fing alles an: Ljubica Sibinovic aus Owen war zu Besuch in ihrer serbischen Heimat, wurde krank und musste acht Tage im Krankenhaus verbringen. Zeit genug für ihren Mann Dragan, um festzustellen, dass das Gesundheitswesen dort dringend auf Hilfe von außen angewiesen ist.

ANDREAS VOLZ

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OWEN

"Da hab' ich mich mal im Krankenhaus umgeschaut", berichtet Dragan Sibinovic, der mit seiner Familie das Owener Sportheim betreibt, von seinen Erfahrungen in der serbischen Klinik. "Ich habe die Betten gesehen: Das waren oft einfach Bretter mit Decken drauf. Es gab auch Matratzen, aber da sind schon die Federn rausgekommen. Ich hab' mir gedacht, wenn die Leute schon krank sind, müssen sie wenigstens bequem liegen und sich in den Betten wohl fühlen."

Das war der Beginn eines humanitären Hilfsprojekts, dessen Ausmaße für keinen der Beteiligten absehbar waren. "Ich versuche zu helfen." So erklärt Dragan Sibinovic seine Motivation, die ihn seither unermüdlich dazu antreibt, in Deutschland Hilfsgüter in Form von kostenlosen Spenden zu erlangen, sie zu lagern und schließlich nach Serbien zu transportieren, wo sie direkt den Bedürftigen zugute kommen. In seiner Heimat ist Dragan Sibinovic inzwischen bekannt wie ein bunter Hund: Über seine bislang letzte Hilfslieferung in diesem Herbst hat das Regionalfernsehen berichtet, und im Radio ist er auch immer wieder zu hören.

Was mit der ersten Lieferung vor über drei Jahren als "Familienunternehmen" begonnen hatte, ist seit August 2003 vereinsrechtlich strukturiert. "Hilfsbrücke Sibinovic" heißt der humanitäre Verein, dessen 11 Mitglieder nicht ausschließlich Serben sind, sondern sogar mehreren unterschiedlichen Nationalitäten angehören. "Wir sind ein ziemlich bunt zusammengewürfelter Haufen", betont Eric Usselmann, der als Zweiter Vorsitzender für die schriftlichen Angelegenheiten zuständig ist zumindest auf Deutsch oder Französisch.

"Wir sollten noch mehr Leute haben", kommt Usselmann auf eines der drängendsten Probleme der "Hilfsbrücke Sibinovic" zu sprechen, auch wenn er genau weiß, dass dieser Verein mit der vielbeschworenen Gemütlichkeit nicht viel zu tun hat: "Bei uns gibt es Arbeit, Arbeit, Arbeit. Irgendwann später feiern wir, wenn die Arbeit geleistet ist."

Die Arbeit der Vereinsmitglieder besteht hauptsächlich aus Organisieren sowie aus Transportieren und Verladen. Zu organisieren sind zunächst einmal die Sachspenden. Dragan Sibinovic verfügt dabei mittlerweile über hervorragende Kontakte. Viele Krankenhäuser in der näheren und weiteren Umgebung sind froh, wenn sie ihm Betten, Rollstühle oder auch medizinische Geräte geben können, die in Deutschland als veraltet gelten und ausgemustert werden müssen.

Solche Betten sind allemal besser als diejenigen, die die Sibinovics bei ihrem Schlüsselerlebnis im Balkankrankenhaus vorgefunden haben. Über die Rollstühle, auf die die Mitglieder der "Vereinigung der Querschnittsgelähmten Zajecar" dringend angewiesen sind, sagt Eric Usselmann: "Überzogen formuliert, hatten die vorher Holzstühle mit Rollen dran." Da versteht es sich von selbst, dass jeder noch so veraltete Rollstuhl aus Baden-Württemberg im Heimatort von Dragan Sibinovic dankbare Abnehmer findet.

"Wir brauchen alles", kriegt der Initiator und Erste Vorsitzende des humanitären Vereins, Dragan Sibinovic, immer wieder zu hören: "Nur her mit allem, was du kriegen kannst." Röntgenapparate beispielsweise, die nicht mehr der EU-Norm entsprechen, aber noch voll funktionsfähig sind, sind hochwillkommen. "Die haben das letzte Röntgengerät da unten vor 30 Jahren gekauft", erzählt Sibinovic und lässt keinen Zweifel daran, welche Apparate im Ernstfall vorzuziehen sind.

Sowohl Dragan Sibinovic als auch Eric Usselmann legen Wert auf die Feststellung, dass ihr Verein nichts verkauft, sondern nur Spenden weiterleitet "Dinge, die man bei uns nicht mehr braucht". Eine weitere wichtige Sachspende erhält der Owener Verein in Form von kostenloser Lagerkapazität: In Weilheim steht der "Hilfsbrücke" eine Halle zur Verfügung, in der die Güter so lange deponiert werden, bis wieder ein Transport nach Serbien geht.

Dieses Jahr hatte es sich über Monate hinweg verzögert: Erst im Herbst machten sich zwei Sattelschlepper mit je 36 Tonnen Hilfsgütern auf den Weg. Der erste Lkw hätte ursprünglich schon im März fahren sollen. Dann kamen neue serbische Zollbestimmungen dazwischen. "Alles, was eingeführt wird, sollte verzollt werden", erinnert sich Eric Usselmann an langwierige Verhandlungen. "Wir hätten 18 Prozent Steuern für diese Güter zahlen müssen. Pro Lkw wären das an die 15 000 Euro gewesen." Diese Kosten hätte der kleine Owener Verein niemals aufbringen können.

Die Mitglieder haben die unterschiedlichsten Stellen und Behörden angeschrieben und immer wieder auf den humanitären Aspekt ihrer Arbeit hingewiesen: "Wir sehen die notleidende Bevölkerung und wollen helfen." Inzwischen haben sich auch diese Schwierigkeiten gelegt. Der Verein hat jetzt eben zwei Lastwagen auf einmal beladen. "Das ist Knochenarbeit", sagt Eric Usselmann. Bis 2.30 Uhr haben die Vereinsmitglieder bei der letzten Transportaktion verladen.

Bei den bisherigen Hilfsgüterlieferungen war immer Dragan Sibinovic oder ein anderes Familienmitglied vor Ort in Zajecar, das nahe an der bulgarischen Grenze liegt und etwa 240 Kilometer von Belgrad entfernt ist. Dieses Mal war das nicht möglich. Um die Verteilung hat sich deshalb der Verein der Querschnittsgelähmten gekümmert.

Not und Elend in seiner Heimat sind für Dragan Sibinovic kaum nachzuvollziehen: "Das ist doch nur ein paar hundert Kilometer von hier entfernt, man kann es eigentlich kaum glauben." Als Ursache hat er vor allem die politische Situation ausgemacht. Der Krieg habe viel zum Notstand beigetragen, die Sanktionen ebenso. Nun fehlt es eben an allem. Ljubica Sibinovic berichtet von einem Heim für geistig behinderte Kinder, das ebenfalls vom Owener Verein unterstützt wird: "Nass, feucht, schimmlig da kannst du kaum atmen. Ich weiß nicht, wie die Kinder da leben. Ich hätte nicht geglaubt, dass es so schlimm ist." Ein wichtiger Lichtblick in der Gegend rund um Zajecar ist die Hilfsbrücke aus Owen.

SPENDENKONTOAußer auf persönliche Mithilfe ist der humanitäre Verein "Hilfsbrücke Sibinovic" auch auf Spendengelder angewiesen, um Medikamente und die enormen Transportkosten bezahlen zu können. Spenden können auf das Vereinskonto mit der Nummer 9 424 008 bei der Raiffeisenbank Teck, Bankleitzahl 612 612 13, überwiesen werden.