Lokales

„Der Markt ist leer gefegt“

Schwere Zeiten für Häuslebauer in Kirchheim – Stadt will junge Familien nicht verlieren

Wer in Kirchheim unter die Häuslebesitzer gehen möchte, braucht Geduld und ein dickes Portemonnaie: „Der Wohnungsmarkt ist leer gefegt“, kommentierte Stadtplaner Pohl die Situation im Gemeinderat. Die Stadt will helfen – nicht mit Neubaugebieten, sondern über Arrondierungen und intensive Innenstadtentwicklung.

Ihr neues Heim für Vater, Mutter und Kind samt Hund und Katze auf dem Dach hat sich die kleine Lia aus Duplo-Steinen schon gesch
Ihr neues Heim für Vater, Mutter und Kind samt Hund und Katze auf dem Dach hat sich die kleine Lia aus Duplo-Steinen schon geschaffen. Ihre Eltern dagegen sind noch auf der Suche nach einem Bauplatz für ein Einfamilienhäusle in Kirchheim.Foto: Jörg Bächle

Kirchheim. Zwei Hauptgründe nennt Gernot Pohl für die angespannte Immobiliensituation in Kirchheim: Zum einen setzen Menschen derzeit auf Werte, die sie für sicher halten. Zum anderen gilt Kirchheim als attraktive Stadt, die großen Zuzug vor allem von Menschen verzeichnet, die sich der Rente nähern. Sie lassen ihr Haus auf dem Dorf zurück und beziehen seniorengerechte Stadtwohnungen. Noch steckt Kirchheim bevölkerungstechnisch in einem „guten Wachstumsprozess“, wie Pohl bilanzierte. Spätestens ab 2030 verringert sich die Bevölkerungszahl jedoch klar, und die Zahl der Jüngeren wird besonders deutlich zurückgehen.

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Diesem Trend will die Stadt entgegenwirken. Gerade jungen Familien soll nicht nur Kinderbetreuung, sondern auch Wohnraum geboten werden. „Diese Klientel hat auch Interesse an innovativen Stadtwohnungen“, betonte Pohl und setzt große Hoffnungen in den Architektenwettbewerb fürs Hallenbadgelände. Sicher ist: Der Lebensraum Innenstadt nimmt an Attraktivität zu, die Nachfrage nach Wohnraum aller Art ist ungebrochen.

Etwas weniger beliebt sind alte Häuser in Randlage, weil sie in energetischer Hinsicht, aber auch in puncto Aufteilung und Lage heutigen Bedürfnissen nicht ganz entsprechen. Doch hier ist das Angebot steigend. In den nächsten 15 Jahren werden in Kirchheim rund 1 000 Wohnungen und Häuser auf den Markt kommen in Gebieten der 60er- und 70er-Jahre, wie Pohl ausführte. Vom Generationswechsel stark getroffen wird beispielsweise der Schafhof.

Das Problem auf dem privaten Markt sind für junge Familien vor allem die Preise. Sie hofft die Stadt, etwas beeinflussen zu können. „Kirchheim ist nicht zuletzt wegen der konsequenten Innenentwicklung attraktiv“, machte Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker klar, dass keine neuen Baugebiete erschlossen werden sollen. Immerhin sind einige innerstädtische Areale vorhanden, die Bauwilligen ein Türchen öffnen könnten. Auf Antrag der CDU und der Freien Wähler wurden diese Areale aufgelistet und nun präsentiert.

Größte „Baulücke“ ist das zentrumsnahe Steingauquartier auf dem EZA-Gelände. – Allerdings besteht das Problem, dass sich das Gelände nicht in städtischem Besitz befindet und noch keine Einigkeit über den Preis erzielt werden konnte. Unter den „Arrondierungsflächen“ rangiert die Erweiterung der „Ötlinger Halde“ ganz vorne. Dafür hatte sich der Ortschaftsrat schon in der Vergangenheit starkgemacht. Die Erweiterung dieses Neubaugebietes nach Süden und Osten, also Richtung Kirchheim, ist nicht unumstritten, genießt jetzt aber höchste Priorität.

CDU-Fraktionsvorsitzender Dr. Thi­lo Rose hatte sich für die Halde starkgemacht, deren Bebauung die Verwaltung aufgrund der großen Distanz zur S-Bahn als weniger geeignet ansah. „Eine Familie möchte nicht 10 bis 15 Jahre warten“, warf Rose das Argument der schnellen Realisierung in die Waagschale, die in der Halde möglich wäre. Er warnte eindringlich vor der drohenden Überalterung in Kirchheim. Außerdem erhofft er sich Bewegung im Preisgefüge, wenn die Stadt Flächen an den Markt bringe.

„Kirchheim ist so beliebt, dass der Preis weiter steil nach oben geht“, hielt SPD-Mann Peter Bodo Schöllkopf dagegen und regte das Thema Familienförderung an. CIK-Vertreter Hans Kiefer griff den Faden auf: „Wenn wir konsequent sein wollen, brauchen wir eine konkrete Förderung für Familien“, forderte er und beantragte diesbezüglich klare Vorschläge der Verwaltung.

Die akute Not junger Familien, die erstmals Immobilien erwerben wollen, bestätigten alle Fraktionen. Manch einer sah aber durch die Halde oder auch durch die Wette in Nabern, für deren Bebauung Ortsvorsteherin Susanne Jakob eine Lanze brach, das „Erfolgsmodell Innenverdichtung“ gefährdet. So gab Sabine Bur am Orde-Käß, Vorsitzende der Grünen, zu bedenken, dass die Bevölkerung schneller zurückgehen werde. Sie sprach sich daher gegen die Priorisierung der Halde aus, zumal es sich um ein Neubaugebiet handle, nicht um eine Arrondierung. Auf die Wette solle verzichtet werden.

Die Verwaltung wurde beauftragt, Kaufverhandlungen für Brachflächen aufzunehmen und die Planung für Flächen mit Priorität I zu intensivieren. Entgegen der TA-Beschlussempfehlung erhielt der Verwaltungsantrag eine knappe Mehrheit, in Nabern nicht die Wette, sondern das Gebiet am Asangweg voranzutreiben. Der Antrag der Grünen, die Halde in der Prioritätenliste zurückzustufen entgegen der TA-Beschlussempfehlung erhielt ebenso wenig eine Mehrheit wie der CIK-Wunsch nach einem Familienförderungskonzept.