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"Der Mensch neigt eben zu Fehlern"

"Auf die Guillotine hat unser Herr Rat eh keinen g'schickt", war in der Kultserie "Königliches Bayerisches Amtsgericht immer im Vorspann zu hören. Auf dieselbe hat der scheidende Richter am Kirchheimer Amtsgericht Albrecht Narr bestimmt auch niemanden geschickt. Nach mehr als 30 Jahren rechtsprechen in Kirchheim verabschiedete sich der Weilheimer jüngst in den Ruhestand.

RUDOLF STÄBLER

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KIRCHHEIM Das heißt natürlich, dass er sich nicht selbst verabschiedet hat. Per vom Präsident des Landgerichts unterschriebener Urkunde wurde der in Esslingen geborene 63-Jährige nach gutem Beamtendeutsch in den Ruhestand versetzt. Und es war dem pfeifenrauchenden Juristen anzusehen, dass ihn diese Verabschiedung nicht so richtig "hart" trifft. Das einzige was ihm fehlen wird, so betonte der jetzige Pensionär, ist seine Tätigkeit als Jugendrichter. "Ich konnte mit den jungen Leuten immer gut umgehen", blickt er etwas bedauernd zurück.

Die Juristerei war dem agilen "Ex"-Richter nicht unbedingt in die Wiege gelegt. Doch bereits in den Zeiten seines Abiturs habe sich der Berufswunsch konkretisiert. Irgendwie sei das auch vorgezeichnet gewesen, erzählt Narr, schließlich sei der Vater Verwaltungsbeamter gewesen.

Mit der 1. Staatsprüfung 1967 schloss Albrecht Narr sein Studium von 1962 bis 1967 in Tübingen und Heidelberg ab, und nach dem Referendariat bis 1970 folgte die 2. Staatsprüfung. Der Einstieg in den Beruf erfolgte im Jahr 1971. Narr war ein Jahr bei der Staatsanwaltschaft in Stuttgart als Staatsanwalt tätig. Ab 1972 verdiente er sich als Richter seine ersten Sporen beim Amtsgericht in Leonberg. Nach einem weiteren Jahr bei der großen Strafkammer am Landgericht Stuttgart wurde er ab 1. März 1974 Richter in Kirchheim.

Und Albrecht Narr erinnert sich: "Am Anfang meiner Tätigkeit als junger Richter war ich wesentlich härter als in den späteren Jahren. Der Mensch ist ein sehr unvollständiges Wesen, das zu Fehlern neigt", erkennt der Scheidende, "und mein Verständnis für Fehler ist im Laufe meiner richterlichen Tätigkeit gewachsen." Aber, seine selbst erstellte Statistik weist es aus, er hat bei seinen 9600 Urteilen in 32 Jahren Freiheitsstrafen von insgesamt 490 Jahren ausgesprochen.

Urteile fällte er als Vorsitzender des Schöffengerichts, Jugendrichter, Strafrichter für Erwachsene, Familienrichter und Zivilrichter. Dazu verhängte er noch 400 Urteile bei Ordnungswidrigkeiten, in so genannten Bußgeldverfahren. Auch recht "zähe" Verfahren hat der nunmehrige Ruheständler hinter sich. So ging eine Verhandlung über sieben und eine andere gar über acht Tage.

"Im Gegensatz zur freien Wirtschaft haben wir einen Boom", weiß Albrecht Narr mit einem Augenzwinkern zu berichten. Während überall der Stress geringer werde, werde es bei der Justiz immer schlimmer. Narr bedauert, dass immer schneller nach der Polizei und nach dem Gericht gerufen werde, was er für absolut falsch hält. Vor allem die jugendlichen Straftäter haben es ihm angetan: "Ich habe für sie Verständnis." Und er kann mit Beispielen aufwarten: "Wir konnten früher kein Moped frisieren, weil wir keines hatten, und wir konnten auch nicht im Supermarkt klauen, weil es nur Tante-Emma-Läden gab."

Und Albrecht Narr hat im Laufe seines langen Berufslebens festgestellt, dass ein Erscheinen vor Gericht für viele Jugendliche sehr beeindruckend und wegweisend sei. "95 Prozent der jungen Straftäter stehen nur einmal vor Gericht." Und zu den übrigen Prozessen hat er sich auch seine Meinung gebildet. "Unter 5 000 Euro Streitwert lohnt sich doch wegen der Kosten ein Prozess überhaupt nicht."

Albrecht Narr hat auch keine Angst, dass er im Ruhestand von größerer Langweile geplagt wird. Im Gemeinderat in Weilheim ist er tätig, viele Bücher will er lesen aber nur die, die nichts mit der Juristerei zu tun haben und "altersbedingten" Sport treiben will er auch. Freuen wird sich sicherlich auch seine Frau. Sie ist Musiklehrerin, und jetzt hat man endlich die Zeit, Konzerte zu besuchen. Und dazu wird er nicht "gezwungen", "ich habe auch mal Klavier gespielt."