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"Der Patient steht nur noch an zweiter Stelle"

Das gab's noch nie: Morgen werden Patienten in und um Kirchheim vor verschlossenen Arztpraxen stehen, heute findet am Krankenhaus eine Art Warnstreik statt, genannt "aktive Mittagspause". Die Ärzte wollen damit auf die immer schlechteren Arbeitsbedingungen in ihrem Beruf aufmerksam machen, die letztlich auf Kosten der Patienten gehen.

IRENE STRIFLER

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KIRCHHEIM Die Entwicklung im Gesundheitswesen prangern nicht nur die Klinikärzte, sondern auch deren niedergelassene Kollegen an. Erstmals wird daher das Gros der rund 200 Ärzte, die im Altkreis Nürtingen unter dem Dach der Kreisärzteschaft praktizieren, am Mittwoch von 10 bis 15 Uhr die Praxistür abschließen. Ziel ist, am Aktionstag auf dem Stuttgarter Killesberg teilzunehmen mit Abstimmung über Protestmaßnahmen im Januar. Für den einen oder anderen Patienten könnte dies morgen durchaus Unannehmlichkeiten mit sich bringen. Allerdings droht ernsthaft Kranken keine Gefahr: "Die Notfallpraxis im Kirchheimer Krankenhaus ist zu dieser Zeit kompetent besetzt", beruhigt Dr. Hanns-Joachim Schmid, Vorsitzender der Kreisärzteschaft.

Selten waren sich Hausärzte und Fachärzte so einig wie dieser Tage. "Der ausufernde Bürokratie-Wahnsinn muss beendet werden", fordert Dr. Thomas Löffler, zweiter Vorsitzender der Kreisärzteschaft. Ein "unglaublicher Formalismus" mache die medizinische Arbeit an manchen Tagen nahezu unmöglich. Die Konsequenz: "Der Patient steht an zweiter Stelle." Die hiesige Ärzteschaft fordert schlicht den "Abbau unnötiger und unsinniger Bürokratie". Darunter fällt vieles, beispielsweise die Praxisgebühr oder auch aufwändige DMPs (Desease management Programme), die nach Argumentation des hiesigen Ärzteverbundes "Medi NT" wenig nutzen, aber durch Datensammlungen für die Kassen ein weiterer Schritt zum "gläsernen Patienten und gläsernen Arzt" seien.

Löffler, seit über 15 Jahren niedergelassen, beobachtet wie seine Kollegen auch eine "dramatische Verschlechterung" der ärztlichen Arbeitsbedingungen. Kontinuierlich steige die "Kostendämpfung", Gebühren entwickeln sich nicht, dafür aber die Praxiskosten. "Ein Drittel der Leistungen bleibt unvergütet", prangert Medi NT-Sprecher Dr. Martin Häberle die Budgetierung an. "Es gibt kaum eine Praxis, die nicht Personal abgebaut hat in den letzten Jahren", sagt Dr. Schmid. Gemeinsam fordern die Niedergelassenen eine "leistungsgerechte, betriebswirtschaftlich kalkulierte Honorierung" ihrer Arbeit. Die Fach- und Hausärzte der Ärzteschaft Nürtingen haben sich in dieser Sache mit einem offenen Brief an die Bundestagsabgeordneten im Wahlkreis, CDU-Vertreter Michael Hennrich und SPD-Vertreter Rainer Arnold, gewandt.

Leidtragende der Misere im Gesundheitswesen sind nicht nur die Ärzte, es sind die Patienten. Ein Beispiel: Lange Wartezeiten auf Termine bei Fachärzten seien eine hausgemachte Folge der Budgetierung. Oft werde ein Termin ins nächste Quartal gestreckt aus abrechnungstechnischen Gründen. Privatpatienten kommen schneller dran. "Wir haben die Zweiklassenmedizin", widerspricht ein Kirchheimer Arzt allen politischen Gegenbeteuerungen.

Überhaupt sind die Mediziner auf die Politik nicht gut zu sprechen. Die Pläne der neuen Bundesregierung sorgten für neue Irritationen, argumentieren sie. Das wiege schwer angesichts der Tatsache, dass die weiße Zunft längst Nachwuchssorgen hat. Auch in Kirchheim gibt es Praxen, die unbesetzt bleiben, im Umland sowieso. Die "qualitativ hochstehende, flächendeckende medizinische Versorgung in Deutschland" sei damit gefährdet das kann natürlich nicht im Sinne der Patienten sein.

Statt vor Ort in Praxen zu arbeiten oder im Krankenhaus vergleichsweise schlecht bezahlte Dienste zu schieben, wandern junge Klinikärzte ins Ausland ab. Das "Ärzteblatt" steckt voller Angebote aus der Schweiz oder Skandinavien, die die deutsche Konkurrenz nicht nur in Sachen Bezahlung überbieten.

In ihren Klagen ziehen niedergelassene Ärzte mit Klinikärzten an einem Strang. Vor dem Aktionstag am morgigen Mittwoch, bei dem die Praxen geschlossen bleiben, sind heute Streiks an Kliniken vorgesehen. Im Kirchheimer Krankenhaus ist eine "aktive Mittagspause" geplant. Das Gros der Ärzte will sich im Foyer versammeln. "Für die Patienten läuft der Betrieb ganz normal", beruhigt Dr. Hans Widmann, Mitglied im Personalrat. Was die Ärzte auch hier massiv beklagen, ist die ständige Verschlechterung ihrer Arbeitsbedingungen. "Dokumentieren, Verschlüsseln, Briefe schreiben", nennt Widmann die Tätigkeiten, mit denen er ein Großteil seiner Zeit verbringt. Diese haben mit der ureigenen medizinischen Arbeit nicht viel zu tun. Überstunden und schlechte Bezahlung fördern den Ärztemangel in Kliniken und die Abwanderung von Know-how. Aus diesem Grund pochen die Ärzte auf ein spezielles Tarifrecht, das ihren Arbeitsbedingungen gerecht wird.

Um ihren Forderungen, die bisher weitgehend verhallten, Nachdruck zu verleihen, hat die Ärztevertretung Marburger Bund zum heutigen ersten bundesweiten Streiktag aufgerufen an jenen Krankenhäusern, die der Vereinigung Kommunaler Arbeitgeber (VKA) angehören. Dazu gehört das Klinikum Kirchheim-Nürtingen und die meisten Kliniken in der Umgebung. Laut Bernhard Resemann, Geschäftsführer des Marburger Bundes Baden-Württemberg mit Sitz in Kirchheim, sind an etlichen Kliniken im Ländle ganztägige oder mehrstündige Streiks geplant. "Hauptgrund ist, dass die Arbeitgeber mit uns nicht verhandeln", klagt Resemann über die ablehnende Haltung der VKA.

Verhandlungsbereitschaft würde die Wogen zumindest in den Kliniken schon ein wenig glätten. Schließlich geht es nicht nur ums Geld. "Vieles könnte man in den Griff kriegen, ohne dass es einen Cent kostet", verweist Resemann auf Klagen über befristete Verträge oder teils schlechte Organisation. "Die Stimmung in der Ärzteschaft war noch nie so gereizt wie heute", sagt der Ärztevertreter, in dessen Gewerkschaft bundesweit 80 000 Ärzte organisiert sind.