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"Der Pietismus brachte Fortschritt für Land und Leute"

OWEN Ganz im Gegensatz zur allgemeinen Volksmeinung habe der Pietismus Fortschritt für Land und Leute gebracht, erläuterte Hans Dieter Frauer in seinem Vortrag. Die Reformation habe dazu verholfen, dass schon Ende des 16. Jahrhunderts ein flächendeckendes Netz von Dorfschulen in Württemberg entstand. "Vor der Reformation gab es gerade mal drei Dorfschulen in ganz Württemberg". Jeder, so Frauer, sollte das Wort Gottes selber lesen können.

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Die Mannsklöster wurden zu Klosterschulen, in Tübingen entstand das Stift, und in kurzer Zeit hatte das kleine und arme Württemberg die beste evangelische Pfarrerschaft in Deutschland und ein europaweit einmalig und vorbildliches Bildungssystem, das rasch eine Vielzahl bedeutender Männer hervorbrachte.

Nach dem Dreißigjährigen Krieg habe man einen ähnlichen Neuaufbau wie bei der Reformation angestrebt und eine Fülle von Ge- und Verboten erlassen. Die Kirchenzucht sollte den Menschen wieder zum Christentum erziehen. "Es entstand aber eine Gesellschaft mit Heuchelei, sinnentleerten Ritualen und viel gegenseitiger Kontrolle", erklärte Frauer. Über die geänderten Verhältnisse habe man den Menschen ändern wollen. Genau vom anderen Ansatz her sei der Pietismus gekommen, der zeitgleich, aber unabhängig und nicht als Reaktion darauf entstanden sei: "Er ist eine große Freiheitsbewegung, denn er will eben nicht äußere Zwänge ändern, sondern Menschen und dadurch die Verhältnisse." Der Glaube solle vom Kopf ins Herz und so das Denken und Handeln bestimmen.

Als geistiger Vater des Pietismus gilt der Frankfurter Oberhofprediger Philipp Jakob Spener. Seine 1675 verfasste "Pia Desideria" enthielt Thesen, die laut Frauer damals geradezu umstürzlerisch und revolutionär waren. Bereits nach 1680 seien die ersten Privaterbauungsstunden neben den öffentlichen Gottesdiensten entstanden. Eine der vielen württembergischen Besonderheiten sei, dass der Pietismus von Theologen und Nichttheologen getragen, geprägt und verbreitet wurde. Das habe ihn auf die Höhe der Wissenschaft seiner Zeit geführt.

Der Referent erinnerte in diesem Zusammenhang an Johann Albrecht Bengel, der in Denkendorf Generationen von Pfarrern geprägt habe, oder den Prälaten von Murrhardt, Friedrich Christoph Oetinger, der so etwas wie ein Universalgenie gewesen sei, und anscheinend das gesamte Wissen seiner Zeit beherrschte. Sein Lebensmotto lautete: "Gott dienen ist Freiheit." Er soll aber auch gesagt haben: Dummheit ist Sünde. Der Pfarrer und Erfinder Philipp Matthäus Hahn habe aus Glaubensgründen Spitzenleistungen der Mechanik geschaffen. Albert Knapp, Pfarrer, Pietist und Dichter, habe 1837 in Cannstatt den ersten Tierschutzverein der Welt gegründet.

Im frühen Pietismus sei es üblich gewesen, über sich selbst nachzudenken und Tagebücher zu führen, wie das Beispiel Franziska von Hohenheim zeige. Der Pietismus habe den Menschen erforscht und steht nach Ansicht von Hans Dieter Frauer damit an der Wiege zahlreicher moderner Wissenschaften. Auch der Pietist Friedrich Wilhelm Raiffeisen dürfe nicht vergessen werden. Nach dem aus der Bibel abgeleiteten Motto "Einer für alle alle für einen" gründete er im Westerwald die Genossenschaftsbanken, um Menschen aus ihrer drückenden finanziellen Abhängigkeit zu befreien.

Zwischen 1750 und 1850 sei Württemberg durch den Pietismus verändert worden, obgleich ihm nie mehr als acht Prozent der Bevölkerung angehörten. Aus dem einst armen Württemberg sei eine marktwirtschaftliche Industriegesellschaft entstanden. "Sie ist eben nicht da entstanden, wo es zu vermuten wäre: in Welthandelsstädten oder Welthäfen, Zentren der Wissenschaft oder der Hochfinanz oder Gegenden mit vielen Bodenschätzen. Entgegen jeglicher Wahrscheinlichkeit entstand die Industrie in eher abgelegenen, ländlichen Gebieten", betonte der Referent. Das Leben in der Verantwortung vor Gott, Fleiß, Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, das Nachdenken, das Probieren, die Sorgfalt hätten sich auf das wirtschaftliche Leben des Landes ausgewirkt. Man wollte gemäß biblischer Weisung "den Tag nutzen und die Zeit auskaufen". So seien auch die meisten der frühen Unternehmerfamilien in Württemberg aus dem Pietismus gekommen.

Der Altpietistische Gemeinschaftsverband, auch "apis" genannt, wurde am 19. März 1857 bei einer gemeinsamen Landeskonferenz in Stuttgart gegründet. Die Gründung entstand aus dem Wunsch der Pietisten, mehr Kontakte untereinander herzustellen und gemeinsame Anliegen miteinander zu beraten.

Heute gibt es die Altpietistischen Gemeinschaften in rund 500 Orten in Württemberg und im bayrischen Allgäu mit etwa 60 hauptamtlichen Mitarbeitern, aufgegliedert in 39 verschiedenen Bezirken. Der Altpietistische Gemeinschaftsverband ist ein freies Werk innerhalb der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Er ist rechtlich und organisatorisch selbstständig, jedoch mit einer Fülle von Angeboten innerhalb der Landeskirche tätig. Zum Bezirk Kirchheim gehören Kirchheim, Owen, Holzmaden und Nabern.

hs