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"Der positive andere Wind kommt gut an"

Die Gesundheitspolitik geht auch an der anthroposophisch orientierten Filderklinik nicht vorbei. Um wirtschaftlich stärker dazustehen, wandelte sich die Klinik vom Verein zur GmbH. Mit Gerhard Ranger machte man einen Industriemanager zum Geschäftsführer. Nach einem halben Jahr kann Ranger gestiegene Fallzahlen und höhere Erlöse vorweisen. Er betont aber: "Bei allem, was da komme: Wir wollen Filderklinik bleiben und nicht austauschbar sein."

ROLAND KURZ

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FILDERSTADT Es ist nicht übersehbar, dass an der Filderklinik etwas passiert. Für elf Millionen Euro wird ein neuer Eingangsbereich gebaut. Großzügig verglast, mit Cafeteria, Terrasse, Laden und Notfallpraxis der niedergelassenen Ärzte. Die Niedergelassenen in die Nähe zu holen, ist im Wettbewerb um Patienten ein geschickter Schachzug. "Eine tolle Sache für die Patienten", stellt Gerhard Ranger ein anderes Argument in den Vordergrund. Die Suche nach dem diensthabenden Allgemeinarzt falle weg, man fahre einfach ins Krankenhaus. Wenn Ärzte und Klinik bald noch die digitale Patientenakte austauschen könnten, bringe dies eine enorme Effizienz- und Qualitätssteigerung.

Im Neubau wird auch die Aufnahme der Klinikpatienten neu organisiert: Einfahrt für liegende Patienten, acht Untersuchungsräume, Radiologie und Röntgen und ein teurer Kernspin-Tomograph werden hier untergebracht. Im Oktober soll der Anbau fertig sein.

Das Projekt war beim Dienstantritt Rangers schon halb fertig, es erleichtert aber seine Arbeit. Der 57-jährige Betriebswirt will die Abläufe von Aufnahme, Behandlung, Entlassung und Abrechnung optimieren. Dies sei nicht nur administrativ vorteilhaft, sondern bringe Qualität und Zeit für den Patienten. Dass ein Krankenhaus ein komplexeres Wesen als eine Sportschokoladen- oder eine Unterwasserpumpenfabrik ist, hat Ranger schon bemerkt. Es gehe nicht nur um ein Produkt, sondern um die Zufriedenheit von Patienten, Personal und einweisenden Ärzten.

"Der positive andere Wind" komme im Haus gut an, lobt Markus Treichler, Chef der psychosomatischen Abteilung und Mitglied der Klinikleitung. Informationen und Daten erhalte man schneller. "Eine schwierige und eine wunderbare Klinik", umschreibt Ranger lächelnd die Wege, wie man an der Filderklinik mit 575 Mitarbeitern zu Entscheidungen kommt.

Die Idee, vom Trägerverein zur GmbH umzusteigen, beschäftigte die Gremien seit einigen Jahren. Ein gemeinnütziger Verein könne mit Geld nicht so arbeiten wie eine GmbH, meint Treichelt. Gesellschafter sind die Mahlestiftung (40 Prozent), der Förderverein und der Bauverein. Schwarze Zahlen habe die Filderklinik auch in den Vorjahren geschrieben, betont Ranger, aber die Fallzahlen seien im Vergleich zu 2005 um sieben Prozent gestiegen, die Erlöse seien ebenfalls höher. In der Geburtshilfe habe man im Juli den stärksten Monat gehabt, seit es die Filderklinik gebe. Betten es gibt 219 hat die Klinik nie abgebaut.

Schulmedizin plus MistelnDie Geburtshilfe ist einer der Schwerpunkte der Filderklinik. Der Einzugsbereich reicht 70, 80 Kilometer um Filderstadt herum. Die Schwerpunkte noch stärker ausbilden und nach außen bekannt zu machen, hat sich Ranger vorgenommen. Schwerpunkt zwei ist die Psychosomatik, der dritte die Onkologie. Neben den herkömmlichen operativen und inneren Methoden der Krebsbehandlung setzt die Filderklinik auf die Psycho-Onkologie und auf die Misteltherapie. Hier wird das Konzept der Klinik deutlich: Als Haus der Grundversorgung arbeitet sie mit Schulmedizin und ergänzt diese mit anthroposophischen Methoden oder wie Ranger geschickt formuliert: "Anthroposophische Medizin setzt exzellente Schulmedizin voraus." Als Nicht-Anthroposoph hat Ranger in den ersten Monaten immer wieder nachgefragt, was denn nun hier anthroposophisch sei. Selbst in der von Gerätemedizin dominierten Anästhesie habe er Antworten erhalten: konsequente Aufklärung und Einbeziehung des Patienten und die Suche nach der sanfteren Methode.

Die Filderklinik muss auch mit den DRGs, den Fallpauschalen, klarkommen. Deshalb sucht Ranger nach "Effizienz-Reserven". Für die ergänzenden Therapien, die Demeter-Kost und die bessere Personalausstattung hat die Klinik weiterhin einen Extra-Topf. In den werfen die Chefärzte ihre Liquidationserlöse und die Mahlestiftung steuert 3,5 Prozent zum 25-Millionen-Euro-Budget bei. Neu ist, dass es von den Krankenkassen ein anthroposophisches Zusatzentgelt gibt. Der Trend zu kürzeren Liegezeiten reduziert aber automatisch den Einsatz von Musik- und Kunsttherapie, die Patienten bei allen Krankheiten in Anspruch nehmen können. Bei Geburtshilfe und Onkologie hat die Filderklinik nach wie vor längere Verweildauern "auf unsere Kosten", betont Chefarzt Treichelt.

Die Filderklinik, die schon seit dem Vorjahr die Dienstzeiten gemäß EU-Verordnung ermöglicht, ist in keinem Tarifverbund, aber wenn ringsum die Gehälter der Ärzte steigen, weiß auch Ranger: "Wir müssen reagieren".