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"Der psychische Druck ist enorm"

Nach dem Job auch noch die Wohnung zu verlieren, ist für Arbeitssuchende ein Albtraum. Seit der Einführung von Hartz IV hat sich die Situation für die Betroffenen verschärft: Ist der Mietpreis ihrer Wohnung nicht "angemessen", können Leistungen gekürzt werden. Laut einer Untersuchung der Liga der freien Wohlfahrtspflege im Kreis Esslingen ist jedoch Wohnraum unterhalb der Mietobergrenze Mangelware.

IRIS KOCH

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KREIS ESSLINGEN "Bei uns melden sich vermehrt Menschen, für die die ARGE Jobcenter nicht mehr die volle Miete bezahlen und die um ihre Wohnung fürchten", erklärt der Vorsitzende der Liga der freien Wohlfahrtspflege im Landkreis Esslingen Michael Buck. Daraufhin habe man den Arbeitskreis Armut mit einer differenzierten Untersuchung der Mietpreise im Landkreis beauftragt.

Akribisch ausgewertet wurden rund 2 700 Anzeigen aus Tageszeitungen und kostenlosen Publikationen des vergangenen April. Von 2 721 inserierten Wohnungen im Landkreis lägen 1 020 unter der vom Kreistag festgelegten Mietobergrenze, teilte der Sprecher des Arbeitskreises Martin Staiger mit. Diesen 1 020 Wohnungen stünden jedoch 3 400 Hartz-IV- und Sozialhilfe-Empfänger im Landkreis gegenüber, die derzeit in Wohnungen mit nicht angemessenem Mietpreis leben und deshalb eine neue Bleibe suchen müssen. "Für die günstigen Wohnungen bewerben sich aber nicht nur die Leistungsempfänger, sondern auch normal Beschäftigte und Rentner, die bei Vermietern viel bessere Chancen haben", weiß Staiger.

Große Unterschiede tun sich laut der Untersuchung bei der geografischen Verteilung der günstigen Wohnungen auf. Am höchsten sind die Mieten in Leinfelden-Echterdingen (nur elf Prozent liegen unter der Mietobergrenze), gefolgt von Filderstadt (18 Prozent) und Ostfildern (24 Prozent). In Esslingen entsprechen 30 Prozent den Vorgaben des SGB, in Kirchheim sind es 25 Prozent. Am günstigsten ist das Kirchheimer Umland mit immerhin 53 Prozent.

Für viele Familien wirke sich der Umzug in eine "preiswertere" Gegend jedoch negativ aus, sagt Michael Buck: "Dort gibt es meist auch keine Arbeit." Überdies würden Kinder aus der vertrauten Umgebung herausgerissen. Momentan habe rund die Hälfte der 3 400 betroffenen Hilfsempfänger bereits eine Aufforderung erhalten, die "Mietkosten zu senken das heißt, eine günstigere Wohnung zu suchen". Die andere Hälfte werde derzeit noch geduldet.

In jedem Fall sei der psychische Druck auf die Menschen enorm, hat Michael Buck festgestellt. Erschwert werde die Wohnungssuche überdies durch umständliches Prozedere seitens der ARGE Jobcenter, ergänzt Martin Staiger: Ob neuer Mietvertrag, Kaution oder Maklergebühr alles müsse erst beantragt werden, "und bis das durch ist, ist die Wohnung garantiert weg". Als Konsequenz fordert die Liga eine Anhebung der Mietobergrenzen um fünf bis zehn Prozent. In Einzelfällen müssten auch höhere Mietkosten übernommen werden.

Um die Suche zu vereinfachen, sollen Betroffene künftig Bescheinigungen der ARGE Jobcenter erhalten, bis zu welcher Höhe Kaltmiete, Kaution, Maklerkosten und doppelte Miete übernommen würden, schlägt Martin Staiger zudem vor. Betroffenen Leistungsempfängern rate er, "sich intensiv um eine neue Wohnung zu bemühen und diese Bemühungen auch zu dokumentieren".