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"Der romantische Teil des Berufs geht immer mehr verloren"

OWEN Über den Wipfeln der Alb folgen triste Wolken des kürzlich niedergegangen Herbstregens der Richtung des Windes. Zwischen Wegkreuzen und unwegsamen Pfaden

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DANIELA HAUSSMANN

zieht sich die Hochfläche des schwäbischen Karstgebirges begleitet vom spätsommerlichen Blattgrün und Graswerk beinahe endlos dahin. Inmitten dieser alten Kulturlandschaft ein nostalgisch, fast romantisch verstiegenes Idyll weidender Schafe, begleitet von ihrem Hirten und seinen treuen Gefährten, den Hunden.

Zwischen Zertretenem und Weggeworfenem der Albbesucher übt Annerose Kerner einen Beruf aus, der seit 7 000 Jahren Teil der Menschheitsgeschichte ist. Vor einigen Jahren entschied sich die gelernte Schriftsetzerin und Tierwirtschaftsmeisterin, mit der 300 Tiere umfassenden Herde ihres Vaters fortan die städtischen Pachtflächen zu beweiden. Tagaus, tagein übers ganze Jahr folgt das Leben der jungen Frau dem Rhythmus der Natur. Doch einfach ist die Lebensaufgabe, die sie gewählt hat, nicht.

"Ein Schäfer hat viele Berufe", erklärt Annerose Kerner. Das Management muss stimmen, er muss die Bürokratie bewältigen, Krankheiten behandeln, Verletzungen heilen, Kräuter und Pflanzen identifizieren und das Wesen seiner Tiere verstehen. Hinzu kommen die Schwierigkeiten, die aus der Unachtsamkeit von Ausflüglern resultieren, die ihren Abfall in der Natur zurücklassen. "Scherben zerbrochener Flaschen zerschneiden den Schafen die Klauen", führt die Schäfermeisterin als nur ein Beispiel unter vielen an. "Doch daran denken die Leute, die hier vorbeikommen, nicht. Auch nicht daran, welchen Wert die Tiere für den Landschaftsschutz haben, wenn sie sich empören, dass sie ihren Hund wegen der Schafe anleinen müssen."

Ihren Beitrag zum Artenschutz und damit zum Erhalt der Vielfalt in Pflanzen- und Tierwelt muss die Tierwirtschaftsmeisterin nicht allein mit Geduld, sondern auch mit der Pacht von Weideflächen bezahlen. Für Außenstehende scheinbar aus einer anderen Zeit stammend, holt auch Annerose Kerner mit ihren Schafen immer wieder die Zivilisation ein. "Schäfer müssen rechnen können, mehr denn je", gewährt die Frau mit Hut Einblick in ihren Alltag, der keine 40-Stunden-Woche, dafür aber einen 24-Stunden-Tag kennt.

Vom Verkauf der Wolle und des Fleisches ihrer Tiere kann sie nicht leben. Gerade einmal 50 Cent erhält sie für ein Kilo Wolle. Ein Schaf wirft rund drei bis vier Kilo ab. Doch dieser Ertrag wird aufgefressen von den Kosten des Scherers und seiner Leute. Die Fleischvermarktung wirft kaum Gewinn ab. Zu groß ist die Konkurrenz neuseeländischer Anbieter, die mit ihren 5 000 Tiere großen Herden den Preis hierzulande schmerzhaft drücken.

"Der Beruf beinhaltet zwischenzeitlich viel mehr Bürokratie und damit verbundene Wirtschaftlichkeits- wie Rentabilitätsüberlegungen", blickt Annerose Kerner, die aus einer mehr als 100 Jahre währenden Schäfer-Tradition stammt, auf den Berufswandel zurück. "Man muss sehr viele Richtlinien und Gesetze kennen, Bestandslisten führen, zahllose Anträge stellen, für die sich permanent die Bedingungen ändern, und hat mit einer immer schmäleren finanziellen Basis zu rechnen."

Kerners Blick auf das Schäferdasein ist frei von Illusionen: "Das Hüten, der romantische Teil des Berufs, geht immer mehr verloren", bedauert sie. "Ohne Idealismus geht es nicht, aber es ist schon ein toller Beruf." Was die Zukunft bringt, in Zeiten zahlloser EU-Vorschriften, kann die Tierwirtschaftsmeisterin nicht sagen. Fakt ist jedoch, dass die Zahl der Schafhalter in Deutschland zurückgeht. Rund 100 000 sind es noch, davon aber nur 34 000 Betriebe mit mindestens 20 wolligen Vierbeinern. Insgesamt gibt es bundesweit noch etwa 2,4 Millionen Schafe, wie die Vereinigung Deutscher Landesschafzuchtverbände verlauten lässt.

Daher appelliert die 36-jährige Frau aus Owen an die Bevölkerung, mehr Empathie für die Tiere zu zeigen, aber auch einheimisches Lammfleisch zu kaufen. "Nur so kann ein Beitrag zum Erhalt unserer schönen Landschaft geleistet werden", fährt sie, die Schäferschippe in Händen haltend, fort. "Die Landschaft kann nur durch eine Beweidung mit Schafen erhalten werden, sonst würde sie verbuschen."

Für Annerose Kerner steht fest: Wenn der den Landschaftspflegeprojekten beigemessene Wert weiter sinkt, wird es für sie künftig noch schwieriger werden, mit ihrer Herde wirtschaftlich zu produzieren. "Wolle und Fleisch von hervorragender Qualität würde ich gerne ohne viele Wenn und Aber produzieren", doch das scheint der Schäfermeisterin zunehmend unmöglich.