Lokales

Der „Schnelle Hirsch“ und die Natter-Rampen

Geschichtlich interessierte Bürger wollen Technikdenkmal im „Hasenholz“ erhalten – Denkmalpflege will Dokumentation

Sie sind Relikte aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges. Drei Abschussrampen für die bemannten „Natter“-Raketen sollen im Zuge des ICE-Trassenbaus zwischen Jesingen und Holzmaden in einem Wäldchen in der Nähe der Autobahn abgerissen werden. Das Denkmalamt stimmt dem zu, da es sich um keine Kulturdenkmale handelt. Das sehen heimatgeschichtlich interessierte Bürger anders. Sie wollen, wenn nicht alle, so doch zumindest eine der kreisrunden Betonplatten für die Nachwelt als historisches Zeugnis ­erhalten.

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richard umstadt

Holzmaden. Wer die kreisrunden Betonplatten mit dem quadratischen Loch in der Mitte in dem Wäldchen an der Autobahn A 8 sieht, ist zunächst etwas enttäuscht und irritiert. Hier sollte die erste Etappe der bemannten „Raumfahrt“ über die Bühne gehen? Kaum zu glauben. Und doch sind die in den Waldboden zementierten Fundamente Geschichte. Sie erinnern an den lächerlichen und krampfhaften Versuch, mit untauglichen Mitteln eine Wende am Ende des Krieges herbeizuführen. Als bemannter und senkrecht startender Abfangjäger entwickelt, sollte die Wunderwaffe „Natter“ die Deutschland anfliegenden alliierten Bomberverbände angreifen und davon abhalten, ihre tod- bringenden, zerstörerischen Lasten abzuwerfen. Doch so weit sollte es nicht kommen. Gleich der erste bemannte Raketenflug am 1. März 1945 auf dem Truppenübungsplatz „Lager Heuberg“ bei Stetten am Kalten Markt führte für den Testpiloten Lothar Sieber zum Tode. Dieser fehlgeschlagene Testflug und das nahe Kriegsende verhinderten den Einsatz der „Natter“. Zwar wurden für die „Operation Krokus“ im Waldgebiet „Hasenholz“ an der Autobahn bei Holzmaden in geheimer Kommandosache noch drei Startstellen errichtet, doch die rund sechs Meter langen Raketenflugzeuge kamen darauf glücklicherweise nie zum Abschuss.

Über 60 Jahre lang bedeckten die Bäume des Waldes die drei Rampen mit ihren Schatten und ihrem Laub. Nur wenige Eingeweihte kennen die Stellen. Jetzt aber bedroht sie der „Schnelle Hirsch“. Die geplante ICE-Trasse nach Ulm führt just über die zwei parallel zur Autobahn liegenden Abschussbasen. Eine dritte etwa 100 Meter weg davon. Das gefällt weder Friedrich Heinzelmann, dem Vorsitzenden des Verschönerungsvereins Kirchheim und Ehrenvorsitzenden des Schwäbischen Heimatbundes in der Teckstadt, noch anderen geschichtlich interessierten Bürgern, die sich um die Erhaltung von Kleindenkmälern bemühen. Doch genau da liegt der Hase im Pfeffer. Das Landesamt für Denkmalpflege des Regierungspräsidiums Stuttgart mit Sitz in Esslingen sah keinen Grund, die zwei „Natter“-Abschussrampen an der A 8 zu erhalten. Es seien zwar wichtige Hinterlassenschaften der Militärgeschichte des Dritten Reiches, so der Pressesprecher des Regierungspräsidiums, Clemens Homoth-Kuhs, aber eben keine Kulturdenkmale. Die Denkmalpflege empfahl daher eine umfangreiche Dokumentation mit historischem Kontext zu erstellen.

Im Gleichklang mit den amtlichen Denkmalschützern befindet sich Kirchheims Stadtarchivar Roland Deigendesch. „Aus unserer Sicht geht es um eine ordentliche Dokumentation. Das ist durchaus sinnvoll.“ Alles weitere darüber hinaus wäre fehl am Platze, zumal sich seit 1980 in der Nähe der Abschussrampe am Ochsenkopf auf dem Gelände des Truppenübungsplatzes Heuberg ein großer Gedenkstein mit einem stilisierten Modell der „Natter“ befindet. Unmittelbar daneben ist die betonierte Fläche der Abschussstelle erhalten geblieben, die zur Erprobung der vereinfachten Startlafette aus Holz genutzt wurde. „Der Truppenübungsplatz Heuberg ist der historische Ort für eine Erinnerungskultur“, findet Roland Deigendesch. Die Dokumentation der Startbasen im „Hasenholz“ bei Holzmaden aber sei Aufgabe der Denkmalbehörde in Esslingen.

Für Friedrich Heinzelmann ist die Entscheidung des Landesamtes für Denkmalpflege schwer nachzuvollziehen. „Es ist mir unverständlich, weshalb die Abschussrampen keine Kulturdenkmale sein sollen“, ärgert sich der Vorsitzende des Verschönerungsvereins über einen entsprechenden Brief der Esslinger Behörde und schlug im Landesdenkmalgesetz nach. Dort sei nachzulesen, dass ein Kultur- beziehungsweise Technikdenkmal auch dann zu erhalten sei, wenn heimatgeschichtliches Interes­se daran bestehe. „Das ist hier der Fall.“ Jedenfalls will Friedrich Heinzelmann versuchen, die dritte Startrampe, die am weitesten von der Autobahn entfernt liegt, zu retten. „Die könnte dann auch zugänglich gemacht werden.“ Deshalb will der Kirchheimer Ehrenvorsitzende des Schwäbischen Heimatbundes die Flinte nicht ins Korn beziehungsweise ins Hasenholz werfen, sondern die Edlen um sich scharen, um zu retten, was noch zu retten ist.