Lokales

Der schwäbische Barnstormer nimmt Abschied von Corvus

KIRCHHEIM Der Flieger, Globetrotter und Buchautor Hans Schneider, 65, flog mit einer kleinen Cessna 150, einem einmotorigen Schulflugzeug, um die Welt. Welche Abenteuer er dabei erlebte und welche Gefahren er zu bestehen hatte, darüber

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RICHARD UMSTADT

berichtete der Teckbote in einer lockeren Sommerserie aus Hans Schneiders Buch "Der Flug des Raben". Mit der Folge acht schließt die Serie. Dabei sei auf die heutige

Signierstunde des Autors von 9 bis 12.30 Uhr in der Kirchheimer Buchhandlung Schöllkopf am Krautmarkt

hingewiesen.

"Corvus" taufte Hans Schneider den kleinen Blechflieger, nach seinem schwarzgefiederten Freund, dem Kolkraben. Mit ihm bricht er am 2. Mai 1990 in Südfrankreich auf, um die Welt zu erkunden. Er fliegt durch den Vorderen Orient nach Asien, überquert in einem neuneinhalbstündigen Flug die Timorsee nach Australien und lernt auf dem fünften Kontinent nicht nur Aborigines und Kängurus kennen.

In Sydney verfrachtet er seinen Blechvogel auf ein Containerschiff nach Südamerika und jettet mit einer Linienmaschine voraus nach Argentinien. In Buenos Aires nimmt er Corvus wieder in Empfang und heftet sich mit ihm auf die alten Spuren der französischen Postflieger der 30er-Jahre um Saint-Exupery. Der Abenteurer durchkämmt Patagonien, landet auf dem südlichsten Flugplatz der Welt in Ushuaia auf Feuerland und überquert mit seinem kleinen Fluggerät wie anno dazumal Mermoz die mächtigen Anden von Mendoza nach Santiago de Chile.

Nach diesem Abstecher zu Argentiniens Nachbar am Pazifik setzt Hans Schneider seinen Weg gen Norden fort, immer dem Parana entlang. Dann überspringt er die Grenze zu Paraguay, stattet Asuncion einen Besuch ab und startet gen Brasilien, dreht über den Iguacu-Fällen seine Runden und fliegt weiter nach Bolivien und über den Dschungel des Amazonasbeckens. Nach vier Stunden schneidet die Transamazonica seinen Kurs, nach weiteren endlos erscheinenden sieben Stunden erreicht der Flieger Porto Velho, wo er sich von seinem längsten Nonstop-Flug erholt. Von dort folgt er dem Madeira nach Manaus, kreist über der weltbekannten Oper der Hafenstadt am Amazonas, dann klemmt er sich die selten befahrene Nordroute der Dschungelstraße nach Boa Vista unter den Flügel, quert den Äquator und landet nach einem sechseinhalbstündigen Flug in der boomenden Goldgräber- und Diamantenschürferstadt.

Bald darauf verlässt er Südamerika. Sechs Flugstunden über Wasser liegen zwischen Martinique und Puerto Rico. Nach Puerto Plata und den Grand Bahamas fliegt Hans Schneider in Palm Beach die USA an. In Florida "kämpft" der deutsche Pilot Seite an Seite mit dem "Roten Baron", genießt die amerikanische Freiheit der "Barnstormers" (Himmelsstürmer), landet auf Farmen, hält den Massenballonstart in Albuquerque auf Zelluloid fest, folgt dem Colorado in beziehungsweise über den Grand Canyon, macht eine Stippvisite in Mexiko und fliegt wieder gen Norden über New Mexiko, Kalifornien, Oregon Washington nach Kanada. Der Alaska-Highway ist sein Guide auf dem letzten Teil seiner abenteuerlichen Reise um die Welt.

Hinter einem dichten Regenvorhang taucht Fort Nerlson auf. Der Flugplatz liegt zehn Kilometer weiter östlich. Kein Mensch ist zu sehen, als Hans Schneider im Nieselregen seinen Start zum Weiterflug nach Whitehorse schlecht vorbereitet. Da der Starter versagt, beginnt er wie gewohnt die Prozedur des Handstarts und dreht den Propeller einige Male durch, dann werden Magnet und Masterswitch geknipst. Dreimal Pumpen am Gaszug wie hunderte Male zuvor. Startklötze gibt es keine und Steine auch nicht, um ein Wegrollen zu vermeiden. Es hat ja immer geklappt. Bereit: Der Pilot gibt dem Propeller den ersten Schwung. Dann den zweiten. Wumm, der Motor heult mit etwa 2 000 Umdrehungen auf, die Maschine bewegt sich vorwärts. Mit einem schnellen Satz will sich Hans Schneider aus dem Bereich des unbarmherzig mähenden Props bringen, gleitet auf dem nassen Asphalt aus und liegt flach, als der tödliche Luftzug vorbeirauscht. Die Cessna hat schon drei Meter zurückgelegt, als er auf die Beine kommt, zur Tür stürzt, um in die Kabine zu gelangen. Im entscheidenden Moment fehlen allerdings ein paar Zentimeter. Corvus ist zu schnell geworden, das nachfolgende Höhenruder haut den Piloten um.

Aus der Froschperspektive muss er machtlos mitansehen, wie sich sein Rabe selbstständig macht und wegzoomt. Der Globetrotter liegt im Gras und glaubt zu träumen. Eine Szene wie im Film. Die kleine Cessna, 40 Knoten schnell, ist an einer quer laufenden Senke angelangt, schon ist das Bugrad frei in den nächsten Sekunden wird Corvus abheben. Ohne seinen Piloten. Das Hauptfahrwerk löst sich über der Bodensenke, schlägt aber an deren Ende auf, und die Flugzeugnase knickt nach unten. Schon hat sich der Propeller in die aufgeweichte Erde gebohrt. Die unschuldige Cessna steht Kopf.

Stille. Die Erde scheint aufgehört zu haben, sich zu drehen. Alles steht still.

"Die beste Art, so eine bittere Pille wie den Crash meines Flugzeugs zu schlucken, ist auf Erklärungen und Ausflüchte zu verzichten. Der Weg bleibt das Ziel."

Corvus war letztlich reparabel und Hans Schneider und sein kleiner Blechvogel ließen sich, nachdem Alaska als nördlichster Punkt erreicht war, in Arizona nieder. Dort lebt der Rabe heute noch, den Autor aber zog es ins schwäbische Kirchheim, der Fliegerstadt.

INFODas Buch "Der Flug des Raben" von Hans Schneider ist zu beziehen beim Autor selbst unter 01 79/7 68 08 53 oder unter bestellung@der-flug-des-raben.de. Das reich bebilderte Werk kostet 42 Euro und wird vom Autor handsigniert geliefert. Es ist in Kirchheim aber auch in den Buchhandlungen Schieferle, Wellingstraße 24, Schöllkopf, Alleenstraße 3, und Zimmermann, Max-Eyth-Straße 3, sowie Schreibwaren Weixler, Dettinger Straße 11, zu bekommen.

Die Signierstunde des Autoren und Fliegers findet heute von 9 bis 12.30 Uhr in der Kirchheimer Buchhandlung Schöllkopf am Krautmarkt statt.