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Der Steffele kehrt endlich von Kirchheim in seine Heimat zurück

Das Holzmadener Kruzifix "Steffele" wird am Sonntag, 9. Dezember, 10.30 Uhr, nach dem Gottesdienst im Gemeindesaal der Stephanuskirche mit einem kleinen Festakt in Empfang genommen. Das Kruzifix kehrt von Kirchheim in seine Heimat zurück.

ANDREAS TAUT

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HOLZMADEN Die genaue Entstehungszeit des alten "Steffele" genannten, Holzmadener Kruzifixes ist nicht bekannt. Aufgrund der Formung des Lendenschurzes lässt sich romanischer Ursprung mit großer Sicherheit ausschließen. Denkbar wären vielleicht noch spätgotische Ursprünge, wie Helmut Fischer im Heimatbuch von Holzmaden vermutet hat. Vermutlich ist der Steffele (manche sagen auch das Steffele) aber im Zuge des Wiederaufbaus der Kirche von 1664 bis 1667 entstanden.

Holzmaden war ja mitsamt der Kirche im Dreißigjährigen Krieg völlig niedergebrannt worden (1639). Dabei ist wohl auch die (mittelalterliche ?) Innenausstattung der Stephanuskirche verloren gegangen. Beim Aufbau konnten nur Reste des Kirchturms und Chorfenster aus dem 15. Jahrhundert wieder verwendet werden. Dass man damals den kleinen mittelalterlichen Grundriss der Kirche beibehalten hat, ist verständlich, da nur gut ein Dutzend Familien nach Holzmaden zurückgekehrt waren, die den Neuanfang des Dorfes in ärmlichen Zeiten bewerkstelligen mussten. Neubau des Pfarrhauses 1684 und der Schule, dem heutigen Rathaus 1687.

Für die Stephanuskirche wurde ein neuer Taufstein angefertigt, dessen Entstehungsjahr 1668 im Fuß eingemeißelt ist. Aus derselben Zeit wohl auch das schmiedeeiserne Turmkreuz. So jedenfalls ist die Einschätzung des Kunstschmiedes Edmund Graeber, der das Turmkreuz für die Neuaufrichtung im Jahr 2005 bearbeitet hat. Das dritte Ausstattungsstück, das es noch aus der Zeit der alten Kirche des 17. Jahrhunderts gibt, ist der Steffele. Es ist ein einfaches aber durchaus ausdrucksstarkes Kruzifix, das farbig gefasst war. Der Kunstsachverständige des Oberkirchenrats Reinhard Auer vermutete, dass es sich um eine "bäuerliche Arbeit" handelt. Jochen Ansel vom Landesamt für Denkmalpflege denkt eher an einen künstlerisch begabten Zimmermann, der den Steffele geschaffen haben könnte.

Mehr als Vermutungen kann man über die Entstehung des Steffele allerdings nicht aussprechen. Eine genaue Datierung auf dendrochronologischer Basis ist nicht möglich, weil der Bauchumfang des Steffele nicht die erforderliche Anzahl von mindestens dreißig Jahresringen hergeben würde. Die Datierung mittels der C14-Methode ist kostspielig und vor allem zu ungenau. Auch die Untersuchung von Farbpigmenten würde keine einfache Lösung der Datierungsfrage bringen. Sollte der Steffele tatsächlich ein Kunstwerk aus der Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg sein, so hätte er rund 140 Jahre als Kruzifix im Mittelpunkt der alten Stephanuskirche gestanden. Denn zu Beginn des 19. Jahrhunderts entschied sich die Kirchengemeinde, das alte Kreuz durch ein neues zu ersetzen. Zum Reformationsjubiläum 1817 wurde das Kircheninnere renoviert. Dazu kaufte man unter anderem ein schönes barockes Kreuz auf, dessen Korpus heute noch über dem Altar angebracht ist.

Aus dieser Zeit stammt auch das damals in Auftrag gegebene Monumentalbild des Weilheimer Skribenten Holder, das den Gekreuzigten mit Paulus und Luther zeigt. Das Bild und das barocke Kruzifix stehen in einer klar erkennbaren Beziehung zueinander. Infolge dieser Neugestaltung des Kircheninnenraums musste der alte Steffele weichen. Dadurch blieb er von Restaurationen, die im 19. Jahrhundert noch sehr "gründlich" zu sein pflegten, verschont. Wohin der Steffele kam, das weiß man nicht sicher. Vielleicht hat er noch eine Zeit lang an anderer Stelle in der alten Kirche gehangen. Es gab dort allerdings nicht sehr viel Platz, sodass er wohl schnell auf die Bühne des Kirchturms verbracht worden ist. Dort lag er viele Jahrzehnte lang.

Erst im 20. Jahrhundert kam der Steffele als Leihgabe an das 1924 gegründete Heimatmuseum ins Kirchheimer Schloss und wurde dort wohl auch ausgestellt. Bekannt ist, dass der Steffele fester Bestandteil der Dauerausstellung im Kornhaus geworden ist, wohin das Heimatmuseum 1954 verlegt worden war. Ruth Fischer aus Holzmaden, die bis 1980 Kustodin des Heimatmuseums war, sorgte dafür, dass in der "religiösen Abteilung" der Steffele einen Stammplatz bekam. Das alte Holzkreuz war ein kleines Schmuckstück der Sammlung. Der Steffele hatte keine Kollegen. Andere "überzählige" Altarkreuze aus Kirchheim und Umgebung besaß das Museum nicht. Nach der Neugestaltung des Kornhauses 1981 gab es diese Abteilung im Stadtmuseum nicht mehr. Das Kreuz verschwand erneut in der Versenkung, diesmal in der Magazinbaracke beim Bauhof in der Boschstraße.

In Holzmaden wurde im Mai 1969 die alte Stephanuskirche abgerissen und 1970/71 durch einen großen Neubau ersetzt. Bei der Kirchensanierung im Jahr 2005 erhob sich die Frage, ob jetzt nicht auch der richtige Zeitpunkt gekommen wäre, endlich den Steffele aus Kirchheim wieder nach Holzmaden zurückzuholen. Nachdem Rainer Laskowski von Seiten des Stadtmuseums grünes Licht für eine "Heimholung" gegeben hatte, entschied sich der Kirchengemeinderat, den verstaubten Corpus restaurieren zu lassen. Alle Fachleute empfahlen eine "vorsichtige" konservierende Behandlung, mit der dann der Nürtinger Restaurator Christoph Bueble beauftragt wurde.

Die losen Arme des Gekreuzigten wurden am Körper befestigt. Nach der Reinigung wurden auch die originalen Farbreste wieder besser erkennbar, die sich besonders im Gesicht erhalten haben. Sie wurden nicht ergänzt, sondern konserviert. Auch die Lücke im Kranz der Dornenkrone und die fehlende Nase ist geblieben. Schließlich wurde ein neues Kreuz aus Eichenholz als Träger für den Steffele angefertigt. So wird er jetzt in der Woche zum 2. Advent an der Südwand des Gemeindesaals montiert, und dann bei Gemeindeveranstaltungen "mitten unter uns" sein. Der Steffele wird daran erinnern, was der Mittelpunkt des christlichen Glaubens seit Jahrhunderten war und noch immer sein soll: Jesus Christus, der Gekreuzigte, der für die Sünden der Welt den Tod auf sich genommen und die Erlösung zum ewigen Leben gebracht hat.