Lokales

„Der Süden kommt nach Norden“

Professor Dr. Andreas Matzarakis spricht beim Kirchheimer Stadtforum zum Thema „Lokaler Klimaschutz“

Der Klimawandel lässt sich nicht aufhalten. Es ist aber möglich, die negativen Auswirkungen mit vielen kleinen Maßnahmen zu lindern. Professor Dr. Andreas Matzarakis riet beim Kirchheimer Stadtforum zum Thema „Lokaler Klimaschutz“ vor allem zu natürlichen Lösungsansätzen: mehr Bäume, mehr Grün, besseres Lüften, Pullover im Winter und Siesta im Sommer.

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Andreas Volz

Kirchheim. Der Freiburger Meteorologe Andreas Matzarakis wehrt sich grundsätzlich gegen den Begriff „Klimakatastrophe“. Das Wort „Klima“ stamme aus dem Griechischen, und inhaltlich stecke darin so viel wie „sich verändern“. Obwohl er in diversen Szenarien teils drastische Auswirkungen des Klimawandels heraufbeschwor, wollte Matzarakis nicht ausschließlich über die Gefahren sprechen, sondern auch über die Potenziale, die der Klimawandel mit sich bringt.

Die wichtigsten Phänomene zum Thema hatte der Meteorologe schnell genannt: Treibhauseffekt, Ozonloch und Smog. Alles ist jeweils miteinander verknüpft und verstärkt sich wechselseitig. „Die Sache ist aber nicht neu“, sagte Andreas Matzarakis in der Kirchheimer Alleenschule und zeigte zum Beweis eine Grafik, in der die drei Phänomene in ihrer Beziehung zueinander dargestellt sind. Auch wenn diese Grafik durchaus auf dem aktuellen Stand war, ist sie doch schon 20 Jahre alt.

Einen Zeitraum von 30 Jahren wiederum gab Dr. Matzarakis als den Bereich an, in dem die Klimaforschung sich bewegt. Das Wetter lasse sich bis zu fünf Tage im Voraus vorhersagen. Beim Klima dagegen stelle sich jetzt schon die aktuelle Frage: „Wie sieht es im Jahr 2050 aus?“ Etliche Modellberechnungen reichen sogar bis ins Jahr 2100. Veränderungen der Temperaturen, der Niederschlagsmengen oder die Häufigkeit von Extremereignissen wie Hitzewellen, Trockenperioden, schwere Stürme und Hochwasser stehen dabei im Blickpunkt der Forscher.

Der Experte stellte beim Stadtforum eine Frage, die sich manch einer schon gestellt haben mag: „Was machen denn drei Grad Temperaturanstieg groß aus?“ Die Antwort war kurz, aber vielsagend: „Das ist der Klimaunterschied zwischen Freiburg und Mailand.“ In den Alpen steige die Durchschnittstemperatur bis zum Ende des Jahrhunderts um vier Grad Celsius. Fazit des Experten von der Universität Freiburg: „Der Süden kommt nach Norden.“

Für Kirchheim verglich Andreas Matzarakis die beiden 30-Jahres-Zeiträume 1961 bis 1990 und 2021 bis 2050. Aus der Fülle der Daten ragten zwei Details besonders hervor: Die Anzahl der Tage mit schwülem Wetter steigt von 22 auf 36 Tage im Jahr, die Tage mit „Skipotenzial“ dagegen gehen von 27 auf 18 zurück.

Bei der „gefühlten Temperatur“ wiederum wirke sich ein tatsächlicher Temperaturanstieg von drei Grad gleich um ein Vielfaches aus. Um die gefühlte Temperatur im Sommer niedrig halten zu können, brauche es in erster Linie Schatten und eine entsprechende Luftzirkulation. Bäume und Grünflächen seien wichtig, besonders natürlich der Wald als Naherholungsgebiet. Aber auch in der Stadt, und gerade dort dürfe nicht jede Fläche versiegelt sein. Zum Luftaustausch im Sommer empfahl Matzarakis das eigentlich Selbstverständliche, die „natürliche Ventilation“: morgens die Fenster im Osten zu und im Westen auf, abends umgekehrt. Insbesondere die kühlen Nachtstunden seien zum Lüften zu nutzen. Verdunkelung tagsüber ergänzt dieses Klimaprogramm.

So einfach es klingt, aber gerade solche Maßnahmen könnten „amerikanische Verhältnisse“ verhindern: Der Gebrauch von Klimaanlagen sorge nämlich seinerseits für einen zusätzlichen Temperaturanstieg, der dann im Teufelskreislauf zum verstärkten Einsatz der Klimaanlage führt. Auch anderweitig könne der Mensch sich den Folgen des Klimawandels anpassen und durch entsprechend einfache Maßnahmen sogar Energie sparen, was wiederum den CO2-Ausstoß reduziert: Statt im Winter die Heizung aufzudrehen, solle man lieber einen Pullover anziehen. Und die Mittagshitze im Sommer lasse sich auch in Deutschland am besten durch eine Siesta ertragen: „Da müssen wir eben unsere Arbeitszeitenmodelle anpassen.“

Was die Stadt Kirchheim für den lokalen Klimaschutz tut, schilderte Bürgermeister Günter Riemer im Anschluss an den Fachvortrag. So sei der Ökostrom-Anteil beim städtischen Stromverbrauch für die Jahre 2008 bis 2010 auf 30 Prozent festgeschrieben. Ansonsten nannte Riemer Modellprojekte bei den Wohngebieten „­Braike“ in Nabern und „Halde“ in Ötlingen sowie die geplante Holzhackschnitzelheizanlage auf dem Schafhof. Außerdem sei die Lokale Agenda in Kirchheim für den Klimaschutz aktiv: etwa die Initiative „FahrRad“ oder die Arbeitsgruppe Energie, die am Samstag, 26. April, wieder ihre Energie-Tour veranstaltet.

Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker verwies noch auf das „Generationenprojekt“, die Gewässer in Kirchheim zu renaturieren. Dabei geht es nämlich auch darum, den Folgen des Klimawandels zu begegnen: mit Naherholungs- und Grünflächen mitten in der Stadt – bei reduzierter gefühlter Temperatur.