Lokales

Der Täufer in der Todeszelle

Ziemlich genau zwischen dem Nikolaustag und dem Christfest liegt der 3. Advent. Johannes der Täufer ist die biblische Person, die seit alters her diesem Sonntag zugeordnet wird. Schade, dass man auch auf einem gut sortierten Weihnachtsmarkt kein Krippenfigurenset findet, das außer Maria und Josef, den Hirten und Königen, den Engeln und dem Kind auch noch einen Johannes enthält

, denn eigentlich ist er eine Zentralfigur der Festzeit.

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Zugegeben, die Predigtweise des Täufers war schon in biblischen Zeiten gewöhnungsbedürftig. Johannes begann nicht mit Kanzelgruß und "Liebe Gemeinde", sondern mit einer Publikumsbeschimpfung: "Ihr Otterngezücht und Schlangenbrut". Zugegeben, sein Outfit war leicht extravagant. Er trug nicht Priesterrock und Stola, sondern Kamelhaar-Talar mit ledernem Gürtel. Zugegeben, seine Ernährung war streng ökologisch. Er aß nicht Lebkuchen und Süßigkeiten, sondern Heuschrecken mit wildem Honig.

Warum ihn keiner unter dem Christbaum an der Kerze stehen hat, liegt aber vor allem daran, dass er zu Lebzeiten nicht vor der Krippe kniete, so wie die Hirten. Er stand auch nicht im Stall, so wie die Sterngucker vom Morgenland. Dieser Mann so berichtet die Bibel sitzt im Knast (vergleiche Matthäus 11,2 8).

Aber genau dort, im Hochsicherheitstrakt der Festung Machärus, etwa 1 200 Meter über dem Toten Meer, erlebt Johannes seine Sternstunde mit Jesus. Gerade in diesen finsteren Tagen, als er darauf wartet, dass ihn der Scharfrichter aus dem Kerker zerrt, geht ihm ein Licht auf. In seiner dunklen Zelle wird ihm klar, das Jesus wahrhaftig der Heiland der Welt ist.

Weil er als Gefangener selbst nicht mehr losziehen konnte, hatte der Täufer seine Schüler geschickt, um Näheres über Jesus zu erfahren. Er war nicht an der Stimme des Volkes interessiert. Er wollte nicht einfach mit dem Strom schwimmen und glauben, was man eben so glaubt. Johannes wollte wissen, was Sache ist, was die Wahrheit ist. Folglich beauftragte er seine Schüler nicht mit einer Meinungsumfrage, sondern schickte sie lieber gleich zu Jesus, denn Geschichten über ihn hatte er schon genug gehört. Jetzt wollte er wissen, was Jesus selbst sagt: "Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?" Später kamen die Schüler mit Jesu Antwort zurück zu Johannes ins Gefängnis.

Bis heute hat sich daran nichts geändert: Nur wer sich an Jesus selbst wendet, wird die Wahrheit über ihn herausfinden. Nur wer sich seine in der Bibel festgehaltenen Worte anhört und zu Herzen gehen lässt, kann Klarheit darüber bekommen, wer Jesus wirklich ist. Nur wer auf den erwachsenen Jesus sieht, erkennt die Bedeutung des kleinen Kindes, das am Fest mitten in unserer Sammlung von Krippenfiguren liegt. Johannes der Täufer wollte es wissen, und er hat seine Antwort bekommen. Der Heiland der Welt wurde sein Trost und Licht in der Todeszelle.

Pfarrer Andreas Taut

Evangelische Kirchengemeinde

Holzmaden