Lokales

Der Tötungsdelikt warf viele Rätsel auf

Wegen Totschlags an ihrer Mutter muss eine 64-Jährige jetzt hinter Gitter. Die Angeklagte wurde vom Stuttgarter Landgericht wegen Totschlags in einem minder schweren Fall zu drei Jahren und drei Monaten Haft verurteilt.

SABINE FÖRSTERLING

Anzeige

Die 64-Jährige hatte ihrer Mutter in der gemeinsamen Wohnung in Denkendorf Schlaftabletten verabreicht und anschließend die 96-Jährige erstickt.

Die Staatsanwältin hingegen hatte vier Jahre Freiheitsstrafe gefordert. "Die Umstände sind außergewöhnlich", stellte der Vorsitzende Richter der 18. Schwurgerichtskammer in seiner Urteilsbegründung fest. Warum sich die Situation im "innigen" Verhältnis zwischen Tochter und Mutter derart zugespitzt habe, sei auch für das Umfeld der beiden nicht nachvollziehbar. Die Angeklagte mache einen hoch intelligenten Eindruck, habe sich für Politik, gesellschaftliche Zusammenhänge sowie den Aktienmarkt interessiert, neige aber zu theatralischen Auftritten. Dennoch könne man die Tat nur mit der hypochondrisch geprägten, psychischen Störung der 64-Jährigen erklären, die seit Jahrzehnten über massive Rückenschmerzen geklagt hatte und es heute noch tut, obwohl die Ärzte nichts finden konnten. Mit 42 Jahren hatte die Angeklagte deswegen aufgehört zu arbeiten und legte sich sieben Jahre lang ins Bett und ließ sich von ihrer Mutter pflegen.

Die 96-Jährige litt später dann an Altersdemenz und hatte im Februar 2006 einen Schlaganfall. Die Pflege der Mutter habe die 64-Jährige zunehmend belastet, sagte der Richter. Jetzt habe aber ein Musterfall an aufopfernder Nachbarschaftshilfe, die er ausdrücklich loben wolle, eingesetzt. Es wurde geputzt, eingekauft und gekocht. Daher erscheine es rätselhaft, wie die Angeklagte derartige Ängste entwickelt habe, um zunächst die 96-Jährige zu töten und dann zu versuchen, sich die Pulsadern aufzuschneiden.

Die Frührentnerin hatte sich laut dem Richter Anfang des Jahres eingebildet, sie müsse aufgrund ihrer Schmerzen im Krankenhaus operiert werden und sich für diese Zeit um einen Kurzzeitpflegeplatz für ihre Mutter gekümmert. Doch nun habe sie befürchtet, dass die alte Frau dort nicht richtig versorgt werde. Am Morgen des 20. Februar hatte sich die Angeklagte entschlossen, erst ihre Mutter und sich dann selbst zu töten. Dabei sei die 64-Jährige hartnäckig vorgegangen. Zunächst habe sie der Mutter einen für sich schon tödlichen Medikamenten-Cocktail verabreicht und anschließend das Opfer mit einem Kissen erstickt.

Der Rechtsmediziner hatte am rechten Handgelenk der Toten auch oberflächliche Einritzungen von einem Messer gefunden. Die Selbsttötung hingegen misslang. Auffällig sei, dass die 64-Jährige nicht den gleichen tödlichen Tabletten-Mix geschluckt hatte, wies der Richter hin. Zwar lag Heimtücke vor, aber da der feindliche Wille fehlte, erkannt die Kammer nicht auf Mord, sondern auf Totschlag und das aufgrund der Persönlichkeitsstörung in einem minder schweren Fall.

Für eine Unterbringung in einer psychiatrischen Einrichtung durch ein Strafgericht fehlt die gesetzliche Grundlage. Darüber hinaus war auch der Gutachter ratlos. Die Angeklagte wolle keine Therapie, reagiere bestimmend und provokant.