Lokales

Der Traum vom schnellen Geld

Private Sportwettbüros sind illegal, aber die Behörden können nicht viel gegen sie tun

Das Geschäft mit Sportwetten boomt überall in Deutschland. Auch in Kirchheim gibt es mittlerweile vier Wettbüros, in denen Spieler Geld auf Fußballspiele, Boxkämpfe oder Formel-1-Rennen setzen können. Das Pikante daran ist: Eigentlich sind die privaten Wettbüros illegal. Doch die Behörden können nur wenig gegen sie ausrichten.

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Antje Dörr

Kirchheim. Die Schaufenster des Wettbüros sind mit Folie verklebt. Innen ist es dämmerig. Auf großen Breitbildschirmen rennen die englischen Nationalspieler dem Ball hinterher. Nur noch wenige Stunden bleiben, bis Deutschland gegen Ghana gewinnen muss. Auf dem Tresen liegt ein Spielplan, aus dem man entnehmen kann, wie der Buchmacher die Chancen der jeweiligen Mannschaft einschätzt. „Deutschland ist ganz klar das bessere Team“, sagt der Spieler, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Er füllt einen Systemschein aus: Sieben von zehn Tipps müssen stimmen. Sonst sind die 50 Euro Einsatz futsch.

Eigentlich dürfte es das private Wettbüro in der Fußgängerzone, das eines von vieren in Kirchheim ist, nicht geben. Der Baden-Württembergische Verwaltungsgerichtshof in Mannheim hat vergangenen Dezember entschieden, dass das Monopol des deutschen Staates auf Sportwetten rechtmäßig ist. Die Begründung: Durch die staatliche Kontrolle des Glücksspiels soll die Zahl der Süchtigen eingedämmt werden. Daraus folgt: Private Sportwetten anzubieten, verstößt gegen das Monopol und ist somit illegal. So weit die Theorie.

Dass die vier Anbieter in der Teckstadt weiterhin ihren Geschäften nachgehen können, ist einer Gesetzeslücke geschuldet, die einen unwillkürlich den Kopf schütteln lässt. Denn obgleich private Sportwetten in Deutschland verboten sind, muss das kommunale Gewerbeamt die Anfrage eines Anbieters zunächst einmal positiv bescheiden. Dazu ist es laut Gewerberecht verpflichtet. „Das ist ein Paradoxon“, sagt Kirchheims Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker, der die Sportwettbüros ein Dorn im Auge sind. Um die Geschäfte so schnell wie möglich wieder schließen zu lassen, meldet das Kirchheimer Gewerbeamt die Eröffnung dem Regierungspräsidium Karlsruhe (RP), das für Glücksspiel zuständig ist. Die Behörde fordert den Betreiber auf, seinen Laden dicht zu machen. Üblicherweise antwortet ein Anwalt, der ankündigt, gegen den Beschluss zu klagen – manchmal mit Erfolg. Denn den Betreibern kommt zugute, dass bisher kein Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EUGH) vorliegt. Die Richter wollen dann entscheiden, ob das in Deutschland geltende Monopol EU-konform ist.

„Wenn der EUGH die Mannheimer Regelung bestätigt, dann gibt es in Deutschland mehr Rechtssicherheit“, hofft Uwe Herzel, Sprecher im RP Karlsruhe. Dass zu wenig getan wird, um dem staatlichen Monopol auf Sportwetten Geltung zu verschaffen, weist der Sprecher von sich. Aktuell gebe es circa 400 private Wettbüros im Land, es seien aber auch schon einmal 500 gewesen. Genaue Zahlen gibt es nicht. „Wir gehen entschieden gegen illegale Sportwettbüros vor“, sagt Uwe Herzel. „Aber die Betreiber nutzen alle rechtsstaatlichen Mittel aus.“ Wenn die Klage abgewiesen wird und der Betreiber tatsächlich schließen muss, würde häufig ein Bruder oder ein Cousin einspringen und das Wettbüro neu eröffnen. Dann geht das Spiel von vorne los. „Mit diesen juristischen Schachzügen gewinnt man Zeit – und natürlich Geld“, sagt Uwe Herzel. Hinzu kommt, dass nicht alle baden-württembergischen Gerichte der Linie folgen, die der Verwaltungsgerichtshof in Mannheim vorgegeben hat. Über so viel Unentschlossenheit können sich die Betreiber nur freuen.

Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker hofft, dass sich das Problem auf andere Art und Weise löst. Zwei der Büros liegen an exponierter Stelle in der unteren Max-Eyth-Straße, die langfristig Fußgängerzone werden soll. „Vielleicht merken die Hausbesitzer dann, dass sie auch an andere Gewerbe vermieten können.“