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Der unbequeme Mahner ist heute eine zentrale Stütze des sozialen Netzwerks

KIRCHHEIM Für Kirchheims Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker ist das Brückenhaus "ein unverzichtbarer und obendrein erfolgreicher Bestandteil des sozialen

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FRANK HOFFMANN

Netzwerks in unserer Stadt". Nach drei Jahrzehnten erfolgreicher Arbeit an sozialen Brennpunkten ist das Brückenhaus heute eine anerkannte und von allen Seiten geschätzte Einrichtung. Das war nicht immer so. Vor allem in den Anfangsjahren wurde die Arbeit mit großem Mißtrauen beäugt.

Gegründet wurde der Verein im Oktober 1976 von Vertretern des Stadtjugendrings, der Jugendgerichtshilfe und politisch engagierten Bürgerinnen und Bürgern mit dem Ziel, Jugendliche in Krisensituationen zu beraten und betreuen und soziale Konflikte zu entschärfen. Den Anstoß hatte der Ausschuss Randgruppenarbeit des Stadtjugendrings gegeben. Der Name "Brückenhaus" weist zum einen auf die Lage des von der Stadt zur Verfügung gestellten Gebäudes unter der Steingaubrücke hin, ist seit 30 Jahren aber auch Programm: Der Verein baut Kindern und Jugendlichen aus einem schwierigen sozialen Umfeld eine Brücke zu einem eigenverantwortlichen Leben.

Zunächst diente das Haus vor allem als Zufluchtsstätte für Jugendliche in akuten Lebenskonflikten. Die Wohnunterbringung wurde aber nach kurzer Zeit zugunsten der präventiven Gemeinwesenarbeit und der mobilen Jugendarbeit aufgegeben. Soziale Konfliktsituationen sollen entschärft werden, bevor sich der Frust in Schulverweigerung, Alkohol, Drogen oder Gewalt entlädt. Gerade dieser vorbeugende Charakter der Arbeit überzeugte auch die Robert-Bosch-Stiftung: Über mehrere Jahre hinweg unterstützte sie das Brückenhaus finanziell und trug so wesentlich dazu bei, dass die Arbeit weiter ausgebaut werden konnte.

Das einhellige Expertenlob schützte die "Brückenhäusler" jedoch nicht vor teilweise heftigen Angriffen. "Weil wir uns mit Jugendlichen beschäftigten, die am Rand der Gesellschaft stehen, wurden wir auch an den Rand geschoben", suchen Christoph und Martin Lempp im Nachhinein eine Erklärung für die Kritik. Die Brüder sind seit fast 30 Jahren im Brückenhaus aktiv, und sie haben wie auch die anderen Mitarbeiter und Vereinsmitglieder immer ihre Stimme erhoben, wenn es darum ging, Missstände aufzuzeigen und für Benachteiligte Partei zu ergreifen. Das hat nicht allen gefallen. 1983 beantragte die CDU-Fraktion im Kirchheimer Gemeinderat, den städtischen Personalkostenzuschuss an das Brückenhaus in Höhe von 51 000 Mark zu streichen. Die Zustimmung der Ratsmehrheit zu diesem Antrag hätte das Aus für die Einrichtung bedeutet. Es stelle sich die Frage, so begründeten die Christdemokraten unter anderem ihr Ansinnen, ob es in Zeiten knapper Kassen noch vertreten werden kann, dass teuer bezahlte Sozialarbeiter unbeaufsichtigte Kinder auf Spielplätzen betreuen. Auch die Mitarbeiter wurden direkt angegriffen: "Der Verein suchte immer neue Aufgaben und seine Mitarbeiter wurden im außerdienstlichen Bereich vor allem dadurch bekannt, dass kaum eine gegen die Stadt gerichtete Initiative ohne sie vorstellbar wurde." Und die Projektberichte ließen bei den Christdemokraten gar den Verdacht keimen, im Brückenhaus würden gezielt Neidkomplexe gezüchtet. Diesen "Klassenkampf-Unsinn", so hieß es wörtlich in der Erklärung, wolle die CDU nicht auch noch finanziell unterstützen.

Der CDU-Antrag wurde mit großer Mehrheit abgelehnt, die Arbeit des Brückenhauses im Laufe der Jahre immer anerkannter und das Arbeitsfeld immer umfassender. 1996 startete die Stadt Kirchheim das Projekt "gemeinwesenorientierte Jugendhilfeplanung" und seither arbeiten Brückenhaus, andere freie Träger der Jugendhilfe und die sozialen Dienste von Stadt und Landkreis Hand in Hand.

Seit vielen Jahren eine feste Größe im Programm ist das Kinderferienprogramm. Genauso bunt, bekannt und beliebt ist der zu einem Spielmobil umgebaute Bauwagen, mit dem die Mitarbeiter Spielplätze in Kirchheim und Umgebung besuchen.

Die Streetworker des Brückenhauses sind heute vor allem in den sozialen Brennpunktgebieten Reutlinger Straße, Berg West und Dettinger Weg unterwegs, knüpfen Kontakte, beraten, organisieren Freizeitangebote und Ausflüge und stellen Räume zur Verfügung, in denen sich die Cliquen treffen können. Mit dem 2001 eröffneten Stadtteilzentrum TrIB (Treff-Information-Beratung) fand das Brückenhaus in Ötlingen ein festes Zuhause. Zudem wird in dem Kirchheimer Stadtteil gemeinsam mit der Stadt, der evangelischen offenen Jugendarbeit und dem Jugendgemeinschaftswerk der Jugendtreff "Check-In" in einer ausgebauten Garage angeboten.

In ihrer täglichen Arbeit erleben die Brückenhaus-Mitarbeiter seit Jahren, wie viele Jugendliche angesichts der schwierigen Arbeitsmarktsituation im Übergang von der Schule in den Beruf aus der Bahn geworfen werden. Um den jungen Menschen in dieser schwierigen Phase zur Seite zu stehen, stieg der Verein 1999 in die Jugendberufshilfe ein und schloss sich im Jahr darauf mit Intakt, KiZ, Inbus und der Paulinenpflege zur Jugendagentur Kirchheim zusammen. Die zentrale Anlaufstelle im Stadtzentrum unterstützt Jugendliche, die sich beruflich orientieren wollen und hilft bei der Jobsuche, bei Bewerbungen oder Vorstellungsgesprächen. Seit einiger Zeit betreut und begleitet das Brückenhaus-Team zudem Ein-Euro-Jobber.

Das jüngste Kind in der mittlerweile überaus beeindruckenden Angebotspalette des "Jubilars" ist die Schulsozialarbeit. Mit je einer halben Stelle sind die Brückenhaus-Mitarbeiter in der Raunerschule und in der Freihof-Realschule Ansprechpartner für Schüler, Lehrer und Eltern.

Auch wenn die Arbeitsfelder und die Anerkennung in den vergangenen 30 Jahren stetig gestiegen sind eines blieb dem Brückenhaus leider erhalten: die ständigen Geldsorgen. Nur rund die Hälfte des 400 000-Euro-Etats ist über feste Fördermittel abgesichert. Der Rest muss Jahr für Jahr aufs Neue vor allem über Projektmittel, Spenden und Sponsoren zusammengetragen werden. Bislang ist den sieben hauptamtlichen und vielen ehrenamtlichen Brückenhaus-Mitarbeitern dieses Kunststück immer gelungen. Dafür sind vermutlich heute nicht nur die Kinder und Jugendlichen, sondern insgeheim auch die Kritiker von einst, sehr dankbar . . .