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"Der Weg des Lebens" lädt zum Verweilen und Nachdenken ein

Wie eng Leben und Tod verwoben sind, zeigt die Skulpturengruppe "Der Weg des Lebens" des Bildhauermeisters Harald Fischer auf dem Friedhof der Gemeinde Holzmaden. Am Volkstrauertag wurde das von den Nachfahren des Holzmadener Ehrenbürgers Gottlieb Stoll gestiftete Kunstwerk der Öffentlichkeit vorgestellt.

FRANK HOFFMANN

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HOLZMADEN

Oberhalb der Gräber, mit herrlichem Blick über die Dächer der Urweltgemeinde und auf die Schwäbische Alb hat Harald Fischer seine Skulpturengruppe "Der Weg des Lebens" installiert. Die Stelle straht eine ungeheure Ruhe aus und ist wie geschaffen zum Verweilen, zum Innehalten, zum Nachdenken über Leben und Tod.

Erste Station des spiralförmig angeordneten Kunstwerks ist ein Findling aus Schwarzwälder Granit, angelegt als Quellstein mit einem kleinen Wasserlauf. "Ursprung In der Mitte entspringt das Leben" hat Fischer diesen Abschnitt betitelt. Ein runder Block aus Cannstatter Travertin markiert die Kindheit und Jugend und die Vielfalt der Entwicklungsmöglichkeiten. Die durch Familie und Beruf gefestigten Strukturen der "Lebensmitte" symbolisiert ein quadratischer Heilbronner Sandstein.

Bei der letzten Station, dem Tod, sind die festen Formen aufgebrochen, dargestellt durch vier kleine Würfel. Drei Würfel sind aus Eiche gefertigt. Sie werden im Laufe der Zeit verwittern und zeigen so die Vergänglichkeit. Für die Ewigkeit steht der vierte Würfel, den Fischer aus einem Granitblock geschlagen hat. Zwischen den Würfeln entstehen Freiräume. Sie verweisen auf das Vakuum und die tiefe Verzweiflung, die der Tod von Angehörigen oder anderer lieb gewonnener Menschen hinterlassen, zeigen aber auch die Chance, die Leere durch aktive Trauerarbeit zu füllen. Und mit dem Tod ist nicht alles zu Ende: Die Spirale durch eine Buchshecke verdeutlicht setzt sich nach der letzten Station noch einige Meter fort.

Für den heimischen Bildhauermeister Harald Fischer war es eine große und reizvolle Aufgabe, diese Skulptur für den Holzmadener Friedhof zu schaffen. Der Tod, so sein Eindruck, werde in unserer Gesellschaft immer stärker tabuisiert, Friedhöfe aus dem Zentrum an die Peripherie der Kommunen verbannt aus dem Leben gedrängt. "Dabei gehören Leben und Tod doch zusammen", sagt der 37-jährige Bildhauer und hat sich deshalb ganz bewusst entschieden, am "Ort der Toten" den "Weg des Lebens" darzustellen.

Er möchte die Besucher einladen, in der Stille des Friedhofs zur Ruhe zu kommen, nachzudenken über die eigene Jugend am runden Travertin-Stein oder über verstorbene Verwandte und Bekannte an der vierten Station. Alle Skulpturen sind so angelegt, dass sie gleichzeitig als Sitzgelegenheit dienen. Ganz bewusst hat Harald Fischer die Kunstwerke sehr niedrig gehalten. "Sie sollen sich nicht in den Vordergrund drängen", sagt er, "jeder kann darüber hinwegschauen."

Harald Fischer ist mit den Steinen aufgewachsen. Seit fünf Generationen beschäftigt sich die Holzmadener Familie Fischer mit Schiefer, Versteinerungen und der Bearbeitung der Steine. Der heute 37-jährige Harald Fischer besuchte nach seiner Lehre die Meisterschule in Kaiserslautern und schloss sie als Jahrgangsbester mit Auszeichnung ab. 1997 eröffnete er in Holzmaden einen eigenen Betrieb und fertigt vor allem Grabsteine. Eine Skulptur des Holzmadener Bildhauermeisters steht auch in der Nachbarkommune Weilheim, beim Haus Kalixtenberg.

Bei der Gedenkfeier zum Volkstrauertag wurde "Der Weg des Lebens" der Öffentlichkeit vorgestellt. Bürgermeister Jürgen Riehles besonderer Dank galt den Stiftern des Kunstwerks, den Nachfahren des Holzmadener Ehrenbürgers Gottlieb Stoll. Der Gründer der weltbekannten Maschinenfabrik Festo ist der erste und bislang einzige Ehrenbürger der kleinen Kommune am Alb-trauf und blieb seinem Geburtsort zeitlebens eng verbunden. Immer wieder hat er mit großzügigen Spenden Vereine, Kirche und große Bauprojekte wie Schule oder Kindergarten in Holzmaden unterstützt.

Um ein Haar oder zwei Stimmen wäre der am 18. Mai 1897 in Holzmaden geborene Gottlieb Stoll nicht Fabrikant sondern Kommunalpolitiker geworden. Anfang der 20er-Jahre, so ist dem Archiv zu entnehmen, hatte sich der junge Techniker in seinem Heimatort um den Bürgermeisterposten beworben, seine Kandidatur aber kurz vor der Wahl wieder zurückgezogen. Trotzdem stimmten die Holzmadener reihenweise für den sympathischen Gottlieb Stoll, und am Ende hatte der gewählte Bewerber gerade mal zwei Stimmen Vorsprung.

Kurze Zeit später war der Holzmadener dennoch Chef: nicht im Rathaus der Urweltgemeinde, sondern in der eigenen Firma. 1925 gründete Gottlieb Stoll in Esslingen die Festo-Maschinenfabrik und baute das Unternehmen im Laufe der Jahre zu einem der führenden Hersteller von Holzbearbeitungsmaschinen aus. Vor allem im Bereich der pneumatisch-elektronischen Steuerungstechnik ist der Betrieb mittlerweile Weltmarktführer. Weltweit beschäftigt der Festo-Konzern über 10 000 Mitarbeiter und erzielte 2003 einen Umsatz von 1,22 Milliarden Euro.

Auch die Nachfahren des 1971 verstorbenen Firmengründers halten Holzmaden die Treue. Sichtbares Zeichen der engen Verbundenheit ist die Skupturengruppe auf dem Friedhof der Gemeinde.