Lokales

Der Weg führt durch das Labyrinth der Trauer

Das Mysterium Tod stärker in den Blickpunkt der Öffentlichkeit zu rücken, war das Bestreben der Kirchheimer Arbeitsgemeinschaft Hospiz im Jahr ihres zehnjährigen Bestehens. Am gestrigen Totensonntag ging die Veranstaltungsreihe mit einem Gottesdienst in der Weilheimer Peterskirche zu Ende.

ANDREAS VOLZ

Anzeige

WEILHEIM "Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden." Nach diesem Motto aus dem 90. Psalm hat die Arbeitsgemeinschaft Hospiz im zu Ende gehenden Jahr sehr viel zur Steigerung jener speziellen "Klugheit" in und um Kirchheim beigetragen: Ob es die Schlossgala mit dem Thema "Sterbekultur gestern, heute und morgen" war oder die Kornhaus-Ausstellung "Aus dem Leben Totenhemd und Grabmale als Lebenszeichen", ob es sich um den Dokumentarfilm "Meine letzten Worte an euch" handelte, um das Figurentheater "Gevatter Tod" oder um das Benefizkonzert "Totentanz" stets ging es im "Jubiläumsjahr" darum, das Tabuthema Tod ins Leben zurückzuholen und dabei möglichst alle Generationen anzusprechen.

Die Kirche hat einen reichen Schatz an Texten zu bieten, die Antworten auf die Frage nach der Vergänglichkeit geben. Sie spiegeln die Gefühle der Trauer und des Verlusts wider und spenden Trost und sei es auch nur durch die Vergegenwärtigung des natürlichen Kreislaufs. So wird der Mensch und sein Leben in jenem Psalm 90 mit Gras verglichen, "das am Morgen noch sprosst und des Abends welkt und verdorrt". Im Gottesdienst in der Weilheimer Peterskirche folgte dieser Erkenntnis dann die berühmteste Aussage des Psalmisten zum Thema Tod: dass des Menschen Leben 70 Jahre währt "und wenn's hoch kommt, so sind's 80 Jahre".

So hilfreich diese Texte auf dem Weg zur "Klugheit" sein können, so häufig müssen Sterbende und Trauernde aber auch am eigenen Leib die volle Bedeutung einer Liedstrophe erfahren, die die versammelte Gemeinde in Weilheim gemeinsam mit dem Chor der Kirchheimer Martinskirche sang: "Die Wege sind verlassen und oft sind wir allein. In diesen grauen Gassen will niemand bei uns sein."

In solchen Zeiten kann vor allem ein Text weiterhelfen, mit dem die Kirchheimer Arbeitsgemeinschaft Hospiz zur Gestaltung des Totensonntagsgottesdiensts beitrug: "Du hast ein Recht auf Trauer", heißt es da, "auf Tränen, Schweigen, Ratlosigkeit, auf innere und äußere Abwesenheit. Du hast das Recht, die wegzuschicken, die dich mit Gewalt aus deiner Trauer herausholen wollen, weil deine Trauer sie selbst bedroht. Trauern zu können, ist eine Gabe, lass' dir das Recht auf deine Trauer nicht nehmen."

Wie das ganze Leben, so ist auch der Weg der Trauer mit dem Labyrinth aus der Kathedrale von Chartres zu vergleichen, das sich die Arbeitsgemeinschaft Hospiz zum Symbol gewählt hat und auf das Pfarrer Jörg Novak in der Peterskirche besonders einging: "Das ist kein Irrgarten, sondern ein einziger Weg, der zum Ziel führt. Man meint zunächst, zielstrebig auf das Ziel in der Mitte zugehen zu können, aber dann kommen die Umwege." Als Ziel der Ziele nannte Novak schließlich die Bitte aus dem Psalter: "Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen".

Christentum und Kirche verheißen nach dem Tod die Auferstehung und das ewige Leben. Als passender Vergleich dient abermals die Pflanzenwelt. Das biblische Bild vom Säen besagt in diesem Fall, dass das Samenkorn in die Erde versenkt werden muss, von wo aus es dann "erblühen soll zu schönerm Los". Pfarrer Novak las dazu die Geschichte von Pele vor, einem kleinen Jungen, der den Verlust seines besten Freundes verarbeiten muss. Teils mit der Hilfe seiner eigenen Mutter, teils im gemeinsamen Reden oder Schweigen mit den Eltern des verstorbenen Tomo und teils ganz für sich allein muss der kleine Pele Trost finden und neue Hoffnung schöpfen.

Am Ende der Geschichte besucht Pele regelmäßig Tomos Grab und schmückt es mit den Blumen, die sie beide noch gemeinsam gepflanzt hatten, bevor "der starke Tomo" plötzlich krank wurde. Blumen als Zeichen der Erinnerung, der Liebe und der Hoffnung das gilt auch für die drei Lichter, die die Arbeitsgemeinschaft Hospiz in der Weilheimer Peterskirche für die Sterbenden, die Verstorbenen und die Trauernden entzündete.