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Der weiße Fleck ist weg: Der Weinatlas berücksichtigt Esslingen

Für die Fachwelt ist der deutsche Weinatlas das Maß aller Dinge. Wer die besten Lagen der Republik sucht, findet dort Orientierung. Jetzt belegt auch die Esslinger Neckarhalde darin einen Spitzenplatz.

HERMANN DORN

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ESSLINGEN Dass ausgerechnet Esslingen mit seiner großen Weinbautradition in dem Standardwerk bislang fehlte, hat die Wengerter vor Ort gewurmt. Umso größer ist jetzt die Genugtuung, dass der weiße Fleck verschwunden ist.

Man muss lange zurückdenken, um eine Wertschätzung für die Esslinger Lagen zu finden, wie sie mit der Erwähnung im Weinatlas verbunden ist. In Stuttgart regierte noch der König, als die frühere Reichsstadt den Ruf genossen hat, zu den fünf wärmsten Weinbaugegenden des Landes zu gehören. Wenn später von den besten Lagen die Rede war, wurde Esslingen nicht mehr erwähnt. Die Wengerter, die sich in der Genossenschaft organisieren, heimsten zwar ebenso wie die Weingüter viele Medaillen ein, und Hans Kusterer gelang es als Einzelkämpfer sogar, über die Landesgrenzen hinaus für positive Schlagzeilen zu sorgen, doch im berühmten Weinatlas des Hallwag-Verlags blieb Esslingen ein weißer Fleck.

Dass die Esslinger Lagen neuerdings wieder zum erlauchten Kreis jener Anbaugebiete gehören, die auch den hohen Ansprüchen der Fachwelt genügen, ist ein Qualitätssiegel für die Böden und das Klima. So sehr waren die Lagen bei der Fachwelt bereits in Vergessenheit geraten, dass erst Hans Kusterer der Redaktion die Augen geöffnet hat. Mit seinem Spätburgunder stellt er sich in Bonn regelmäßig dem internationalen Vergleich. Der ganz große Triumph ist ihm auf dem Petersberg bislang versagt geblieben. Angesichts der großen Konkurrenz von 1500 Teilnehmern darf er aber auch auf die Platzierungen unter den ersten 30 stolz sein. Noch wichtiger war, dass der Hallwag-Verlag auf Esslingen aufmerksam geworden ist. Als es kürzlich galt, den Weinatlas zu aktualisieren, wurden auch diese Lagen geprüft.

Nach einem Besuch in den Weinbergen, die sich von der Frauenkirche bis nach Mettingen ziehen, zeigte sich die Redaktion beeindruckt. Bodenproben und das Studium klimatischer Daten trugen der Neckarhalde einen Spitzenplatz ein. In der Kategorie "privilegierte Lagen" steht die 0,9 Hektar große Neckarhalde, die von dem Weingut Kusterer bewirtschaftet wird, auf einer Ebene mit sechs Adressen in Bad Cannstatt, Mundelsheim, Neipperg, Untertürkheim und Verrenberg. Noch besser schneiden nur Kleinbottwar und Schwaigern ab.

In der dritten Kategorie es handelt sich um die guten Lagen in Württemberg werden 23 Rebflächen geführt, darunter der Esslinger Schenkenberg. Mit 81,2 Hektar ist er mit Abstand das wichtigste Anbaugebiet der Stadt. Nach Meinung der Redaktion besitzt die Lage das Potenzial, als "privilegiert" oder sogar "besonders privilegiert" eingestuft zu werden. Als empfehlenswerten Erzeuger erkennt sie dort aber nur das Weingut Kusterer an. Dieses Urteil bedeutet einen Seitenhieb gegen die Weingärtnergenossenschaft, die im Schenkenberg den Löwenanteil der Fläche umtreibt.

Aus Esslinger Sicht muss Hans Kusterer als klarer Gewinner des jüngsten Verfahrens gelten, das "Weinpapst" Hugh Johnson höchstpersönlich als fachkundig und sorgfältig gepriesen hat. Doch die Wengerter vor Ort wollen sich durch das unterschiedliche Lob nicht auseinanderdividieren lassen. "Wir haben das gemeinsame Interesse, Esslingen als Weinbauort bekannter zu machen", betont Kusterer. Auch als Einzelkämpfer müsse er ein Interesse haben, dass die Wertschätzung dem gesamten Berufsstand gilt.

Angetan von der Aufmerksamkeit für Esslingen zeigt sich auch Albrecht Sohn, der Vorsitzende der Weingärtner. Die Kritik, wonach die Weingärtner das Potenzial am Schenkenberg nicht ausschöpfen, nimmt er ernst. Überbewerten mag er sie nicht. "Das ist der alte Streit, ob wir mit dem Trollinger den Möglichkeiten dieser Lage gerecht werden." Die Genossenschaft habe die Diskussion längst aufgegriffen und setze verstärkt auf Merlot, Cabernet und Lemberger. Ihre Stammkunden, die am Trollinger hängen, werde sie aber nicht vernachlässigen.