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DETTINGEN Erich Knust springt wie ein ...

DETTINGEN Erich Knust springt wie ein Weltmeister im wahrsten Sinne des Wortes: Der Dettinger Physiotherapeut hat vergangenen Monat zusammen mit 155 anderen "Sky Divern" einen Rekord im Formationsfallschirmspringen aufgestellt: "Uns

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BIANCA LÜTZ

ist die größte nationale Großformation weltweit gelungen", freut sich der Sportler über den einzigartigen Erfolg in den USA. Nebenbei haben er und seine Teamkollegen darunter 50 Frauen mit ihrem 156er-Stern in Schwarz-Rot-Gold dann gleich noch den deutschen Rekord geknackt.

Zu dem Höchstleistungsversuch hatte der Verein Dädalus Fallschirmsport Eisenach erfahrene "Sky Diver" aus ganz Deutschland nach Eloy, Arizona, eingeladen. "Um einen solchen Rekord aufzustellen, braucht man klare Sicht und einen entsprechenden Flugzeugpark", begründet Erich Knust, warum die deutschen Fallschirmspringer allesamt in die USA reisten. Darüber hinaus spielten meteorologische Faktoren eine Rolle: "Eloy liegt in der Wüste von Arizona, da gibt es eine Wettergarantie."

Insgesamt zwei Wochen verbrachte Erich Knust in den USA, zehn Tage davon dauerte allein das Formations-Event. Nach einer Akklimatisierungsphase, dem Briefing und "Trockenübungen" bei 30 bis 35 Grad im Schatten, tasteten sich die Springer immer näher an den Riesenstern aus 156 Menschen heran. "Wir haben in Eloy insgesamt 19 Sprünge absolviert", berichtet Knust: "Der 16. Sprung war dann der Rekord."

"Der Großteil der Teilnehmer war zwischen 25 und 60 Jahren alt", geht er auf die Vielfalt im Teilnehmerfeld ein. Auch sonst trafen in Eloy die unterschiedlichsten Menschen aufeinander: "Vom Chefarzt bis zum ganz normalen Arbeiter war alles vertreten." Der einzige Springer aus der Region rund um die Teck war der Dettinger Physiotherapeut allerdings nicht: Joachim Schulz aus Hepsisau war ebenfalls mit von der Partie.

Drei Kamerateams begleiteten das Projekt in Eloy, ebenso wie ein unabhängiger Schiedsrichter, der über die Gültigkeit des Rekordversuchs befand. Die Bedingungen: Alle 156 Springer mussten durch Greifen miteinander verbunden sein, und jeder Einzelne hatte exakt die Position einzunehmen, für die er vorgesehen war. "Den Stern mussten wird dann drei bis fünf Sekunden halten", so Knust. Als vergleichsweise großer und schwerer Springer hatte der Dettinger Physiotherapeut seinen Platz in der Basis, dem Innenteil des Sterns. "Leichtere Springer werden meist in den Außenbereichen positioniert."

Um ausreichend Zeit für den Aufbau einer Großformation zu haben, ist eine enorme Absprunghöhe notwendig. Schließlich beträgt die Fallgeschwindigkeit der "Sky Diver" rund 200 Stundenkilometer. "Der Exit fand bei 6000 Metern statt", berichtet Erich Knust vom Rekordsprung in Eloy eine Höhe, in der die Luft reichlich dünn ist. "Bei 6000 Metern braucht man auf jeden Fall Sauerstoff", betont der 43-Jährige. "Ohne das würde eine solche Formation gar nicht gelingen. Die Konzentration wäre weg und man würde müde werden", erläutert er die Bedeutung der Atemluftzufuhr, die in den Flugzeugen bis zum Absprung über Schläuche erfolgt. Nachdem sie zeitgleich aus sieben Flugzeugen abgesprungen waren, blieben den 156 "Sky Divern" eineinhalb Minuten für den Aufbau der Formation über der Wüste Arizonas. "Unser Stern stand bei etwa 2000 Metern", berichtet Erich Knust.

Auch wenn eine Großformation steht, ist noch längst nicht alles vorbei: "Der Sprung ist erst zu Ende, wenn alle wieder in der Packhalle sind." Dem Abbau der Formation, der bei 1900 Metern beginnt, kommt nämlich eine genauso große Bedeutung zu wie dem Aufbau: "156 Schirme am Himmel das ist nicht ungefährlich", verdeutlicht Erich Knust. Damit sich die Schirme nicht in die Quere kommen, wird die Formation nach einem strikten Schema aufgelöst: Die Springer vergrößern ihre Abstände untereinander sie sind nachher auf fast zwei Quadratkilometern Fläche verteilt und ziehen auf verschiedenen Höhen die Reißleinen.

Für ein anspruchsvolles Großprojekt wie den Stern müssen "Sky Diver" absolute Höchstleistungen bringen. "Man sollte körperlich fit sein", sagt Knust. Außerdem ist es wichtig, dass die Springer ein gutes Balancegefühl mitbringen. Vollkommen unverzichtbar sind für Vorhaben wie den 156er-Stern oder andere Großformationen in erster Linie jedoch bestimmte mentale Eigenschaften: "Absolute Disziplin, Teamfähigkeit, Nerven aus Stahl und Konzentration auf den Punkt genau", zählt Knust auf. Und noch ein Faktor erweist sich als äußerst wertvoll: "Beim Fallschirmspringen ist Erfahrung durch nichts wettzumachen", betont der 43-Jährige. Beispielsweise dauere es viele Jahre, bis ein Springer das richtige Gefühl dafür entwickelt habe, wie er sich im freien Fall am besten bewegen kann.

Waghalsigkeit und Leichtsinn dagegen haben Erich Knust zufolge im Fallschirmsport und vor allem beim Formationsspringen nichts verloren: Wer fahrlässig handelt, gefährdet damit nämlich nicht nur sein eigenes Leben, sondern auch das der anderen Sportler. "Eine Kollision zweier Springer beim Landeanflug in 200 Metern Höhe führt zum Absturz", verdeutlicht der 43-Jährige, welche Konsequenzen Unaufmerksamkeit und Nachlässigkeit haben können.

"Wenn jeder sich an das hält, was er gelernt hat, kann nichts passieren", betont der Physiotherapeut, dass das Risiko beim Fallschirmspringen jedoch keineswegs so hoch ist, wie viele Menschen glauben. "Sicherheit ist für uns das oberste Gebot." Darum gibt es auch strenge Vorschriften, was die Ausrüstung der Sportler angeht: "Wir springen immer mit zwei Schirmen, und die Fluggeräte sind TÜV-geprüft", sagt Knust. Mit im Gepäck haben alle "Sky Diver" außerdem einen Höhenmesser, ein Höhenwarngerät und ein Rettungsgerät, das automatisch den Notschirm aktiviert, falls sich der Springer in 250 Metern Höhe immer noch im freien Fall befindet. So ist gewährleistet, dass auch verletzte oder bewusstlose Sportler wohlbehalten am Boden ankommen.

Auch wenn Erich Knust, ebenso wie die anderen Teilnehmer in Eloy, ein "alter Hase" im Fallschirmsport ist für ihn wird der Rekordsprung im Land der unbegrenzten Möglichkeiten stets ein unvergessliches Erlebnis bleiben: "Das war schon eine sehr tiefgreifende Erfahrung", sagt der 43-Jährige. Er selbst entdeckte vor rund 15 Jahren seine Leidenschaft fürs Fallschirmspringen. "Schon der erste Tandemsprung hat mir unglaublich viel Freude bereitet", erinnert sich Erich Knust, dass der Funke sofort übersprang. Seitdem hat der Physiotherapeut, der Mitglied im Verein Dädalus ist, etwa 1300 Sprünge absolviert. Bis zur Teilnahme an Großprojekten ist es jedoch ein weiter Weg: "Erst springt man alleine, dann in Zweier-, Vierer- und Sechzehnerformationen." Der 156er-Stern soll aber längst nicht der Schlusspunkt seiner Fallschirmlaufbahn sein: "Ich schätze, in zwei Jahren wird es den nächsten Rekordversuch geben", prophezeit Erich Knust.

Fotos: Wolfgang Müller