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"Deutsche Produkte sind gefragt und hervorragend"

"Take the A-train" spielte die Formation der SWR-Big Band zur Einstimmung für den Neujahrsempfang, zu dem die IHK-Bezirkskammer Esslingen-Nürtingen in die Stadthalle K3N in Nürtingen geladen hatte. Rund 350 Gäste aus Wirtschaft und Politik verfolgten anschließend gespannt die Ausführungen des SWR-Intendanten Peter Boudgoust über die Zukunft der Medien.

SYLVIA GIERLICHS

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NÜRTINGEN Zunächst jedoch blickte der IHK-Präsident Wolfgang Kiesel auf die wichtigsten wirtschaftspolitischen Themen des vergangenen Jahres zurück. Rund 650 000 neu geschaffene Arbeitsplätze bundesweit waren für ihn ein Indiz dafür, dass die deutsche Wirtschaft im Jahr 2007 kräftig zugelegt hat. Problematisch allerdings sei, dass die Erfolge sich im Wesentlichen auf den Export und auch nur auf wenige Sparten wie Fahrzeugbau, Maschinenbau und Elektrotechnik stützen. Woran es liegt, dass die Konjunkturkurve insgesamt dennoch nach oben zeigt? Kiesel führt dies im Wesentlichen auf Lohnzurückhaltung und Maßnahmen aus dem Reformprogramm Agenda 2010 zurück.

"Deutsche Produkte sind gefragt und technologisch hervorragend, sie müssen aber immer um so viel besser sein, wie sie teurer sind", sagte der IHK-Präsident und warnte davor, den Aufwärtstrend durch zu hohe Lohnforderungen zu bremsen. Für die Einführung von Mindestlöhnen kann Kiesel nur wenig Verständnis aufbringen.

Vor allem die Automobilindustrie klage über einen schlechten Absatz in Deutschland. Diesel, Benziner, Hybridfahrzeug? Der orientierungslose Verbraucher wisse derzeit nicht, für welche Technik er sich entscheiden soll, und vertage daher seine Kaufentscheidung, was wiederum Arbeitsplätze gefährde.

Dass Wirtschaft und Gesellschaft eng miteinander verflochten sind, machte Kiesel am Thema Gewalt deutlich. Um die Gewaltbereitschaft einzudämmen, brauche die Gesellschaft Vorbilder. Eltern, Kindergärten und Schulen, aber auch Arbeitgeber hätten hier eine große Aufgabe und Verpflichtung. Vorbildfunktion hätten jedoch auch Politiker: "Wenn ich mich einerseits gegen die Gewalt von Jugendlichen wende und andererseits verbale Gewalt gegenüber meinem politischen Gegner anwende, dann muss ich mich fragen, bin ich noch Vorbild?", sagte Kiesel.

Für falsch hält der IHK-Präsident es jedoch, die Gesellschaft dadurch zu spalten, dass besonders negative Entwicklungen ständig hervorgehoben werden. So nannte er es unangebracht, Managern ihre Gehälter oder ehemaligen Betriebsräten ihre Bordellbesuche ständig öffentlich vorzuhalten.

Pfiffig und erfinderisch sind für Kiesel die mittelständischen Unternehmen, die oftmals Spitzenprodukte herstellten. Dies habe erneut der Innovationspreis des Landkreises Esslingen gezeigt, bei dem die IHK mit im Boot sitze und sich auch weiterhin aktiv daran beteiligen werde. Auch auf den Zuwachs bei neu abgeschlossenen Ausbildungsverträgen ist Kiesel stolz. Die Bezirkskammer Esslingen-Nürtingen sei zudem Spitzenreiter, wenn es darum gehe, neue Ausbildungsbetriebe und Ausbildungsplätze zu gewinnen.

"Angenommen, Christoph Kolumbus käme ins Jahr 2008, er machte merkwürdige Entdeckungen", begann der SWR-Intendant Peter Boudgoust seinen Vortrag über die Zukunft der elektronischen Medien. Der Entdecker Amerikas fände Menschen vor, die sich merkwürdige kleine Schachteln ans Ohr hielten und Nachrichten per SMS statt mit berittenen Boten durch die Welt schickten. "Kolumbus", sagte Boudgoust, "wäre sicher ganz schön überfordert in unserer Welt."

Klar, nicht jeder brauche drei Handys und fünf E-Mail-Adressen, und das Gespräch mit dem Nachbarn über den Gartenzaun sei vielen immer noch lieber als die Kommunikation über elektronische Medien. Das Medien- und Kommunikationsverhalten der Menschen habe sich jedoch in den vergangenen 30 Jahren grundlegend gewandelt. Zwar nutzten besonders die 14- bis 29-Jährigen häufig das Internet, doch auch Senioren seien immer häufiger "online". Mittlerweile werde gar das Fernsehen als verzichtbarer angesehen als der Computer.

Um im Internet jedoch den Schund von den Edelsteinen unterscheiden zu können, bedürfe es der journalistischen Kompetenz, die die Flut von Informationen filtert. Mit Blick auf die Zukunft habe das Bundesverfassungsgericht erst kürzlich den öffentlich-rechtlichen Auftrag auch für die Neuen Medien bestätigt und so die Online-Aktivitäten von ARD und ZDF gestärkt.

Der gebürtige Mannheimer Boudgoust machte deutlich, dass die Stärke des SWR vor allem in der flächendeckenden Berichterstattung liege: "Wir berichten über Wirtschaftsthemen genauso wie über die Ergebnisse der TG Nürtingen." Dennoch müsse auch der SWR auf der neuen medialen Plattform seinen Weg finden, um die junge Generation zu erreichen. "Wir machen nicht jeden Firlefanz mit. Dazu haben wir gar nicht das Geld", stellte er klar. Wer jedoch abends die Nachrichten verpasst habe, könne sie sich eben heute auch im Internet nochmals ansehen. Öffentlich-rechtliches Fernsehen, meint der 53-jährige Intendant, dürfe nicht elitär sein: "Alle zahlen für unsere Leistungen, also sind wir auch allen verpflichtet."