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"Deutschland ist leider noch nicht reif für eine Kanzlerin"

Enttäuschung über das unklare Wahlergebnis auf der einen, Freude über das gute Abschneiden der SPD auf der anderen Seite. Jetzt muss verhandelt werden. Viele Politiker, Gewerkschafter und Unternehmer in Stadt und Kreis sehen am ehesten den Weg einer großen Koalition.

F. HOFFMANN / R. UMSTADT

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KIRCHHEIM Enttäuscht über den Wahlausgang zeigte sich Landrat Heinz Eininger. "Ich hätte mir ein klareres Ergebnis gewünscht." Kein deutliches Signal zum Aufbruch sei vom Sonntagabend ausgegangen. Schwierigste Koalitionsverhandlungen sieht der Esslinger Landrat in den nächsten Monaten auf die Parteien zukommen. Ein rasches Handeln, was für das Land notwendig wäre, wird so nicht zu Stande kommen.

Kirchheims Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker ist nach dem für die CDU miserablen Wahlergebnis überzeugt von einer großen Koalition. Dies ist für sie nach der vorhandenen Ausgangslage deshalb eine realistische Konstellation, weil eine Bundesratsmehrheit, wie in der Vergangenheit, jede andere Koalition fürchterlich verhungern lassen könne. Bei den Ampelkoalitionen liegen die Inhalte ihrer Meinung nach zu weit auseinander, um ein Zusammengehen realistisch erscheinen zu lassen. "Am ehesten wäre noch die klassische Ampel Rot, Gelb, Grün denkbar."

Freude über den Wahlausgang herrschte bei der SPD-Landtagsabgeordneten Carla Bregenzer, weil die Sozialdemokraten allen Demoskopen zum Trotz bessere Ergebnisse einfuhren. Viele vor der Wahl noch Unentschlossene hätten die Parteien und ihre Programme genauer unter die Lupe genommen und dann SPD gewählt. Das Ergebnis für den Bundeskanzler sei deutlich ausgefallen. "Er macht eine hervorragende Figur."

Was mögliche Koalitionen anbelangt, so könnte sich die Landtagsabgeordnete an Stelle einer "Schwampel" eher eine klassische Ampel-Koalition mit den Liberalen vorstellen. Auf deren Koalitionsaussage zu Gunsten der CDU angesprochen, meinte Carla Bregenzer: "Es wäre nicht das erste Mal, dass die FDP in Stein gemauert umfällt." Als schwierigste Konstellation beurteilte sie eine große Koalition. "Der Souverän hat so kompliziert gewählt wie Politik heutzutage ist."

Der Kirchheimer CDU-Landtagsabgeordnete Karl Zimmermann ist auf der einen Seite sehr erfreut über das gute Erststimmenergebnis seiner Partei im Landkreis Esslingen, auf der anderen Seite aber natürlich bitter enttäuscht über das schlechte Abschneiden der Christdemokraten bei den Zweitstimmen. "Das geht eindeutig zu Lasten von Merkel und Co.", braucht er nicht lange Ursachenforschung zu betreiben. "Deutschland ist leider noch nicht reif für eine Kanzlerin", sagt er, hinzu käme, dass viele sich wohl auch mit Merkels Herkunft aus dem Osten schwer tun. Zudem habe es handwerkliche Fehler im Wahlkampf gegeben, etwa die Verunsicherung um Paul Kirchhofs Steuerpläne. Was die Zukunft betrifft, wundert sich der Kirchheimer Landespolitiker über die vielen munteren Farbenspiele. Für ihn ist die Sache klar: Weder für eine große Koalition, noch für ein schwarz-gelb-grünes Bündnis sieht er eine gemeinsame politische Basis. "Die Positionen liegen viel zu weit auseinander." Ergo laufe vermutlich "leider" alles auf eine Fortsetzung der rot-grünen Regierung hinaus, die von der Linkspartei toleriert wird. "Dann haben wir italienische Verhältnisse, ein politisches Chaos und eine zutiefst verunsicherte Wirtschaft." Maximal ein Jahr werde diese Regierung überleben, dann müssten Neuwahlen anberaumt werden, so Karl Zimmermanns düstere Prognose.

So schwarz möchte Christoph Tangl, Fraktionsvorsitzender der Grünen Alternative im Kirchheimer Gemeinderat, nicht sehen. Aus seiner Sicht deutet vieles auf eine große Koalition hin. Aber auch eine klassische Ampel mit SPD, FDP und Grünen ist für den Kommunalpolitiker durchaus im Bereich des Möglichen. Nicht vorstellen kann er sich dagegen eine "Jamaika-Konstellation". "Grüne Politik muss sichtbar sein. In einer solchen Koalition würde sie mit Sicherheit bis zur Unkenntlichkeit verwässert", rät Tangl, der selbst nicht Mitglied der Grünen ist, den Strategen der Ökopartei nachhaltig von einem Techtelmechtel mit Schwarz-Gelb ab. "Die Basis würde dies als Machthunger auslegen", glaubt Christoph Tangl. "Schon das Bündnis mit der SPD hat viele überzeugte Grünen-Mitglieder und -Anhänger nicht gerade begeistert." Einen Zusammenschluss mit CDU und FDP würden die mit Sicherheit nicht tolerieren und sich enttäuscht von der Partei abwenden.

"Das Wahlergebnis ist insgesamt schlecht für Deutschland," stellt Bernd Most erschüttert fest. In seinen Augen gibt es, mit Ausnahme der FDP, nur Verlierer. "Das war für niemanden ein Sieg." Recht zufrieden zeigte sich der FDP-Stadtrat mit dem Abschneiden der Liberalen. "Das Ergebnis beweist, dass wir neben den Stammwählern noch weitere Wähler im Bereich der Zweitstimmen hinzugewinnen konnten." Ihr Wahlprogramm habe die FDP allerdings zu wenig verkaufen können. Es sei im Getöse des Kanzlerkampfs unberücksichtigt geblieben, bedauert Most. Richtig sei es gewesen, sich bereits vor der Wahl an die CDU zu binden und dem Wähler reinen Wein einzuschenken.

"Die Fronten sind verhärtet," stellt sich Bernd Most die Antwort auf die Koalitionsfrage schwierig vor. Am ehesten sieht er den Weg einer großen Koalition, obwohl er den für nicht sehr geeignet hält, Deutschland vorwärts zu bringen.

Auch Sieghard Bender, 1. Bevollmächtigter der IG Metall im Kreis Esslingen, hält eine große Koalition für die wahrscheinlichste Lösung. Aus Sicht des Gewerkschafters würde diese Konstellation für keine grundlegenden politischen Veränderungen sorgen. "In vielen Punkten, etwa den arbeitspolitischen Fragen oder der Außenpolitik, liegen SPD und CDU/CSU doch sehr nahe beieinander", kann er die tiefgreifenden Gräben zwischen den beiden großen Parteien nicht erkennen. "Es läuft auf eine ,Weiter-so-Politik' hinaus", vermutet Bender, "aus Sicht der Arbeitnehmer im positiven wie im negativen Sinne." Kein "Weiter so" wird es für Angela Merkel in der CDU geben, dessen ist sich Sieghard Bender sicher. Zwar glaubt er an eine große Koalition unter Führung der CDU, "nach dem sonntäglichen Wahlergebnis aber nicht mit einer Kanzlerin Merkel". Eine von der Linkspartei tolerierte rot-grüne Regierung kann sich der IG-Metall-Vertreter nicht vorstellen: "Schröder wird sich nicht von Lafontaine dulden lassen". Eher könnte es noch eine klassische Ampel-Koalition geben, "dann eben ohne Westerwelle", der für die FDP diese Möglichkeit bereits kategorisch ausgeschlossen hat.

Wolf-Rainer Bosch, Vorsitzender des Bunds der Selbstständigen (BDS) in Kirchheim, freut sich, dass der Wahlkreis wiederum durch drei Abgeordnete vertreten ist, ansonsten kann er aber dem Wahlergebnis wenig Positives abgewinnen. Der Unternehmer fürchtet ein Entscheidungsvakuum mit negativen Auswirkungen auf den Wirtschaftsstandort Deutschland. "Die Wirtschaft braucht klare politische Verhältnisse und zuverlässige Rahmenbedingungen. Ansonsten sehe ich die Gefahr, dass die Investitionsbereitschaft weiter abnimmt", sagt er. An eine große Koalition glaubt Bosch im Moment nicht, eher an eine Koalition aus CDU, FDP und Grünen. Eine Fortsetzung von Rot-Grün, toleriert von der Linkspartei, wäre aus Sicht der Wirtschaft die schlechteste Lösung, betont der Kirchheimer BDS-Vorsitzende.