Lokales

Dialog statt Klassenkampf

Helmut Hartmann hat als Gewerkschafter stets auf das Gespräch als auf den Klassenkampf gesetzt. Zum 30. Juni ist der 1. Bevollmächtigte der IG Metall Esslingen in den Ruhestand gegangen.

KREIS ESSLINGEN Ein Hardliner, der klassenkämpferische Parolen predigt, ist Hartmann nie gewesen, den Arbeitskampf sieht er nur als letztes Mittel: "Ich bin keiner, der sagt: hoffentlich dürfen wir streiken", erzählt der 1. Bevollmächtigte der IG Metall Esslingen, der zum 30. Juni in den Ruhestand gegangen ist. Der Dialog war ihm stets lieber als die offene Konfrontation. Das mag auch daran liegen, dass der 63-Jährige nicht die typische Funktionärskarriere gemacht hat, sondern den größten Teil seines Berufslebens in einem Betrieb verbracht hat. Hartmanns berufliche Laufbahn begann 1956 mit einer Ausbildung als Maschinenschlosser im westfälischen Siegen. Dass er in die IG Metall eintrat, stand für den damals 14-Jährigen, der aus einem gewerkschaftlich geprägten Elternhaus stammt, außer Frage: "Das war in dieser Firma normal", erinnert er sich.

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Das Kontrastprogramm erlebte er, als er 1967 als Konstrukteur zur amerikanischen Firma Cross nach Wendlingen wechselte. Arbeitnehmerrechte waren dort ein Fremdwort. Zusammen mit einigen Kollegen ergriff Hartmann die Initiative und gründete einen Betriebsrat. "Das war richtige Untergrundarbeit", erinnert er sich, denn der amerikanische Manager hatte von Mitbestimmung noch nie etwas gehört. Erst das Amtsgericht konnte ihn davon überzeugen, dass auch ein freigestellter Betriebsrat Anspruch auf Gehalt hat. Im Lauf der Zeit gewöhnten sich aber auch die Amerikaner an die Personalvertretung und ihren Vorsitzenden Helmut Hartmann. Als einer der ersten Betriebe führte die Firma, die später Giddings und Lewis hieß, Gleitzeit für Produktionsarbeiter ein. Eine Neuerung, die Hartmanns Handschrift trug.

Erst 1996 wechselte Hartmann die Seiten und bewarb sich als hauptamtlicher Gewerkschaftssekretär in Esslingen. Doch als einfacher Sekretär hat er nie gearbeitet, denn der Ortsvorstand beförderte den Quereinsteiger in einer Kampfabstimmung gegen den ungeliebten Amtsinhaber Erhard Pusch prompt zum 1. Bevollmächtigten. Neun Jahre war Hartmann in dieser Funktion tätig und wurde zwei Mal in seinem Amt bestätigt. Dass er ein Mann der betrieblichen Praxis ist, hat Hartmann immer als Vorteil gesehen: "Betriebsräte haben mir oft gesagt, dass man merkt, dass ich ihre Probleme selbst Jahre lang erlebt habe."

Nun hat er sich entschlossen, in den Ruhestand zu gehen nicht vorzeitig, wie er betont, denn nach 45 Berufsjahren kann er ganz offiziell schon mit 63 in Rente gehen. In verschiedenen Ehrenämtern wie im Vorstand der Arbeiterwohlfahrt oder im Bezirksrat der AOK Nürtingen-Kirchheim wird er sich aber weiterhin engagieren. Und auch der SPD, für die er als stellvertretender Fraktionsvorsitzender im Regionalparlament sitzt, hält er die Treue, "obwohl ich mit vielem nicht einverstanden bin", wie er sagt. Ansonsten freut er sich darauf, künftig noch mehr Zeit mit seinen beiden Enkeln verbringen zu können. Und sollte einer von ihnen den Opa eines Tages fragen, ob die Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft heute noch Sinn macht, dann wird er aus Überzeugung sagen: "Gute Arbeitsbedingungen gibt es nur dort, wo es intakte Gewerkschaften gibt."

ez