Lokales

Die "2-Klassen-Kommunikationsgesellschaft"

Die Reaktionen reichen von der Verärgerung bis zur Gründung von Initiativen: Auf dem "flachen Land" lehnt die Telekom höflich, aber bestimmt DSL-Anschlüsse als unrentabel ab, es sei denn, Gemeinden beteiligen sich an den Kosten. In Schopfloch, Owen und Bissingen wurden Bürger initiativ.

RICHARD UMSTADT

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KIRCHHEIM Wer auf dem Lande wohnt, lebt zwar idyllisch, dafür müssen jedoch nicht selten Nachteile in Kauf genommen werden, die den Bewohnern in Ballungsräumen unbekannt sind. Als ein solches Manko empfinden Bürger und Gewerbetreibende in Schopfloch, Owen, Bissingen, Neidlingen und Schlierbach das Fehlen eines DSL-Anschlusses.

"Hilfe! Kein DSL in Süd-Bissingen? Das kann doch nicht sein!" Unter diesem Motto wandte sich der Bissinger Gemeinderat Rolf-Rüdiger Most über Handzettel und das Gemeindemitteilungsblatt an seine Mitbürger und erhielt daraufhin 75 Rückmeldungen. Diese Haushalte interessieren sich wie Most für einen DSL-Anschluss. In einem Schreiben teilte der Bissinger Gemeinderat Telekom den dringenden Bedarf mit und erkundigte sich, wie viele interessierte potenzielle Kunden T-Com benötige, damit sich die Einrichtung von DSL lohne. Eine Antwort auf diese Frage erhielt Rolf-Rüdiger Most zwar nicht, jedoch teilte ihm Adam Piestrzynski von der T-DSL-Ausbau-Südwest mit, dass derzeit keine Möglichkeit bestehe, in einem wirtschaftlich vertretbaren Rahmen auch durch den Einsatz neuer Techniken weitere DSL-Anschlüsse in der Seegemeinde bereitzustellen.

Wie aus einem Schreiben Piestrzynskis an Bissingens Bürgermeister Wolfgang Kümmerle hervorgeht, kann die Telekom bei rund 85 Prozent aller Kundenanschlüsse am Ort DSL anbieten. Bei den restlichen 15 Prozent stößt die Telekom an physikalische Grenzen, da die Kabellänge vom Netzknoten zum Kundenanschluss die maximal zulässige Reichweite von etwa fünf Kilometer überschreitet. Dann könne die für T-DSL geforderte Übertragungsgeschwindigkeit von mindestens 384 KBit pro Sekunde nicht mehr gewährleistet werden. Was in den Großstädten für Telekom kein Problem ist, wird auf dem "flachen Land" für den rosa Riesen zum Rechenexempel.

Bereits 2001 beantragte der Schopflocher Dennis Schneck bei der Telekom einen DSL-Anschluss. "Kein Problem. T-DSL ist an Ihrem Anschluss verfügbar", hieß es damals. Diese Auskunft stellte sich jedoch nach einem Monat als Fehlinformation heraus, berichtete Dennis Schneck. Das Angebot von T-Com DSL via Satelit stellte für den Schopflocher keine Lösung dar, "denn man bezahlt doppelt". Erstens für den SAT-DSL-Anschluss und zweitens für den Rückkanal, der nötig ist während der Internetverbindung. Da die Suche nach einer Alternative auch bei anderen Anbietern nicht zum Ziel führte, erstellte er eine Internetseite, um so Gleichgesinnte zu erreichen. Rund 60 Schopflocher meldeten sich, die im Juni vergangenen Jahres gemeinsam mit Dennis Schneck die Initiative "adsl4Schopfloch" bildeten. Parallel dazu klopfte Lenningens Bürgermeister Michael Schlecht bei der Telekom an und wollte wissen, welche Voraussetzungen und Bedingungen erfüllt sein müssen, um den DSL-Ausbau auch in Schopfloch umsetzen zu können. Die Antwort der T-Com fiel für die Gemeinde ernüchternd aus: Lenningen sei zu 83 Prozent versorgt. Wolle die Gemeinde einen weiteren Ausbau in Schopfloch, müsse sie sich finanziell beteiligen oder aber rund 120 bis 140 Schopflocher einen Anschluss beantragen. "Da hätte jeder Haushalt mitmachen müssen", erklärte Michael Schlecht, "das war nicht drin." Ebensowenig konnte sich die Kommune finanziell engagieren.

Dennis Schneck ließ nicht locker und entdeckte schließlich einen gangbaren Weg. Die Lösung heißt DSLregio.net der Firma iTeck in Kirchheim, die mit Richtfunk arbeitet. "Es ist zwar nur DSL Light, aber mehr, als die Telekom für uns getan hat", meinte Schneck.

Verärgert über den rosa Riesen sind auch die Owener Stadtväter. "Sowohl Bürger als auch unsere Firmen sind auf uns zugekommen mit der Bitte, bei Telekom um DSL-Anschlüsse nachzufragen", sagte Bürgermeister Siegfried Roser. "Die Deutsche Telekom war aber nicht bereit, die entsprechenden Voraussetzungen zu schaffen." Wie im Falle Lenningens hätte T-Com nur bei einer hohen Kostenbeteiligung der Stadt Owen oder einer Zusage von rund 260 Anschlussnehmern aufgerüstet. Daraufhin wanderten Interessenten zu Arcor ab. "Das funktioniert aber nur mit Einschränkungen", wie Bürgermeister Roser wusste. Nach einem erneuten Brief der Stadt an Telekom bot das Unternehmen jetzt eine DSL-Light-Lösung mit 384 KBit/s an. "Das ist unbefriedigend und reicht für unsere Firmen in keinster Weise", ärgerte sich Siegfried Roser. Dennoch wollen die Owener am Ball bleiben.

Die Hoffnung nicht aufgegeben haben auch die Neidlinger und die Schlierbacher. Die Reußensteingemeinde ist zum Teil mit der superschnellen Internetverbindung ausgerüstet, zum Teil geht gar nichts beziehungsweise nur mit 384 KBit/s. "Das kann von Haus zu Haus total unterschiedlich sein", so der auf dem Neidlinger Rathaus zuständige EDV-Mann Zimmermann. Auch die gemeinde Schlierbach sollte nach dem Willen der Telekom tief in die Tasche greifen, um die DSL-Light-Version zu pushen. Für Schlierbachs Bürgermeister ist dies nicht ganz einsichtig. "Ich gehe davon aus, dass noch andere Anbieter auf den Markt kommen."

Aus einer Stellungnahme der Landesregierung auf eine Anfrage zur flächendeckenden Ausstattung des ländlichen Raumes mit modernen Informations- und Kommunikationstechnologien geht hervor, dass eine hundertprozentige Versorgung des Landes nach dem heutigen Stand der Technik weder realistisch noch wirtschaftlich vertretbar sei. "Das hört sich doch ganz nach einer Zwei-Klassen-Kommunikationsgesellschaft an", kommentierte Gemeinderat Rolf-Rüdiger Most diese Telekom-Aussage.